Alexander Gerst ist ein kleiner Junge.

Künzelsau, ein Ort in Baden-Württemberg. Dort gibt es Eberhard Gienger, den Olympiaturner, und es gibt den Opa. Der Opa ist Funkamateur. Das ist ungewöhnlich. Telefon ist teuer, Internet gibt’s noch nicht. Alexander ist neugierig, will wissen, was passiert. Nicht nur in Künzelsau, sondern auch dort, wo die Sterne sind. Opa hilft.

Eine lange Antenne, ein Kabuff mit Technikgeräten, Knöpfe, Messinstrumente, ein Mikrofon. Irgendwie wuseln sich die Funkbotschaften aus Künzelsau hinaus in die weite Welt. Sogar bis zu den Menschen auf der anderen Seite der Erde. Mit denen redet Opa.

Alexanders Phantasie ist geweckt.

Von ganz woanders herkommen, mit dem Blick von außen. Reden, schauen, fragen. Sich ein Bild machen, daheim in Künzelsau, vom Leben auf der anderen Seite der Erde. Das gefällt Alexander. Das ist noch nicht der Weltall, aber es ist ein Anfang. Ab und zu darf er auch ans Mikrofon, seine Stimme in Richtung Mond schicken. Sie kommt sogar zurück, zwei, drei Sekunden später. Der Mond als Spiegel, von dem Worte abprallen. Spannend.

„Seit ich weiss, was die Sterne sind, will ich dorthin“, sagt Alexander Gerst. Ein Jungen-Traum.

Künzelsauer sind Württemberger, also bodenständig. Die wissen, was geht und was nicht. Alexander Gerst war klar, bereits als Kind: „Das klappt nie.“ Schon damals der Jungen-Traum nur Phantasie. Aber eine schöne. Eine, um Abenteuer zu bestehen. Das macht Mut.

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Alexander Gerst ist Geophysiker.

Forschungslabor Antarktis. In der Nähe ist ein Vulkan, der ab zu Feuer speit. Alexander Gerst nimmt Messungen vor. Wieder so eine Situation: Vom Kraterrand in die Tiefe schauen. Daten sammeln, Wissen anhäufen. Die Erkenntnisse mit in die Zivilisation zurückbringe, in den Alltag.

Wochenlang in der Eiswüste. Enger Kontakt zu Menschen, die einem fremd sind. Die einem auf den Wecker gehen, manchmal. Vor allem, wenn sie neu sind. Dann bringen sie Krankheitserreger mit. Es gibt keine Quarantäne. Das bedeutet zwei Wochen Grippe für jeden.

Ich habe mich als Astronaut beworben, weil ich mir nicht irgendwann vorwerfen wollte, ich habe meinen Traum nicht verfolgt“

Gerst ist jetzt Wissenschaftler. Aber keinen, den es im Labor oder in der Bibliohek hält. Und er denkt immer noch an seine Kindheit, an den Blick zu den Sternen. Er schreibt an die ESA, die European Space Organisation. „Ich habe mich als Astronaut beworben, weil ich mir nicht irgendwann vorwerfen wollte, ich habe meinen Traum nicht verfolgt“, sagt Gerst. „Auch wenn die Chancen gering waren.“

Zuhause am Schreibtisch. Der steht mittlerweile in Hamburg. Gerst wertet die Messergebnisse aus der Antarktis für seine Doktorarbeit aus. Abends um neun klingelt das Telefon. Er wollte gerade Feierabend machen und für ein paar Bahnen ins Hallenbad gehen. Am anderen Ende ist die ESA, die Europäische Weltraumagentur. Gerst habe die Auswahl bestanden. Er soll ins Weltall fliegen.

Erst einmal geht er schwimmen.

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Alexander Gerst ist Astronaut.

Sie sind eine Elite und sie kommen aus der ganzen Welt. Gerst wird mit einem Amerikaner und einem Russen zusammen ins All starten, vom Raketenzentrum Baikonur in Kasachstan. Gerst hat extra Russisch gelernt. „Einfach war das nicht“, sagt er.

Er ist sportlich, gesund und hat eine anständige wissenschaftliche Ausbildung. Aber genommen haben sie ihn wohl auch wegen seiner Antarktiserfahrung, sinniert er. Extremsituationen meistern, mit anderen auf engstem Raum auskommen. Gerst kann gut mit Menschen, ist ein Teamarbeiter, ein Kommunikator. Getestet haben sie das trotzdem noch mal, später als er schon längst im Astronautentraining war.

