Es gibt ein paar Eigenarten auf der Kanalinsel Guernsey. Die Kanalinsel gehört wie die andere große Kanalinsel Jersey nicht zum Vereinigten Königrreich, weil sie direkter Kronbesitz des englischen Königshauses ist. Deswegen sind die beiden Inseln auch nicht Teil der Europäischen Union und haben eigene Regeln für die SteuergesetzgebungEine andere Besonderheit ist die politische Selbstverwaltung: Nur auf Guernsey gibt es ehrenamtliche Douzeniers mit Constables an der Spitze. Sie kümmern sich um ganz handfeste Angelegenheiten, und kennen sich aus in ihren Heimatorten.

Douzenier Timothy Bush ist auf Kontrollgang durch die Hafenstadt St Peter Port, dort, wo er aufgewachsen ist.

„And although Douzaine comes from the French for 12, in the case of St Peter Port, it’s the largest town in Guernsey. there are 20 of us.“

„Douzaine“ kommt zwar vom französischen Wort für „zwölf“. In Saint Peter Port, der größten Stadt auf Guernsey, sind wir allerdings 20 Douzeniers.

20 Douzeniers, die sich ehrenamtlich um die Geschicke der 12 000-Einwohner-Stadt kümmern, die großen, zum Beispiel die Zukunft der Müllentsorgung, und die kleinen, wie die Sicherheit der Fussgänger in den schmalen Straßen.

„I’m going to show you around some of the streets of St Peter Port which is the parish of which I’m a Douzenier and as elected as a Douzenier in November 2016 by the voters of St Peter Port.“

Ich werde euch durch ein paar der Straßen in Saint Peter Port führen. Das ist die Gemeinde, in der ich im November 2016 zum Douzenier gewählt worden bin.

Tim Bush schaut er mit kritischem Blick auf eine Hecke, die über eine Mauer auf den Gehweg wächst.

„Twice a year we have to make sure hedges are cut back from the roads. And these are inspected by the 15th of June and the 15th of September by the Douzeniers is to make sure that any growth or noxious weeds are cut back away from the roads or public footpath.“

Douzeniers wie Timothy Bush kontrollieren den Schnitt von Hecken und Bäumen, die in die Straße hineinragen.

Zwei Mal im Jahren müssen wir schauen, ob die Hecken zurückgeschnitten sind. Sie werden dann am 15. Juni und am 15. September inspiziert, um sicher zu gehen, dass zu lange oder schädliche Pflanzen so zurückgeschnitten werden, dass sie nicht auf öffentliche Straßen oder Gehwege ragen.

Der Gehweg ist schmal, daneben verläuft eine enge, aber vielbefahrende Straße. Kommen sich Fussgänger entgegen, müssen sie ausweichen, vielleicht sogar kurz auf die Straße treten. Wenn jetzt noch eine dichtgewachsene Hecke von einem der Grundstücke wild auf den Gehweg ragen würde, wäre diese nicht nur unordentlich, sondern auch gefährlich. Doch an dieser Hecke, die Tim Bush gerade anschaut, gibt es nichts zu mäkeln.

„This is a good example of a hedge and that’s nicely cut back nicely maintained its flush to the wall beneath it. If it is growing outside by more than so many inches or millimeters or centimeters then that would be a reason to sort of post the notice and have a chat with the owners to ask them to comply with the regulations.“

Das ist ein gutes Bespel für eine gut gestutzte Hecke, die fest auf der Mauer darunter aufliegt. Wenn sie um so und so viel Zoll oder Zentimeter zu lange wäre, müssten wir eine Benachrichtigung darüber hinterlassen und ein Gespräch mit dem Besitzer führen und ihn bitten, sich an die Regeln zu halten.

So richtig autoritär geht es auch dann allerdings nicht zu, die Menschen auf Guernsey wissen schließlich, was zu tun ist. Und zudem ließen sie sich wohl sowieso nicht so einfach etwas sagen. Die Inselbewohner seien nämlich als „Guernsey Donkeys“, meint Constable Dennis Le Moignan.

Guernsey donkeys – because we are stubborn. We are stubborn. But when we have a job to do, we will do it. Very reliable. But we are stubborn.

Guernsey Esel – weil wir so stur sind. Wir sind stur. Doch wenn wir etwas erledigen müssen, erledigen wir es. Sehr zuverlässig. Aber wir sind stur.

Dennis Le Moignanist einer der beiden Constables, das sind die Chefs der 20 Douzeniers in St Peter Port. Keiner von ihnen wird bezahlt. Nur auf Guernsey gibt es Douzenier.

