Fünf Millionen Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an einer Depression. Nicht viel mehr als in früheren Zeiten, sagen Ärzte. Doch heute werde die Diagnose eher gestellt und die Krankheit behandelt. Eine jetzt vorgestellte Studie der Deutschen Depressionshilfe ergab, dass zwei Drittel der Befragten schon einmal mit der Krankheit in Kontakt gekommen zu sein, entweder als selbst betroffener oder weil Angehörige oder Bekannte betroffen waren. Mit der Krankheit umzugehen, bleibt immer noch eine Herausforderung für alle Beteiligten, nicht nur für die Betroffenen. Depressionen beeinträchtigen auch deren Familien und den Freundeskreis.

Uwe Hauck wollte es jahrelang nicht wahrhaben: Der heute 51jährige hatte eine Depression. Doch eingestehen wollte er sich das nicht, auch wenn seine Familie ebenfalls unter seinem Verhalten litt, wie sich Uwes Frau Sibylle erinnert. „Immer wenn ich sagte, ja , du hast doch eone Krankheit, dann kommt dies: Ach, das bringt doch alles nichts. Ich saß da und es nichts zu ihm durchgedrungen.“

Uwe hat verdrängt, dass er sich so verändert hatte. Für sein aufbrausendes Verhalten, auf das sogar sein Sohn von Schulfreunden angesprochen wurde, fand er immer Erklärungen. „Ich bin halt trauriger als andere, ich bin melancholischer als andere, ich bin eher reizbar als andere, vielleicht auch habe höhere Ansprüche. Es war nie so, dass ich für mich gesagt habe, Ich habe eine Krankheit. Für mich ist ein Teil meines Wesens irgendwo und es ist erst durch die Eskalation eigentlich klar geworden dass dieses Wesen eben nicht so sein muss, sondern dass ich halte an der Krankheit in mir trage, die ich schon länger verändern und verbessern können.“

Lange die Krankheit nicht wahrhaben wollen

Dabei hatte ein Arzt längst festgestellt, dass er an einer Depression litt. Auch dann wollte Uwe dies noch nicht wahrhaben, seine Frau jedoch war erleichtert. Sie hatte überlegt, was sie falsch gemacht haben könnte. „Ich konnte mich da ein bisschen zurücklehnen und die Schuldgefühle wurden etwas weniger, weil ich ja erst mal dachte ich wäre dran schuld an seinem unzufrieden sein.“

Doch die Wende brachte erst ein Suizidversuch – Uwe Hauck wurde gerettet, auch weil seine Frau beherzt reagierte, und er wurde erst einmal in einer geschlossenen, später dann in einer offene psychiatrischen Klinik behandelt. Auch wenn dies erst einmal dramatisch war, für seine Frau war es dann eine Erleichterung. „Dann war erst einmal dieser Riesen Pratzel von mir weg und ich konnte mich wieder mal erholen, erholen eigentlich nicht, aber und ich konnte mich auf mich und die Kinder konzentrieren, bin ich natürlich erst mal zusammengebrochen und habe selber ärztliche Hilfe benötigt. Aber ich war mir sicher jetzt er hat eine Krankheit.“

Angehörige leider mit

Bei den meisten Depressions-Patienten hat die Krankheit Auswirkungen auf das Umfeld, auf Partnerschaft, die Familie, Freundschaften. Gut vier Fünftel der Erkrankten fühlen sich von ihrem Partner oder ihrer Partnerin unverstanden, sehen sich Vorwürfe von ihm oder ihr ausgesetzt bekommen, ergab eine Studie der Deutschen Depressionshilfe. Und umgekehrt sagen drei Viertel der Angehörigen, dass sie sich für die Erkrankung und auch für die Genesung des Partners verantwortlich fühlen, dass sie sogar denken, sie seien Schuld an der Depression. Dabei ist es genau umgekehrt: Erst ist die Krankheit da, und sie belastet dann das soziale Umfeld. Betroffene isolieren sich in einem Maße, das dann für Partner und Angehörige kaum nachvollziehbar ist.

Warnzeichen beachten

Was sie aber tun können, ist auf Warnzeichen zu achten. Der Psychiater Ulrich Hegerl ist Klinikleiter in Leipzig und Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe:

Neben gedrückter Stimmung ist es auch ein permanentes Erschöpfungsgefühl, auch die Unfähigkeit irgendeine Freude wahrzunehmen. Fast immer sind Schlafstörungen vorhanden. Die Menschen sind zwar erschöft, können aber nicht einschlafen, auch nicht gut durchschlafen und liegen dann grübelnd im Bett. Gedanken drehen sich immer um Negatives. Alles was Negatives im Leben gibt, wird völig vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt. Und dann ist auch immer eingebaut das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Das heißt, der Eindriuck, es ist eine Sackgasse, aus der komme ich nie wieder raus, obwohl das Überhaupt nicht stimmt. Und diese Hoffnungslosigkeit führt dann oft auch zu Suizidgedanken.“

Hausarzt oder Facharzt

Ansprechpartner ist dann erst einmal der Hausarzt, der je nach Art und Schwere der Erkrankung an Fachärzte überweist. Behandelt wird mit Medikamenten und von ausgebildeten psychologischen Psychotherapeut zusätzlich mit Gesprächstherapie, so wie bei Uwe Hauch: „Am Anfang sind so eher selbstreflexive Selbstreflektion, mal überlegen, was überhaupt hat man. Bei mir war es zumindest eine Verhaltenstherapie so, dass man guckt was ist denn, was läuft schief mit der Krankheit und wie kann man das korrigieren. Man geht nicht davon aus, die Krankheit heilt und man geht davon aus man lernt damit umzugehen.“

Bei den heftige Auswirkungen der Krankheit auch auf die Familie der Betroffenen könnte man meinen, auch Partner und Kinder werden automatisch bei der Therapie mit einbezogen. Auch Uwe und Sibylle waren davon ausgegangen. Sie waren dann überrascht, dass Sibylle nur auf Nachfrage bei wenigen Sitzungen der Gesprächstherapie dabei sein konnte. Sowohl bei als auch bei ihren Kinder wurde dann aber die Notwendigkeit einer eigenen Behandlung von der Krankenkasse erkannt. „Ja, und dann muss er eben auf die Suche gehen für jedes Kind einzeln einen Therapeuten zu finden. Und das hat natürlich lange gedauert. Da war ich lange beschäftigt und dann bis ich dann nach meiner Therapeutin suchen konnte, das war dann auch zwei Jahre später. Da ist man gut beschäftigt mit der Suche.

Offen mit der Krankheit umgehen

Uwe, Sibylle und ihre Kinder gehen offen mit der Krankheit um – das hilft auch heute immer noch, sagt Uwe. Und sie haben auch schnell gemerkt, dass sie nicht die einzigen sind, die mit Depressionen fertig geworden sind.

Was soll ich da groß verstecken und es kam keine schlechte Reaktion, sondern die waren „Ach Gott ja wir kennen das auch“. Es gab sehr viele auf einmal, die das kannten und dann kann man natürlich auch ganz anders mit den Menschen reden.

Mir ist ganz wichtig dass es Aufklärung gibt drüber reden das ist eine ganz normale Krankheit ist und wenn man das weiß dann auch frühzeitig dran denkt das ist vielleicht dass man vielleicht das haben könnte und dann gucken lässt und dann kann man auch viel früher was tun und helfen lassen. Das ist mein Anliegen.“