Berliner Hochschule bildet EU-Lobbyisten aus

Lobbyisten haben einen schlechten Ruf: Sie buhlen in Hinterzimmern, auf dem Golfplatz und beim Badeurlaub in der Karibik um das Gehör mächtiger Politiker und Beamter, lassen den Entscheidungsträgern kleine Annehmlichkeiten zukommen, tun beinahe alles, um für ihren Auftraggeber das Beste herauszuschlagen, also die für ihn vorteilhaftesten Gesetze und Regelungen – so zumindest das Klischee. In Berlin bietet nun eine Hochschule einen Aufbaustudiengang an für Interessensvertreter und Lobbyisten. Die Deutsche Universität für Weiterbildung will damit auch gegen den schlechten Ruf der Branche angehen. Doch was eigentlich ein Lobbyist ist, darüber gibt es nicht nur zwischen Professoren und Studenten unterschiedliche Auffassungen, sondern auch zwischen Dozenten und Berufspraktikern.

Zwei Jahre dauert die Ausbildung zum europäischen Strippenzieher – die Deutsche Universität für Weiterbildung nennt es „Interessensvertretung, Lobbying, Networking“. Absolventen des Aufbaustudiengangs erhalten einen Mastertitel in „European Public Affairs „. Sie lernen viel über die Arbeit der EU-Institutionen, wie Gesetze auf europäischer Ebene zustande kommen und wer wann bei Beratungen Einfluss nehmen kann. Dabei geht es auch darum, wie Organisationen gemanagt, wie Projekte gesteuert werden. Mit seinem Blick von außen grenzt sich der DUW-Studiengang von ähnlichen gelagerten „European Studies“-Angeboten ab – denn deren Absolventen arbeiten eher in den Institutionen. Peter Filzmaier, der wissenschaftliche Leiter des Studiengangs:

„Das ist ein Feld, das sich ausschliesst mit dem Interessenverteter. Das ist derjenige, der von außen, sei es von einer Gemeinde, von einem Unternehmen, einer NGO, mit Brüssel kommuniziert, aber nur in seltenen Fällen nachher direkt bei einer EU-Institutiin einen Job hält.

Doch was sind eigentlich Lobbyisten? Gregor Schönstein ist selbst einer, jemand, der diese Bezeichnung mit sehr viel Selbstbewußtsein führt. Schönstein pendelt zwischen Wien und Brüssel, arbeitet für Wirtschaftsunternehmen, vor allem aus Österreich:

„Lobbying ist kein Beruf, keine Disziplin. Lobbying ist ein Verhalten, jeder von uns lobbyiert. Lobbying ist ein ein Werben für die eigenen Interessen mit Argumenten. Das gehört zum Privatleben genauso dazu wie zur Politik und wie zur Wirtschaft. 

Knut Diekmann sagte dagegen:

„Das politische Lobbying ist selbstverständlich etwas völlig anderes. Im Alltagsleben sind wir alle Lobbyisten. weil wir alle versuchen bei sozialen Situationen Einfluss zu nehmen. Das politische Lobbying ist selbstverstäbdlich etwas völlig anderes. Und dort versuchen Interessen, die sich mehr oder weniger formilieren lassen, ihren Weg zu bahnen zu für sie günstigen Entscheidungen.

Diekmann war als Lobbyist für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag etliche Jahre in Brüssel.

„Nein, wir sind nicht alle Lobbyisten,“ findet auch Harald Rau, Professor für Kommunikation an der Ostfalia-Hochschule in Wolfenbüttel und einer der Dozenten des Berliner Studiengangs: „Weil ich glaube, dass zum Lobbyieren eine gewisse Haltung gehört, ein gewisses Sendungsbewusstsein, und eine gewisse Nachhaltigkeit.“

Lobbyisten als ehrenwerte Herrschaften also, mit ethischer Richtschnur, moralischem Konzept – und Erfolg beim Durchsetzen ihrer Vorhaben. Professor Rau: „Das gehört zusammen. Lobbyisten, die nicht erfolgreich agieren, sind keine. Iss so, weil sie sind nicht erfolgreich. Die Definition eines Lobbyisten hängt vom Erfolg ab – für mich zwingend.“

(Einwand von Schönstein) es gibt schon unerfolgreiche Lobbyisten

(Replik Rau) …dann sind’s keine…

(Schönstein) Ich habe manchmal auch keinen Erfolg, das kann auch daneben gehen.

Erfolg, das möchte die Hochschule vermitteln, haben auf Dauer nur Lobbyisten mit einer guten Ausbildung – und einem Verhaltenskodex. Moral und ethisches Verhalten sind daher immer wieder Themen in den Seminaren. Die Studenten können sich allerdings mit dem Begriff Lobbyismus gar nicht recht anfreunden. Christina Weichselbaumer hat Politik studiert, macht jetzt den „European Public Affairs“-Aufbaustudiengang:

„Lobbyismus finde ich als beliebig manchmal, da kommt der Auftrag, und dann mach ich.

