Fledermäuse orientieren sich mit kurzen spitzen Schreien, deren Echo sie interpretieren. Auch Blinde können sich so ähnlich zurecht finden, mit Klick-Lauten. Der Amerikaner Daniel Kish hat diese Technik perfektioniert.

Klick… klick… klick…

Ich sitze auf einem Stuhl und klicke. Eine Übung für Anfänger: Die Augen habe ich geschlossen, lächeln soll ich, weil das den Kiefer lockert und öffnet. Dann schnalze ich mit der Zunge am Oberkiefer, mache Klick-Laute.

Klick… klick…klick

Ich halte den Kopf gerade, klicke nach vorn, achte darauf, ob sich der Ton ändert, den ich höre. Wenn ja, hat Dorothea gerade das Blechtablett weggezogen, das sie mir die ganze Zeit vors Gesicht gehalten hat. Dorothea und Hanna sind meine Übungspartnerinnen im Kurs – beide haben schon ein wenig Erfahrung mit Echoortung.

Klick, klick, klick

Eben habe ich überhaupt keinen Unterschied gehört. Ich klicke mal weiter.

Klick, klick … jetzt ist es weg.

Dorothea: Das stimmt, sehr schön, prima.

Das ist ganz schön schwierig, ich habe wirklich nur einen ganz kleinen Unterschied gehört. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nicht so trainiert bin.

Dorothea: Das ist möglich.

Wie lange hat das bei Ihnen gedauert?

Dorothea: Na, so einige Tage schon.

Dann schaffe ich es heute nicht zur Perfektion, aber ich klicke jetzt mal weiter.

Es hört sich einfach an: Durch das Klicken werden Töne gesendet – und je nach dem, wie laut oder leise, wie dumpf oder hell sie zurückkommen, können geübte Klicker erkennen, welche Form und Gestalt Gegenstände haben und auch wie nah oder weit diese Gegenstände weg sind. Sehen mit den Ohren sozusagen. Das ist anstrengend, zumindest am Anfang.

Klick, klick, klick

Die nächste Herausforderung: Ich drehe mit geschlossenen Augen den Kopf von links nach recht und von rechts nach links, klicke die ganze Zeit und versuche wieder herauszufinden, wo das Tablett ist.

Augen zu, Lächeln – und Klicken

Ich vermute das Tablett rechts von mir, bin mir aber nicht sicher. Es hört sich anders an, aber ich weiß nicht, ob es die Nähe zur Wand ist oder das Sofa, das da vor steht.

Ich hatte das Gefühl, es hört sich dumpfer an, wenn das Tablett da ist. Ich hätte erwartet, dass es heller ist, weil es Metall ist. Aber ich finde es anstrengend, die ganz Zeit zu klicken. Wie ist denn so mein Klicken?

„Es ist kein Klack-Klick“, lobt mich Dorothea.

Klack“ wäre nicht so schön, weil es zu lange zu dauert – ein paar hundertsel Sekunden vielleicht nur, aber damit so lange, dass das Echo überlagert und dann falsch gedeutet wird.

Wenn der Klick recht kurz ist, dann vergeht auch wenig Zeit, dass das Echo kommt. Wenn der Klick schnell vorbei ist, haben wir auch bessere Möglichkeit das Echo in seiner vollen Intensität zu interpretieren..

Auch wenn ich den Klack-Fehler vermeide – perfekt ist mein Klick noch nicht.

„Ich denke, im Verhältnis zu Daniel ein weicher Klick, aber schon ein gut brauchbarer Klick“, sagt Dorothea.

Daniel, das ist Daniel Kish, er hatte das vorher mit uns geübt. Klicken mit 20 Seminarteilnehmern, alle in einem Raum.

Alle klicken, und Daniel fordert:  „And work on that nice sharp click.“

Der 48jährige Amerikaner ist von Geburt an blind und hat früh gelernt, sich mit Klicklauten zu orientieren. Er möchte nun mit uns den Teil des Gehirn trainieren, der akustische Signale in Bilder umwandelt. Dazu wagen wuir uns nach draußen, in den Innenhof des Gebäudes und üben, Bäume und Sträucher zu erklicken.

Klick… klick… klick…

Daniel: When you klick at the tree you hear the tree. … compare this with clicking at nothing, at the lenght of the courtyard without anything in front of you.

Daniel will, dass wir einen Strauch anklicken und dann dorthin klicken, wo nichts im Weg steht. Und den Unterschied erkennen. Wir klicken uns durch den Innenhof. Dorothea und Hanna sind bereits in einer Ecke angekommen.

Dorothea: Ich nehme eine Art Ecke war und weiß aber, es ist nicht die normale Ecke, sondern es ist der Busch, den ich mithöre, der dämmt die Ecke ein bisschen ein.

Ecken sind wichtig, sagt Daniel, sie sind Bezugspunkte, definieren den Raum um sie herum:

„When I am in a restaurant, the first thing to scan around for corners, so I can find the was back from the bathroom. Tables all „look“ the same.“

Wenn er in einem Restaurant sei, klicke er erst mal nach den vier Ecken. Sonst fände er seinen Platz nicht wieder, wenn er von der Toilette wiederkomme. Die Tische sähen doch alle gleich aus Wir wagen einen weiteren Schritt: Aus dem Innenhof heraus, über die Strasse auf einen Friedhof, der eine kleine Kirche umgibt.

Find your way across the open space”, ist die Aufgabe.

Wenige Ecken, viel freie Fläche. Doch irgendwo ist immer etwas, dass den Schall reflektiert. Daniel klickt erst, dann klatscht er mit den Händen.

„The building claps back at me“, sagt er.

Doch die Orientierung ist gar nicht so einfach – zu viele Geräusche mischen sich in unser Klick- oder Klatschecho. Nach etlichen Stunden Klicken, Hören, Einordnen und sich bei uns die ersten Erfolge ein. Große Objekte orten wir, statt über sie zu stolpern. Und auch die größte Herausforderung meistern wir langsam:

„Es ist einfach Angst zu vertrauen, wo man sonst nicht vertrauen muss, weil man ja schauen kann. Ich glaube, dass ist der größte Punkt, das man sich nicht selber vertraut“, sagt ein Teilnehmer des „Klick“-Seminars.