„Mutter, bleibe standhaft,

ich bin im Dschihad

trauer nicht um mich und wisse,

er hat mich erwählt.“

Die säuselnde Stimme aus dem Internet-Video tut so, als ob sie die Mutter trösten will. Doch tatsächlich wendet sie sich an den Sohn. Er soll sich nicht um seine Mutter sorgen, sie werde es verstehen, wenn der Sohn in den Krieg ziehe, für die vermeintlich heilige Sache.

„Noch heute muss ich gehen,

morgen wär‘ es schon zu spät

Mutter, bleibe standhaft,

dein Sohn ist im Dschihad.“

Dschihadisten bedienen sich für ihre Propaganda imme öfter traditioneller arabischer Liedformen, sagen Ermittlungsbehörden. Diese A-Capella-Vorträge sind dann oft nicht auf Arabisch, sondern auf Deutsch. Denn sie wenden sich an Konvertiten oder auch an andere aus dem nichtarabischen Raum, die in einer Sinnkrise Fragen zum Islam haben. Antworten finden sie im Internet, wo Salafisten und Dschihadisten ihre radikale Deutung der Religion darstellen, Nils Boeckler vom Darmstädter Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement erklärt, warum diese Taktik verfängt:

Radikalisierung ist eigentlich immer ein Prozess der Identitätsfindung. Es hat immer mit sozialen Beziehungsmuster zu tun. Ich möchte beispielsweise der Gesellschaft zeigen, ich bin nicht mehr das Opfer.“

Im Nachhinhein haben Kriminologen diese Haltung auch in den Biographien vieler Attentäter gefunden. Aus ihren Lebenläufen zu verallgemeinern, wie sich Menschen radikalisieren, ist allerdings schwierig. Die Fallzahl ist zu niedrig, um daraus Muster ableiten zu können. Andreas Schwegel, Leiter der Präventionsstelle für politisch motivierte Kriminalität des Landeskriminalamtes Niedersachsen, setzt daher auf eine ganzheitliche Analyse:

Es gibt in dem Sinne keine idealtypischen Radikalisierungsverläufe. Die Profile von Radikalisierung, mit denen wir es zu tun haben, die sind sehr heterogen. Aber es gibt schon gewisse Marker, die in Radikalisierungsprozessen jedenfalls häufiger auftreten. Wir sagen aber auch ganz klar: Man kann das nicht wie eine Checkliste betrachten nach dem Motto, ich habe 20 Merkmale, wenn 15 erfüllt sind, habe ich einen Extremisten vor mir, sondern man muss sich auch schon die Mühe machen und die Person in ihrer Gesamtheit sehen.“

Und vor allem ihr Verhalten, zum Beispiel gegenüber anderen Studenten oder gegenüber Dozenten, sagt Diplom-Pädagoge Nils Boeckler vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement.

Wir nehmen kein globales Screening vor, sondern es gibt immer einen Ausgangspunkt, und zwar, dass sich ein Mensch Sorgen macht, dass jemand sich in einer Krisenentwicklung befindet, dass sich andere Menschen bedroht fühlen, auf der Grundlage, dass sie eine Gewaltandrohungen mitbekommen haben, dass sie irgendwelche Notizen gesehen haben und dann geht es natürlich darum zu gucken, worauf können wir achten.“

Der LKA-Beamte Andreas Schwegel nennt Beispiele:

Wenn sie merken, dass Personen aggressiv missionieren, also im Stile von Angstmacherei oder auch einer Sittenpolizei, sag ich mal, andere angehen, dann kann das Anzeichen für Radikalisierung sein.

Wenn Sie es mit einem Menschen zu tun haben, der vorher keine Probleme hatte mit Nicht-Muslimen, wenn der aber anfängt in Nichtmuslimen Kufar, also Ungläubige zu sehen, in ihnen also Feindbilder sieht und das nicht nur Provokation ist, sondern Sie merken, das ist Teil jetzt seines Lebensinhalt, dann kann das ein Zeichen für Radikalisierung sein.“

In vielen Fällen ist es aber auch so, dass einzelne Studierende sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden – das hat dann zwar nichts mit Radikalisierung zu tun, doch es könnte trotzdem eine Bedrohung für andere Studierende oder Mitarbeiter entstehen. Nils Böckler vom Institut für Prävention und Bedrohungsmanagement weiß, dass Gespräche und Beratung irgendwann an Grenzen stoßen:

„Wann ist ein Verhalten nicht mehr tragbar in einer Institution. Da gehen wir mit konfrontativen Techniken vor. Das hilft, wir müssen erkennen, wann ist ein Verhalten strafrechtlich relevant. Wann ist es psychiatrisch so auffällig, dass sich Hilfe beispielsweise von sozialpsychiatrischen Diensten brauche. Und wann ist einfach ganz viel Kommunikation angesagt.“

Hochschulen müssten hier eine Kultur der Achtsamkeit entwickeln, empfiehlt Nils Boeckler. Da sind dann besonders die anderen Studierenden gefragt. Denn im Gegensatz zu den Mitarbeitern in der Verwaltung verbringen sie sehr viel Zeit miteinander. Wenn ihnen dann etwas merkwürdig vorkommt, sollten sie die Hochschule kontaktieren, zum Beispiel die psychologische Beratungsstelle, oder Beauftragte für Sicherheitsmanagement. Allerdings: Direkte Ansprechpartner für Bedrohungsmanagement hat bislang kaum eine Hochschule.