Im Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin wird eine Ausstellung gezeigt, die sich mit dem Verständnis von Seele und Körper in der Antike befasst. Dabei sind einzelne Aufsteller mit Texten und Graphiken sowie Texttafeln und kleinere Exponate in die bestehende Dauerausstellung mit ihren Exponaten, die hauptsächlich aus Präparaten menschlicher Organe und Knochen besteht, eingebunden.

Es riecht – nach nichts. Präparate lagern in einer Lösung aus Formalin und anderen Chemikalien, fest eingeschlossen in Gläsern, aufgestellt in Regalreihen, hinter Scheiben. Geruchlos. Aber dennoch beschleicht einen das Gefühl, es müsse doch nach Krankenhaus riechen, entweder nach Desinfektionsmittel oder nach Körper, nach totem Körper, unsauberem Körper, krankem Körper. Vielleicht konstruiert der Kopf das Bedürfnis, weil es so sein könnte. Oder gar müsste. Museumsleiter Thomas Schnalke:

„Dieser Saal zeigt 650 humanpathologische Präparate aus der Zeit um 1900. Damals hat man versucht, den menschlichen Körper in all´ seinen Krankheiten in Präparaten festzuhalten und ihn auch öffentlich auszustellen mit dem Hinweis, das ist Krankheit, das sind die Krankheitsformen, die Stadien, die Verläufe.“

Mitten in die Präparate-Sammlung von Rudolf Virchow mit der Sammlung körperlicher Fehlbildungen und Degenierung haben die Ausstellungsmacher die Seele geschmuggelt: Zehn farbenfrohe Aufsteller und Tafeln mit Erklärungen, meist in rot, manchmal in Grau. Auffälliger Kontrast zum Totenreich von Virchows Präparaten.

Es ist in der Tat eine Präsentation des gewesenen Menschens in seinen toten Organen, d.h. all diese Herzen, Lebern, Nieren, Lungen, die man hier ausgestellt sieht, gehörten einst zu einem Menschen, der gelitten hat, der letztendlich sogar an der Krankheit verstorben ist. Sprich: der Tot ist allgegenwärtig, aber das Leben fehlt komplett. Insofern bringt das Thema „wo sitzt die Seele, was ist die Seele“ das Leben zurück in den Raum.

Die Seele als Ergänzung zu Körperteilen. Doch wo in einem Körper ist die Seele genau zu finden? Die griechischen Philosophen dachten an das Herz oder das Hirn, sagt Philip van der Ejk, Professur für antike Medizingeschichte an der Berliner Humboldt-Universität.

Aber dann ergab sich sofort die Frage, wie kommuniziert die Seele mit dem Rest des Körpers. Denn im gewissen SInne ist die Sinne im ganzen Körper präsent, wenn ich meine Hände bewegen, FÜsse bewegen, ist das, weil meine Seele diesen Befehl schickt, um Füsse zu bewegen. Der Oktopus ist da die Metapher. Er hat ein Zentralorgan aber auch Tentakel, die in den ganzen Körper ausgedehnt und verzweigt, die seelischen Information vermitteln zu dem Rest des Körpers und umgekehrt auch, wenn Auge etwas sieht oder meine Hand fühlt etwas, dann kiommen dann Informationen zum zentralen Sitz, der Schaltzentrale der Seele im Hirn bzw. im Herz.

Die Seele ist also nie losgelöst vom Rest des Körpers: Der beeinflusst den Zustand der Seele, die Seele den Zustand des Körpers. Was die Seele genau ausmacht, darüber gab es mehrere Vorstellungen, sagt Professor van der Ejk.

Zum einen die Seele als Lebensprinzip, das ist eine ganz unpersönliche Seele-Auffassung. Seele ist alles, was uns ermöglich zu leben, was unseren Körper gestaltet, und den Körper befähigt, seine Funktionen auszuüben.