„Sympathisch ist der Begriff des Lobbysmus auf keinen Fall.

„Es halt höchst fragwürdig, wenn man EInzelinteressen mit sehr viel Geld puscht, und das ist etwas, was im Prozessim Europäiscen Palarment auch passiert . Das ist halt moralisch fragwürdig.

Christina Weichselbaumer und die beiden anderen Studenten – mehr hat der neue Studiengang bislang noch nicht – sehen ihre Zukunft eher bei Interessensvertretungen. NGOs, Gewerkschaften oder auch Arbeitnehmerverbände machen nämlich ihrer Auffassung etwas anderes als die Unternehmens-Lobbyisten. Robert Streihammer ist Assistent eines Abgeordneten und kommt aus der Gewerkschaftsbewegung:

„Für mich ist der Unterschied, dass es eine Organisation ist, die demokratischen Gesichtspunkten genügt, wo es Wahlen gibt.. wo es klare Interessen gibt an denen man sich orientiert und eben nicht Aufträge abarbeitet.

Für Peter Filsmaier, den wissenschaftliche Leiter des Studienganges, macht es dagegen kaum einen Unterschied, ob sich jemand Interessenvertreter nennt und für eine Umweltschutzorganisation arbeitet oder ob er als Lobbyist für einen Chemie-Riesen tätig ist – es gehe letztlich immer um die Durchsetzung von Interessen. Damit aber keiner unter falscher Flagge segelt, plädiert er für eine Transparenzpflicht: Lobbyisten sollen sich registrieren lassen und einem Verhaltenskodex unterwerfen, dann werden sie damit belohnt, dass sie Zugang zu Informationen bekommen. Denn, so Lobbyist Gregor Schönstein, es gehe darum, zum richtigen Zeitpunkt mit den besseren Argumenten zu komme, und schon mal einen andere Meinung als seine Auftraggeber zu haben.

„Ich habe mehrmals schon meinen Auftrageber von einer Sache abgeraten oder in der Sache nicht unterstützt. Natürlich mache ich das. und das geht viel einfacher als man glaubt Man muss nicht alles tun, was die Klienten wollen.

Auf Dauer trage das dann aber auch zur Glaubwürdigkeit der Lobbyisten bei, ist Schönstein überzeugt. Genau das soll das Ziel der Aufbaustudienganges sein: Genügend Selbstbewußtsein zu entwickeln, um bei windigen Offerten auch mal nein zu sagen. Geübt wird unter anderem mit Fallbeispielen und in zahlreichen Rollenspielen, wobei es nicht unbedingt um moralisch fragwürdige Entscheidungen geht, sondern schlicht darum, in Gesprächen und Verhandlungen zu überzeugen.

„Wir hatten einige Mal die Fragestellung, etwas zu präsentieren. Es war z.B. die Aufgabe zwei andere von einem Thema zu überzeugen, die aber wiederum den Auftrag jemanden aus dem Konzept zu bringen..und für Unruhe zu sorgen.“

Christina: „Was ich ausgezeichnet finde, dass es umfassendes feedback gibt, man bekomm sehr umverblümtes Feedback sehr direkt. Man scheut sich auch nicht zu sagen, das war ja echt nicht gut.“

In eineinhalb Jahren werden die ersten Master in Lobbyismus und Interessenvertretung fertig sein. Knut Diekmann vom DIHK würde sogar einen Absolventen einstellen – wenn auch erst einmal als Trainee von erfahrenen Senior-Lobbyisten. Für viele wird der Arbeitsplatz aber nicht bei einem großen Industriebetrieb oder Interessenverband sein: Arbeitgeber sind möglicherweise Städte, Gemeinden und der mittelständische Metallverarbeitende Betrieb um die Ecke. Studienleiter Filzmeier:

Gerade die kleinen Gemeinden und auch kleinen Unternehmen, – Gemeinden aus gesetzlichen Gründen -haben jemanden, der mit der EU zu tun. Es ist nur sehr schlimm, wenn dem Arbeitgeber das nicht bewußt ist, dass das ein solcher Job ist, denn dann gehen im Extremfall Millionen an Fördermitteln oder an möglichen Geldern verloren. Förderanträge schreibt man von Landwirtschaft bis Wissenschaft. Eine der wertvollsten Funktionen der EU, hier zielgerichtet Förderungen zu vergeben, die werden bei den grßen sehr gut ausgenutzt, die kleinen erfahren oft nicht davon und brauchen umso mehr qualifizierte Personen um die Chance zu haben, an diese Fördermittel heranzukommen.“