Es könnte ein entspannter, netter Job sein. Den ganzen Tag mit dem Geländewagen durch die Gegend fahren, mal hier, mal da anhalten, eine Atem beraubende Landschaft genießen, sich einladen lassen, mit Einheimischen zusammen sitzen, Tee trinken, nett plauschen. Smalltalk am Hindukusch. Wenn da nicht der Krieg wäre.

Henning Bischof

Der Islamwissenschaftler Henning Bischof ist Hauptmann und „Interkultureller Einsatzberater“. Foto: Klaus Martin Höfer

„Wir sind in erster Linie Soldaten, keine freischwebenden Zivilisten für die Völkerverständigung“, sagt Henning Bischof, der Kultur-Fachmann seiner Einheit. Der 32-jährige ist Islamwissenschaftler – und er ist Hauptmann bei der Bundeswehr. Er hat ein Faible für die Region, für islamische Länder, hat einige Monate in Damaskus studiert. Mit dem Magister in der Tasche ist er zurück zur Bundeswehr gegangen – eine geradlinige Karriere. Begonnen hatte sie vor dem Studium als Zeitsoldat, dann wurde Bischof Reserveoffizier, ging zur Uni. Seine Abschlussarbeit schrieb er über Terrorismus.

Seine Abschlussarbeit schrieb er über Terrorismus. Jetzt macht er sich Gedanken über Plastikblumen.

Jetzt macht er sich Gedanken über Plastikblumen – als Mitbringsel beim Besuch des Clan-Chefs hoch willkommen, weiß Bischof. Doch es geht bei seinem Job nicht nur um nette Gesten und um die kleinen Fallstricke verbaler und nonverbaler Kommunikation.

Es geht um Kontaktpflege: Netzwerke aufbauen, wissen, wer mit wem kann oder auch nicht, wer welche Interessen verfolgt – zumindest, wenn er in Afghanistan ist. Bischof ist „Interkultureller Einsatzberater“ – „IEB“ sagen die Soldaten dazu. Gerade ist der Berufsoffizier in der Eifel. Dort sind die Kommunikationsfachleute der Bundeswehr stationiert – das „Zentrum Operative Information“, manche reden auch von Propagandatruppe: Der Soldatensender Radio Andernach, Video-Reporter, die die Arbeit der Bundeswehr vor allem im Ausland dokumentieren und ins Netz stellen. Und eben die „IEB“. Bischof bildet den Nachwuchs aus. Und davon hätte die Bundeswehr gerne mehr.

Sie sucht über ihre Homepage vor allem Mitarbeiter für den Kosovo und für Afghanistan, selbst wenn dort nur zwei oder drei Stellen zu besetzen sind. Und Hauptmann Bischof selbst auch schon wieder das Fernweh gepackt hat. Möglichst schnell möchte er wieder von der Eifel an den Hindukusch versetzt werden. Doch was machen die „Interkulturellen Einsatzberater“ dort, da doch die Bundeswehr gerade ihr Kontingent verringert? Gerade dann, sagt Bischof, brauche man die „IEB“. Denn je weniger Soldaten die Augen und Ohren offenhalten, je weniger sie Kontakt mit den Bewohnern haben, desto spärlicher können sie von ihren Eindrücken berichten – und desto weniger informelle Informationen bekommt die Bundeswehr mit. Die „IEB“ sollen dagegen halten; sie sind eigenständig unterwegs, manchmal auf Tagestouren, machmal mehrere Tage hintereinander, meist zusammen mit einem Dolmetscher.

Zum Beispiel Christian Wanner. Er war bei den Gebirgsjägern, drei Jahre lang, war auch im Kosovo im Einsatz. „Lieber wäre ich schon damals nach Afghanistan gegangen“, sagt er. Mit dem Ersparten aus der Militärzeit ist er dann erst einmal zwei Jahre auf Weltreise gegangen, hat später Politikwissenschaften studiert und promoviert – über „nation building“. Wie zerbrechliche oder zerbrochene Staaten wieder funktionieren können. Dann ist er erneut zur Bundeswehr gegangen, kam als „IEB“ endlich nach Afghanistan, nach Feyzabad, später nach Masar-Al-Sharif.

Demokratie nach westlichem Vorbild? Hehre Ansprüche.

Neuaufbau von Staaten, „nation building“, davon ist bei den Einsätzen der Berater nicht viel die Rede. Demokratie nach westlichem Vorbild? Hehre Ansprüche. Die ISAF-Truppen stecken tief in der Realpolitik; sie sollen für Sicherheit sorgen – „Security Assistance“ ist der Auftrag. „Als interkulturelle Einsatzberater helfen wir vor allem Konflikte zu reduzieren“, sagt Henning Bischof.

