Das Vergnügungsviertel Coney Island hat seine Hochzeiten hinter sich. Im Winter sowieso.

Die Polizeibeamten waren sicher: Hier wird illegal Schnaps gebrannt, in den Kellern der Handwerkerfamilien. Woher sollte sonst der hohen Stromverbrauch kommen? Der übliche Haushaltsverbrauch war längst überschritten. Zu Zeiten der Prohibition in den zwanziger Jahren war das höchst verdächtig. Doch die Razzia war ein Reinfall. Denn in den Häusern der jüdischen Einwanderer aus Osteuropa wurde keineswegs Alkohol vergoren. Stattdessen sassen dort Handwerker, die kunstvoll verzierte Karusselfiguren frästen und schnitzten, maschinell unterstützt. Daher der hohe Stromverbrauch.

Die Handwerker waren gefragt, denn Coney Island war gefragt: In den zwanziger Jahren boomte die Vergnügungsmeile. Schaugeschäfte, Freakshows und Karusselle lockten die vergnügungssüchtigen New Yorker an Südspitze von Brooklyn. Neue, ungewohnte Attraktionen, direkt am Atlantik. Da kamen die Handwerker gerade recht, die sich ihre Kunstfertigkeiten beim Verzieren der Thorabehältnisse für ihre Synagogen erworben hatten.

Mittlerweile sind die Jahrmarktattraktionen auf Coney Island verblasst; im Winter sieht es besonders desolat aus. Dann haben die Geschäfte geschlossen, manche vielleicht für immer. Jogger, Radfahrer, Spaziergänger sind unterwegs. Senioren aus den benachbarten Sozialwohnungshochhäusern, aus dem nahen Ortsteil Odessa, dem „little Russia by the sea“, wo viele russischstämmige Einwanderer wohnen. Die Speisekarten sind dann auch schon mal zweisprachig, englisch und russisch. Die Wintertristesse hat allerdings ihren eigenen Charme: Der frische Wind vom Atlantik, die Ruhe vor den Menschenmassen. Sentimentales Sinnieren beim Blick auf die verschlossenen Vergnügungsbuden. Aufs „Dreamland“ wartet der Abriss. Mittlerweile hat die Welt andere Attraktionen. Der Nervenkitzel auf einem Riesenrad am Ozean zählt nicht mehr unbedingt dazu, auch nicht im Sommer. Und wohl auch nicht mehr, was „under the boardwalk“ passiert.