Und nur auf Guernsey gibt es „Filter“, das sind besondere Vorfahrtsregeln an Straßenkreuzungen: Wer zuerst kommt, darf zuerst fahren, dann die anderen. Das funktioniert, weil keiner auf sein Recht pocht und alle Auto- oder Motorrradfahrer die anderen ständig im Blick haben, sich Handzeichen oder Lichtzeichen geben. Mit Chaos ist allerdings immer dann zu rechnen, wenn deutsche Touristen vom Schiff kommen und sich Fahrräder mieten. Jenny Tasker, die ebenfalls Constable in Saint Peter Port ist:

Schiffe von Deutschland, und sie haben Fahrräder dabei, von Zeit zu Zeit sind es 40 oder 50 und sie machen eine Tour über die Insel, und wir müssen sie immer über die Filter sagen, sie müssen einen nach dem anderen gehen, sie müssen nicht alle zusammen.“

Doch die Menschen auf der Insel fahren vorsichtig – Unfälle, weil Touristen die „Filter“-Regel nicht kennen, gibt es selten, sagen die beiden Constables Jenny Tasker und Dennis Le Moignan.

Die Douzeniers sind nicht nur für die Überwachtung von Heckenschnitt zuständig, sondern z.B. auch für die Sicherheit in den Steinbrüchen, sie haben ein Auge auf die öffentlichen Parks, sorgen dort für ansehnliche Blumen und sichere Sitzbänke. Und sie organisieren die Feiertage zur Erinnerung an das Ende der Weltkriege.

Der Jahrestag der Befreiung von der deutschen Besatzung 1945 wird immer am 9. Mai groß gefeiert; und es wird an die Opfer erinnert, für die am Hafen Gedenkplaketten angebracht wurden. Dass die Zeit der Deutschen auf Guernsey immer noch so präsent ist, liegt für Constable Jenny Tasker auf der Hand.

Five long years… because it was the only occupied British territory, the islands.

Fünf lange Jahres seien es gewesen – die Kanalinseln waren die einzigen britischen Gebiete gewesen, die von den Deutschen besetzt waren.

Jahrhunderte bevor die deutschen Besatzer von Sklavenarbeitern vor allem aus der Sowjetunion Bunker und Geschützstellungen bauen ließen, war Guernsey bereits schon einmal befestigt worden.

Rund um die Insel stehen Beobachtungstürme auf der Zeit, als die Engländer Angst vor den Franzosen hatten.

Den Hafeneingang von Saint Peter Port dominiert eine riesige Burg, die jetzt ein Museum ist, und jedes MIttag Punkt Zwölf wissen alle, was die Zeit geschlagen hat.

Zwei Museumsmitarbeiter schreiten als Kanoniere verkleidet und mit Marschmusik und Kommando-Spektakel zu einer alten Kanone, stopfen Schiesspulver hinein – auf eine Kanonenkugel verzichten sie. Dann wird es laut. 

Auf dem Weg vom Hafen nach Hause kommt Douzenier Tim Bush am Guernsey Museum vorbei, wo eine Statue des französischen Dichters Victor Hugo steht. Er hat einige Jahre auf Guernsey im Exil gelebt, und er hat einem Wort aus dem alten französischen Dialekt der Insel in die französösiche Hochsprache verholfen, erklärt TIm Bush.

„That’s the word pieuvre which is the word for octopus.“

Und zwar das Wort „Pieuvre“ für Tintenfisch. Victor Hugo hatte es auf Guernsey kennengelernt und in einem Roman verwendet.

Viele Ortsbezeichnungen auf Guernsey haben einen französischen Ursprung, ebenso wie viele Familiennamen. Aber sie werden mit einem eigenen Art und Weise ausgesprochen, anders als in Frankreich, und auch bereits anderes als auf der Nachbarinsel Jersey.

Tim Bush und seine Kollegen sind auch für die „douits“ zuständig, wieder so ein Wort mit französischem Klang.

„Douits“, das sind kleinen Wassergräben, die das Regenwasser ableiten. Sie müssen immer frei sein, und dafür sorgen die Douzeniers.

„As the Douzenier along with one of the constables who are the sort of head Douzenier we will actually walk through the streams and we’ve got the right to walk through peoples property to make sure that any streams faith with their property are kept free flowing.“

Ein Douzenier macht das zusammen mit einem der Constables. Wir gehen dann durch diese Gräben, und wir sind auch befugt, über das Privatgelände von Einwohnern zu gehen, um zu schauen, dass das Wasser auf deren Grundstücken einwandfrei abläuft.


Douzenier Tim Bush muss jetzt erst mal in den Pub, nicht zum frühen Pint, sondern weil er einen Aufkleber loswerden will. Die Kneipenbetreiber sollen angehalten werden, ihre Toiletten auch Passanten zur Verfügung stehen, die ein dringendes Bedürfnis haben. Besser drinnen im Pub als draußen vor der Tür, haben sich die Douzeniers gedacht. Der Aufkleber soll darauf hinweisen, und der Wirt ist leicht zu überzeugen:

This will just allow people to know that they are more than welcome to come in, use our facilities which are there anyway and may as well be used.“

Wir zeigen den Leuten, dass sie sehr gerne eintreten können, um unsere Einrichtungen zu nutzen, die ja sowieso da sind.

Und wieder einmal ist das tägliche Leben auf Guernsey, der Insel, die ihren Wohlstand mit weltweiten Finanzdienstleistungen und niedrigen Steuern erwirtschaftet, ein wenig angenehmer geworden – auch wenn es nur um Kleinigkeiten geht.