Die Polizei in Bremen sucht 20 Hochschulabsolventen für die Kriminalpolizei. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise werden die Beamten von der Polizei selbst an ihren eigenen Fachhochschulen ausgebildet. Doch weil derzeit die Länder verstärkt Polizeipersonal einstellen, kommen sie mit der Ausbildung nicht hinterher, deswegen bedient sich das Bremer Landeskriminalamt nun auf dem freien Markt.

Das Bremer Pilotprojekt könnte damit neuen Schwung in die Polizeiausbildung für den gehobenen Dienst bringen, und neue Karrieremöglichkeiten für Bewerber ermöglichen, die sich erst nach ihrem Studium entschließen, zur Polizei zu gehen.

Ab und an sucht die Polizei Hochschulabsolventen, die an einer regulären Universität oder Fachhochschule studiert haben, und zwar, wenn es Spezialisten sein sollen: Computerfachleute, die bei der Aufklärung von Internet-Verbrechen helfen können, zum Beispiel. Oder Chemiker für die Labor-Analyse von Tatortspuren. Doch die Bremer Polizei will nun Hochschulabslventen von außen auch für Routinearbeiten der Kriminalpolizei einsetzen. Das ist neu. Daniel Heinke, Leiter des Landeskriminalamtes Bremen:

Wir haben uns entschlossen, jetzt erst einmal einen Pilotversuch durchzuführen. Ich habe das auch mit meinen Kolleginnen und Kollegen, den Leitern der anderen Landeskriminämter erörtert. Ich glaube sagen zu können, dass viele sehr interessiert jetzt auf Bremen schauen.“

Gesucht werden Bachelor-Absolventen, zum einen in den Fachrichtungen Rechtswissenschaften, Informatik, Psychologie und Islamwissenschaften, aber auch Absolventen mit anderen Studienfächern – die müssen dann aber drei Jahre Berufspraxis vorweisen. Daniel Heinke:

Hier geht es tatsächlich darum, entweder eine bestimmte Berufserfahrung mitzubringen unabhängig vom Hochschulstudium oder ein bestimmtes Studium zu haben und dann eine gewisse Zeit von Berufserfahrung in diesem Fachbereich gehabt zu haben. Dabei ist für mich nicht entscheidend, welche Tätigkeiten genau es waren, sondern dass die berufliche Täigkeit zur Studienausbildung passt und insgesamt für uns ein Mehrwert darstellen würde.“

Zwei Jahre sollen die Neulinge in Kripo-Arbeit geschult werden, aber gleich mit vollen Bezügen im Beruf stehen. Sonst dauert in Bremen der Weg zum Ermittler sechs bis neun Jahre. Denn jeder andere muss erst einmal zur Schutzpolizei. Erst Jahre später können sich Interessenten für die Kripo bewerben, zu einem Ermittlerlehrgang.

Der künfte Kripo-Beamte ist zu diesem Zeitpunkt ist bereits jahrelang Streife gefahren, war in Einsatzhundertschaften bei etlichen Demonstrationen dabei, hat Verkehrsunfälle aufgenommen, Streit geschlichtet, Tatorte gesichert – wichtige Berufserfahrungen, die den Seiteneinsteigern fehle, befürchtet Rolf Oehmke, Personalrat der Bremer Polizei:

Der Beruf des Polizeibeamten ist sehr viel von Erfahrung geprägt und ich glaube, wenn man in unterschiedlichen Phasen auch die Erfahrung gemacht hat, dann kann man darauf aufbauen. Die Gefahr, die ich einfach sehe, dass wenn jemand von der Seite kommt und einen wesentlichen Berufsabschnitt übersprungen hat, dass es ihm schwerfält in Situationen sich rein zu denken, rein zu fühlen.“

Zum Beispiel, wenn Kriminalbeamte an einen Tatort gerufen werden, bei dem üblicherweise die Kollegen der Schutzpolizei bereits dort sind und, wenn es nach dem Lehrbuch geht, bereits erste Informationen gesammelt und Datenz zusammengestellt haben. In der hektischen Praxis kann es jedoch anders aussehen. Personalrat Oehmke:

Wenn man dann den Rollenwechsel hinbekommt von der uniformierten zur Kriminalpolizei, dann weiß man auch, warum vielleicht eine Personalie nicht vollständig aufgenommen wurde, warum eine Maßnahme nicht so durchgefüht wurde, wie man sich das wünschen würde, weil man das alles schon mal erlebt hat, wie unter Stress so ein Einsatzgeschehen abgeht. Wenn ich das überhaupt nicht kenne, dann habe ich eigentlich kein Verständnis für die Arbeit der uniformierten Polizei, und das erschwert es.“

Kriminalistik-Professor Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum befürwortet seit Jahren eine Öffnung der Polizei für Bewerber von außen. Doch auch er sieht Herausforderungen:

Seiteneinsteiger in der Polizei werden es sicherlich zu Beginn nicht leicht haben. Diejenigen, die schon länger dort sind, die Polizeiarbeit von der Pike auf gelernt haben, die werden sich schwer tun mit diesen Seiteneinsteigern. Deshalb ist es ganz wichtigt, dass die Führung, auch die politische Führung diese Personen unterstützt.“

Das hat sich die Polizei in Bremen vorgenommen und auch der Personalrat hat seine Bedenken zur Seite gestelllt. Denn die 20 Stellen können ohnehin nur mit Bewerber von außen besetzt werden, intern fehlen dei Ausildungskapazitäten. LKA-Chef Heinke geht es aber nicht nur um die Anzahl:

Die Hoffnung ist, dass wir mit einem sehr breiten Portfolio insgesamt einfach die Fähigkeiten unserer Mitarbeiter verbessern können.“

Kriminalpolizisten nach der allgemeinen Ausbildung mit Spezialqualifikationen zu erweiterrn, die nicht intern vermittelt werden – das fordert auch Kriminalistik Professort Thomas Feltes. Er hat in Bochum nach ausländischem Vorbild einen eigenständigen, allerdings kostenpflichtigen Kriminalistik-Studiengang aufgebaut. Das polizeiinterne Fachhochschulstudium will er damit nicht ersetzen.

„Entscheidend ist, dass es danach für die komplexen Aufgaben im Rahmen der Kriminalpolizei entsprechende Weiter- und Fortbildungsmöglichkeiten gibt. Hier ist die Polizei gefordert, sich deutlich mehr zu öffnen, wie in anderen Lädnern auch üblich, Ausbildungen, die nicht im Rahmen von polizeilichen Ausbildungseinrichtungen absolviert worden sind, gleichwertig anzuerkennen.“