Dann gibt es eher die persönliche Seele-Auffassung. Seele, das bin ich als Individuum, als einzelner Mensch, mit einer eigenen Identität.

Und dann gibt es noch diess Auffasung, dass etas von dieser Seele nach dem Tod weiter besteht. Also entweder als eine persönliich gepägte, von der Persönlichkeit und Individualität des Menschen geprägter Daseinsmodus oder eine eher generelle Präsenz, die ihrendwie weiter lebt.

Diese Trennung zwischen einem persönlichen Seelenbegriff und einem eher generellen Seelenbegriff, findet man sehr früh in der Antik.

Die griechische Antike ist die Zeit von Hippokrates, dem Arzt, auf den Mediziner noch heute ihren Eid schwören. Es ist eine Zeit, in der es erste wissenschaftliche Ansätze gibt, nachvollziehbar Ursachen von Krankheiten zu ermitteln, und so auch nachvollziehbar Behandlungen für eine Heilung anbieten zu können. Van der Ejk:

Man sah die ärztliche Kunst, die Medizin, auch als eine Gabe der Götter, als eine Gabe Asklepios`. In dem Sinn, die die rationale wissenschaftliche Medizin ist ein Geschenk Gottes, so wird das verstanden, die rationale wissenschaftliche Medizin steht nicht im Widerspruch zur göttlichen Heilung, sondern ist eine Äußerung davon.

Die göttliche Heilung, das bezieht sich Kulte, vor allem rund den Gott Asklepios. In dessen Tempel suchten Kranke Hilfe:

Entweder man hatte einen Traum, dies muss zu tun, um geheilt zu werden. Manchmal wurde man auch im Schlaf geheilt.

Für den Medizinhistoriker van der Ejk stehen solche religiösen Kulte nicht im Gegensatz zur medizinischen Heilkunst, die dabei war, ihre Können und Wissen auf rationalen Überlegungen aufzubauen.

Sehr interessant ist es, wie diese Kulte sich zur Schulmedizin verhalten. Meistens sagt man, das sind getrennte Bereich, aber das war keineswegs der Fall. Die griechischen Ärzte haben auch an ihre Götter geglaubt. Es gab da keinen Gegensatz, es existierte nebeneinander. Es sind auch Kooperationen zwischen Ärzten und Asklepios-Priestern belegt. Man erkannt einfach an, das Krankheit und Gesundheit existentielle Phänomemne sind, die eine religiöse Deutung und Auseinandersetzung durchaus ertragen.

Vor gut hundert Jahren hat Rudolf Virchow Menschen seziert, Körperteile präpariert. Auf der Suche nach einer Seele war er dabei nicht. Allerdings sprach er auch von den Grenzen seiner Arbeit als Pathologe. Museumsdirektor Thomas Schnalke:

Er hat gedacht, wir werden es nicht schaffen, es wird nie gelingen, Leben komplett aus mechanischen Bestandteilen, aus physikalischen und chemischen Kräften zu konstruieren, es bleibt immer ein Mehrwert, der das Leben ausmacht. Dem müssen wir selbst in der modernen Naturwissenschaft Recht gewähren.

Nach Auffassung von Philip van der Eijk lässt sich auch da aus der Antike lernen:

Manchmal spürt man in der modernen Wissenschaft, diese materialistische, reduktionstische Tendenzen, also Seele gibt es eigentlich nicht, freier Wille gibt es eigentlich nicht. Ich glaube die Ausstellung regt dazu an,darüber nachzudenken, was ist die Essenz des menschlichen Lebens. Können wir ohne die Seele auskommen? Können wir die Vielfalt des menschlichen Lebens reduzieren auf körperliche Organe, Vorgänge im Gehrin oder gibt es was darüber hinaus geht, und das sogar erklärt, warum dieser Körper so wunderbar gestaltert ist, funktionieren kann oder sogar, was schiefgehen. Ich denke, der Seele-Begriff ist da ganz wichtig.