Es ist so eine Art Diplomatie-Spiel. Die Strippenzieher auf afghanischer Seite – Bürgermeister, Polizeichefs, Clan-Obere – haben Interesse an guten Kontakten zur Bundeswehr, erhoffen sich Unterstützung, Geld, Entwicklungshilfe. Und die IEB versuchen herauszubekommen, wer die Fäden zieht auf afghanischer Seite, wer von wem abhängig ist, wer wen protegiert, wer wessen Rivale ist. Wer bei welchen Entscheidungen Nutzen, wer Schaden hat, möglicherweise die Bundeswehr einspannen will, um gegen einen Widersacher zu punkten. Zum Beispiel, wenn afghanische Polizei zusammen mit dem Militär in einer Region „Taliban jagen“, dazu auch ISAF-Truppen dabei haben will. Die „IEB“ sollten dann ihren Kommandeur beraten können. Welche Position hat der Polizeichef, will er möglicherweise mit der Aktion seinen Posten sichern, einen Konkurrenten übervorteilen. Und überhaupt: Sind das Taliban, gegen die vorgegangen werden soll?

„Wir sind da, um dem Kommandeur das Leben schwer zum machen“, sagt Hauptmann Bischof und lacht. Entscheidungen verbessern heißt Entscheidungen komplizierter machen.

Denn eines haben die „Einsatzberater“ gelernt: Da die Guten, dort die Bösen – das funktioniert nicht. Es gibt kein Schwarz und kein Weiß. „Nur Grautöne“, sagt Major Wanner. Schwarz-Weiß wäre allerdings einfacher. Auch für die Kommandeure, für deren Entscheidungen. Ja oder nein, richtig oder falsch. Doch Wanner und die IEB sorgen dafür, dass die komplizierte Realität der Region auch in das Bewusstein der Verantwortlichen in den Gefechtsständen kommt, sorgen mit neuen Informationen und Eindrücken aus ihrem Netzwerk für regelmäßige Updates. „Wir sind da, um dem Kommandeur das Leben schwer zum machen“, sagt Hauptmann Bischof und lacht. Entscheidungen verbessern heißt Entscheidungen komplizierter machen.

Seine Söhne werden aufgeteilt – einer geht zur afghanischen Polizei, der andere zur Armee. Der dritte zu den Taliban. Man weiß ja nie, was letztlich bleibt.

Denn Informationen sind nicht nur Informationen, sondern auch Interessen. Wie geht man damit um, dass ein örtlicher Clan-Chef auf Nummer Sicher gehen will und sich um die Zukunft auf seine Art kümmert? Seine Söhne werden aufgeteilt – einer geht zur afghanischen Polizei, der andere zur Armee. Der dritte zu den Taliban. Man weiß ja nie, was letztlich bleibt. „Zur Kenntnis nehmen“, sagen die IEB. Mehr nicht. Und bei tatsächlichen Konflikten vermitteln. Ein Beispiel aus einem beinahe schon zivilen Alltag: Ein Verkehrsunfall mit einem Bundeswehrfahrzeug, Verletzte, Tote bei den Einheimischen. Jetzt wird deutlich, ob das Kontakt- und Vertrauensnetz der IEB trägt. 100 Entscheidungsträger hat jeder auf seiner Liste, hat sie immer wieder besucht, war zum „small talk“ vor Ort. Löst ein IEB den anderen ab, ist die Übergangszeit mit drei Monaten besonders lang. Es braucht Zeit, den Nachfolger einzuarbeiten und vorzustellen. In Krisensituationen wie dem Autounfall soll sich das auszahlen, Konflikte vermeiden helfen oder zumindest begrenzen.

Dabei finden selbst ehemalige Zivildienstleistende beim Militär ein offenes Ohr; sie müssen allerdings ihre Kriegsdienstverweigerung widerrufen.

Die Bundeswehr will als „IEB“ nicht unbedingt Akademiker, eingehende Kenntnisse über eine Region reichen auch. Wer sich bewirbt, wird durchleuchtet. Wissen über die örtlichen Gesellschaftsstrukturen sollen die Bewerber am besten bereits mitbringen. Doch nicht so viel, das sie Teil der Gesellschaft sind und selbst in Abhängigkeiten stehen. Der Militärische Abschirmdienst passt da auf, überprüft die Bewerber und deren Vergangenheit.

Dabei finden selbst ehemalige Zivildienstleistende beim Militär ein offenes Ohr; sie müssen allerdings ihre Kriegsdienstverweigerung widerrufen. So wie Simon Schneider. Es gebe Situationen, da müsse Militär „die Abwesenheit von Gewalt herstellen“, sagt Schneider heute. Kurz nach dem Abitur dachte er anders. Mittlerweile hat er ein Studium der Politik- und Verwaltungswissenschaften abgeschlossen, war mehrfach im Kongo, unter anderem mit Entwicklungshilfeeinrichtungen. Nun hat er sich als IEB für Ostafrika beworben und schon mal einen fünfmonatigen militärischen Lehrgänge besucht. Ob er jemals dann als Offizier nach Afrika geschickt wird, weiß er nicht, ebenso wenig wie es die anderen Kandidaten wissen. Mehrere hundert haben sich bereits gemeldet, nicht nur für den Kosovo und Afghanistan. Die Bundeswehr sichtet erst einmal alle Bewerbungen, für Einsätze „in potentiellen Konfliktregionen weltweit“.