Kaum eine Einleitung zu den neuen Radiomöglichkeiten ohne den Verweis auf Bertolt Brecht: Die Zuschauer werden zum Macher, Mitbestimmer, Teilnehmer. Sagen die Erfinder.

Radio Zwei Punkt Null – ein demokratisches Medium, die Erfüllung von Brechts Radiotheorie ?

Zunächst mal geht‘s weniger um gesellschaftliche Teilhabe und dem Brechen vielleicht so wahrgenommener Medienmonopole. Sondern um Kommerz. Wie hält man die Hörer bei der Stange? Klar, in dem sie sich wichtig genommen fühlen und aufgefordert werden, ihre Meinung, Stimmung, Gedanken- und Gefühlswelt mitzuteilen. Das klappte jahrelang mehr oder weniger gut mit dem Telefon, wenn die Hörer schon nicht ins Studio kamen oder der Reporter zu ihnen. Was dabei herauskam, waren Live-Aufnahmen, gefakte Live-Gespräche, arg und atemlos zusammengeschnittene Interviews, Konferenzgespräche, je nach Thema und Teilnehmer tatsächlich auch  spannend für die Zuhörer. Zumindest wird der Eindruck hinterlassen, dass alle Hörer dazugehören, auch wenn nur wenige es auf den Sender schaffen. Statt Telefon Faxe oder Emails vom Moderator vorlesen lassen geht auch, ist aber deutlich unattraktiver als Hörer mit ihren Stimmen ins Programm zu packen.

Mittlerweile haben nun nicht wenige Hörer Smartphones mit Aufnahmemöglichkeit; da können sie gleich selbst was produzieren und ins Funkhaus schicken – als Bürgerreporter und Ü-Wagen auf zwei Beinen. Zumindest der produktionstechnische Qualitätssprung spricht dafür: Mit „mobile reporting“ ist damit ein wichtiger produktionsstechnischer Qualitätssprung erreicht: Mittlerweile sind die Mikrofone von iphone und Co. so gut, dass sie vor allem für Sprache sendetaugliche Ergebnisse produzieren lassen, allemal besser sind als das Telefongequäke. Günstige Software zum Aufnehmen und zum rudimentären Weiterverarbeiten gibt‘s auch: Einsprechen, speichern, als Email versenden.

Doch die Verwaltung des neuen Audio-Inputs ist erst einmal umständlich. Wie kommt der O-Ton vom Hörer als file-Anhang in die Sendung – ohne dem Hörer ein Passwort für interne Verteilsysteme zu geben, die die professionellen Korrespondenten des Senders nutzen? Lediglich händisch, vom Moderator nebenbei ausgeführt oder von Assistenten. Das kostet Zeit, sorgt für Fehler.  Die Macher von CrowdRadio haben nun den entscheidenden Tick Automatisierung in den Workflow gebracht: Die preisgekrönte Software von Jungunternehmer Hannes Mehring und seinen Leuten von „frischr“ aus Erfurt sorgt für eine direkte Einbindung der Hörer-Zulieferung in das Redaktions- und Sendesystem, und dies über eine eigene App, aber auch über facebook und twitter.  Zwei Mausklicks und die Töne gehen auf Sendung, wenn gewollt. Oder Texte und Fotos der Hörer werden ebenso schnell auf der Internet-Seite des Radios online gestellt.

Die Frage der Inhalte und deren Bewertung nimmt die Software dem Redaktionsteam allerdings nicht ab. Und auch die qualitative Tiefe der Beteiligung ist unterschiedlich – sie kann von Spontan-Emotionen über Staumeldungen über Interviews bis zum hochintellektuellen Diskurs gehen. Und möglicherweise ist es ein Vabanque-Spiel, wie professionell letztlich Laien Radio-Aufsager und gebaute Beiträge produzieren können. Beim Profi-Publikum wie bei den „Radio Days“ dürfte diese Sorge weniger eine Rolle spielen, und dort zeigt die Software noch weiteres Potential, nämlich den Einsatz bei Tagungen und Veranstaltungen: Direkte Kommentare und Ergänzungen zu den Veranstaltungen des Branchentreffens werden von Teilnehmern „on the fly“ hergestellt und mit der CrowdRadio-App online gestellt – ohne Redaktionsfreigabe. In Echtzeit wird so die aktuelle Debatte während eines Kongresses wiedergeben, wenn denn viele Teilnehmer mitmachen.

Das Potential reicht allerdings noch weiter, über die Grenzen des Hörfunks hinaus. Denn was für die reinen Radios gilt, ist in Zeiten des allgegenwärtigen Internets ja durchaus für andere Medien interessant: Fernsehen ist da wohl zu träge und aufwendig, aber der guten alten Tageszeitung käme der Schritt in ein Internet der unterschiedlichen Sinne mittels einer solchen App ja gut zu pass. Doch man fragt sich, warum die jammernden Zeitungsverlage diese Rückkanäle so wenig nutzen (machen sie es überhaupt?): Sie könnten in der Morgenzeitung thematisierte Kontrovers-Themen mit Audios, Fotos, Videos von Lesern noch im Laufe desselben Tages als Statements auf die Internetseite des Verlages packen und am nächsten Tag noch mal in der Zeitung darüber berichten. Das zieht Technik affine jüngere Leser an und bringt redaktionellen Input für weitere Berichterstattung, eine neue, eigene Dynamik. Und so einfach umzusetzen.  Wichtige Vorraussetzung: Journalistischer Input mit Relevanz. Vielleicht fehlt‘s ja daran.