• Zu hässlich für Berlin ist ein Weihnachtsbaum aus dem Sauerland. Endlich einmal wollten die Berliner an der Gedächtniskirche einen richtig schönen, stattlichen Baum haben, nachdem es in den vergangenen Jahren immer wieder Ärger gegeben hatte: Dieses Jahr sollte alles besser werden – mit einem Baum aus dem Sauerland. Doch es kam ganz anders.Weihnachtsmärkte gibt es wie Sand am Meer, auch in Berlin. Die Konkurrenz ist groß, jeder Büdchen-Betreiber will Glühwein, heiße Maronen, kleine Geschenke für die Lieben oder ganz und gar unnütze Dinge an den Mann und die Frau bringen – auch die Betreiber des Weihnachtsmarktes an der Berliner Kaiser Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Und so sinnen sie jedes Jahr aufs Neue, wie sie Kunden von Nah und Fern erst in die Hauptstadt und dann zu ihren Marktbuden locken können.

    Das bewährte Rezept: Der Paradeplatz für den Vorzeige-Weihnachtsbaum, direkt neben der prominenten Kirche in der Westberliner City, wird an eine auswärtige Pflanze vergeben. Mit viel Tam-Tam wird jedes Jahr Anfang November ein Baum aus Österreich, Schweden oder zumindest aus Oberbayern oder Unterfranken herangekarrt, ausgepackt und dann der Häme der Ortsansässigen preisgegeben – zu klein, zu groß, zu schief, falsch geliefert, schlecht behandelt; die Berliner haben immer was zu meckern. Doch das ist gut, sorgt für Aufmerksamkeit, macht neugierig – ein perfektes Lockmittel für den zwei Wochen später beginnenden Weihnachtsmarkt.

    In diesem Jahr traf es eine ehrwürdige Fichte aus dem Sauerland. Die hatte der Kurdirektor aus Winterberg, selbst gebürtiger Berliner, seiner Heimatstadt versprochen. Es sollte der schönste Weihnachtsbaum Berlins werden, mit dem die Sauerländer Werbung für ihre Heimat machen und Touristen anlocken wollten. Praktisch veranlagt, wie Westfalen nun einmal sind, hatten sie die Fichte allerdings nicht aus dem Wald geholt, sondern einen Baum aus dem Stadtgebiet gefällt. Der musste nämlich sowieso weg, weil er auf einem Parkplatz stand, der nächstes Jahr bebaut wird.

    Frei Haus lieferten die Winterberger die Fichte in die Hauptstadt, eine Sauerländer Spedition übernahm den kostenfreien Transport, die Berliner Weihnachtsmarkt-Betreiber mussten nur den Kran zahlen, der den 18 Meter hohen Baum vom Tieflader an seinen Standort hievte.

    Es kam wie es jedes Jahr kommt: Kaum stand der Baum, ging die Meckerei los: Braune Flecken hätten die Nadeln, kleiner als in den Vorjahren sei er und überhaupt, die unteren zwei Meter fehlten ganz. Die Äste mussten für den Transport abgesägt werden, sonst hätte es Probleme auf der 600 Kilometer langen Autofahrt gegeben, entschuldigte der Winterberger Kurdirektor kleinlaut das rabiate Vorgehen des Speditionspersonals.

    Der Baum stehe ja neben einer Ruine, nämlich der Gedächtniskirche, und diesem Ruinen-Ambiente passe sich auch der kahle Baum aus dem Sauerland an, höhnte der Chef der Berliner Schausteller, die den Weihnachtsmarkt betreiben. Der Winterberger Kurdirektor empfiehlt Nägel, Draht, handwerkliches Geschick und viel Lametta und Lichter – ein wenig Modellieren verhelfe die Fichte dann zu einem für einen Weihnachtsbaum angemessenen Äußeren.

    Und sollte die Flickschusterei dann doch nicht helfen, hat die Berliner Senatsverwaltung schon einen Notfallplan: Bekommt die Fichte den KW-Vermerk für „kümmerlicher Weihnachtsbaum“, dann werde sie in den eigenen Forsten Ausschau halten und für einen kostengünstigen Ersatz sorgen.

    Doch ob Sauerländer Baum oder Berliner Eigengewächs – auch in diesem Jahr ist die Werbestrategie der Weihnachtsmarktleute wieder aufgegangen: Fazit – Meckern hilft, auch bei Geschenken. (Stand: 2003)