„Da erfährt man, wie man auf andere wirkt und lernt viel über sich selbst.“

Fünf Tage mit den beiden Kollegen aus den USA und aus Russland, ohne Proviant. Selbst Nahrung suchen, Beeren, Gräser, Blätter. „Da erfährt man, wie man auf andere wirkt und lernt viel über sich selbst.“

Alexander Gerst hat Zivilidienst gemacht. Früher wäre dies das Aus für den Jungentraum gewesen. Früher haben sie Testpiloten zu Astronauten gemacht. Weil die gut mit Technik können und ihnen Raketen und Raumkapseln am ehesten anvertraut wurden. Und Familienväter. Weil die angeblich verantwortlicher entscheiden. Zuhause wartet ja jemand. Gerst ist keins von beiden. Ein Hasardeur ist er trotzdem nicht. Ganz das Gegenteil. Über Möglichkeiten nachdenken, Notfälle durchspielen, nicht nur einen Plan B, sondern gleich noch vier weitere Alternativen haben – das ist Astronauten-Denke. Gerst mag das. Dazu gehören Übungen, wenn alle Pläne daneben gehen und nur noch der Notausstieg bliebt: In zwei Minuten im Raumanzug geschlüpft zu sein, in sieben Minuten in der Sojus-Rettungskapsel zu verschwinden, sich von der Raumstation absprengen, um in einer knappen Stunde wieder auf der Erde zu sein.

Gerst freut sich auf die Kollegen. Auf die Arbeit, den Blick aus dem Panaroma-Ausguck auf die Erde.

Gerst freut sich. Auf die wissenschaftlichen Experimente. Die Ergebnisse könnten zum Beispiel Schlaganfallopfern helfen. Gerst freut sich auf die Kollegen. Auf die Arbeit, den Blick aus dem Panaroma-Ausguck auf die Erde. Die dünne Atmosphäre, so zerbrechlich, so schutzbedürftig. Das haben die anderen berichtet, die Astronauten, die schon da draußen waren, und erzählt haben von dem, was sie gesehen haben. Nachgestellt wird der Blick schon mal im Trainingszentrum der Astronauten. Da sind Teile der Raumstation aufgebaut, die russischen Kapsel, mit den die Astronauten andocken und sich später wieder wegsprengen. Wenn nichts dazwischen kommt. Das ist nicht sicher.

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Deswegen üben Gerst und die Kollegen monatelang, jahrelang, ziehen so ziemlich jede Möglichkeit in Betracht, müssen wissen, an welcher Stelle welches Arbeitsgerät verpackt ist, wo die Schraubenzieher, wo die Minilabors. Wo die Spritzen für den medizinischen Notfall. Es sind hunderte Kisten, alle genau beschriftet, alle haben einen festen Platz in den verschlossenen Regalfächern, die rundum um die schwerelos schwebenden Astronauten angeordnet sind. Oben und unten, das gibt’s nicht im All, das muss erst mal bestimmt werden. Wenn man zum vorderen Teil des Raumschiffes schaut, ergeben sich die anderen Richtungen: „Overhead“ wie oben. „Deck“ für unten. Oder „starboard“ wie Steuerbord. Auf Englisch hört sich das romantischer an. Starboard – da, wo die Sterne sind. Auch wenn’s von der Wortherkunft nicht ganz richtig ist.

„Menschen sind Entdecker. Die wollen irgendwo hin und zurückkommen und berichten, was sie erlebt haben.“

Alexander Gerst will auf den Mars.

Ein neuer Traum: Der Mars. „Da gibt es keinen Astronauten, der da nicht hinwill“, sagt er. Auch wenn der Flug ein Jahr dauern sollte. Wenn’s denn ein Ticket nach Hause gibt. „Menschen sind Entdecker. Die wollen irgendwo hin und zurückkommen und berichten, was sie erlebt haben.“

Doch erst einmal geht es 2014 zur Internationalen Raumstation in die Erdumlaufbahn. Vielleicht sogar früher. Einsatzbereit müssen Gerst und seine beiden Kollegen bereits ein halbes Jahr vorher sein, falls ein Team ausfällt.

An Bord gibt es auch Amateurfunk. Schulklassen haben sich bereits mit ihren Funk-AGs beim Raumschiff angemeldet. Und auch die Amateurfunker aus Opas altem Verein hoffen auf Small-Talk mit Alexander. „Darauf freue ich mich schon,“ sagt er. Amateurfunken wie damals als Kind in Künzelsau, obwohl es heute Satelitentelefon und Internet gibt. Und Twitter. Da ist Gerst übrigens auch unterwegs: Als Astro-Alex.