Bob Dylan auf Europatournee

Der Mann fängt pünktlich an, um kurz nach acht. Die Stimmung ist gediegen, auf den höheren Rängen in der Berliner Max-Schmeling-Halle macht sich bei den älteren Semestern gespannte Erwartung breit, vor der Bühne haben sich die jüngeren versammelt, zum Klatschen und Mitsingen. Das klappt erstmal nach einer guten viertel Stunde. Als Dylan seine „back pages“ aufschlägt und erzählt „I was much older than, I’m younger than that now“ raunt die Menge anerkennend. Dann wird es wieder andächtig. Dylan bedient Harmonika und Tasten, die schwarz mit Hut bekleideten Musiker geben routiniert Rhythmus und vereinzelte Gitarren-Leads vor. Die Menge lauscht. Vor der Bühne ist sie erstaunlich jung. Mitklatschgefühl kommt zumeist nicht auf, nur zaghaft, zum Beispiel als der Meister seinen „Highway 61“ knackig und mit viel Drive durch die Halle peitscht.

Jedes Konzert ist anders

Bei einer Dylan-Tournee ist kein Abend wie der andere, sagen Fachleute. Das 2009er-Teilstück seiner seit Jahren andauernden Welttournee mit jährlich 100 Konzerten bringt ihn nach Hannover, Berlin, Erfurt und München und weiter nach Frankreich, Großbritannien und Irland. Und die Zusammenstellung der Lieder wechselt bei jedem Auftritt.

Beim Berliner Konzert sind noch keine neuen Songs zu hören

In Berlin spielt Bob Dylan ein paar Stücke von seiner drei Jahre alten CD „Modern Times“ – laid back, Stimmung wie bei einem Sonnenuntergang, man fühlt beinahe das Cocktail-Glas in der Hand, die Füße wippen wie von selbst. BeBop-Feeling, wenn der Bassmann sein Upright-Instrument abzupft. Die Titel der neuen CD, die Ende April erscheint, hält er noch unter Verschluss. Die meisten anderen Lieder des Abends sind aus den Sechzigern, doch – bei Dylan selbstverständlich – ganz anders als damals und anders als die hundert Male danach. Jedes Jahr neu erfunden, vielleicht sogar jeden Abend, zumindest mit jeder neuen Combo, mit der er zusammenspielt.

Bei allen anderen klänge es peinlich, die alten Stücke aus der Jugend erneut zu vermarkten. Bei Dylan ist es Kult, zumeist genuschelter Kult, die Texte oft merkwürdig dem klaren Stil der Band entgegengesetzt verhaspelt, verschluckt, den Takt verschätzt. Dann wieder klar und eindeutig. Dylan spielt Musik, die Worte dazwischen meidet er, nur einmal sagt er etwas, als er sein Publikum des Abends begrüßt. Das dankt es ihm mit spontaner Huldigung.

Klassiker neu erfunden: „All along the watchtower“ und „Blowing in the wind“

Dann wieder BeBop. Und die Ackerburschen: „Ploughmen dig my earth.“ Erneut ein Highlight eines Dylan-Abends: „All along the watchtower.“ Doch auch diese Aufregung der Zeit hat er überwunden. „This is not our fate.“ Und natürlich der zweite große Klassiker, der von dem verwöhnten Mädchen, das in der Gosse landet. Betteln um Brot und unterwegs ohne Ziel – like a rolling stone. Keine Zugabe, dafür „Blowing in the Wind“ – in ungeradem Takt, ohne Schmalz, ohne Kitsch, Essenz des Tages oder genölt-rotziges Pflichtstück – ganz nach Gefühl.