Erneut Kritik an Schweinegrippe-Mittel Tamiflu

Tamiflu wird unter anderem Patienten verabreicht, die Schweinegrippe haben. Dagegen und auch gegen eine Grippe-Influenza scheint das Medikament aber kaum zu helfen.

Forscher um den in Italien arbeitenden Wissenschaftler Tom Jefferson fällen jetzt ein für Tamiflu-Hersteller Roche schwerwiegendes Urteil: Es gebe keinen wissenschaftlich überzeugenden Nachweis, dass Tamiflu schlimme Auswirkungen von Influenza oder auch Schweinegrippe wie zum Beispiel Lungenentzündungen oder andere Komplikationen verhindern könne. Dies schreiben sie im renommierten „British Medical Journal“ (Ausgabe vom 8. Dezember 2009). Jefferson und seine Kollegen gehören der Cochrane Collaboration an, einer weltweiten Wissenschaftler-Arbeitsgemeinschaft, die sich auf akute Atemwegserkrankungen spezialisiert hat.

Tamiflu für 30 Prozent der Bevölkerung vorgehalten

Tamiflu wird in Deutschland für ein knappes Drittel der Bevölkerung bereitgehalten, um mit dem Influenza-Mittel auch Folgen der Schweinegrippe in den Griff zu kriegen. Der Hersteller erwartet in diesem Jahr einen Umsatz von knapp zwei Milliarden Euro. Ein Großteil des Geldes spült die Pandemie in die Kassen des Konzerns. Die Behörden und die Arzeimittelzulassungstellen hätten sämtliche Studien zur Verfügung gehabt und das Medikament zugelassen, verteidigt sich nun Roche gegen die Kritik der Forscher.

Weil genau diese Studien aber unter Verschluss gehalten werden, sind Jefferson und seine Kollegen aber davon nicht überzeugt. Sie haben 20 wissenschaftliche Studien über Tamiflu ausgewertet und schreiben von einem „Mangel an guten Daten“ über das Medikament. Acht eigentlich wichtige, aber nicht oder nur zum Teil veröffentlichte Studien lassen die Forscher unberücksichtigt. Sie könnten die Ergebnisse nicht unabhängig überprüfen. Dies sei aber für eine wissenschaftlich seriöse Einschätzung notwendig, argumentieren sie. Damit rückt die Cochrane Collaboration von einer früheren Bewertung aus dem Jahre 2005 ab: Die hatte Tamiflu positiver bewertet, hatte aber auch die acht jetzt ausgeschlossenen Studien berücksichtigt.

Einige Unzulänglichkeiten bereits bekannt

Bereits bekannt war, dass Tamiflu die Krankheitsdauer bei Influenza-Patienten um lediglich einen Tag verringert, wenn das Medikament spätestens zwei Tage nach Auftreten der Symptome eingenommen wird. Getestet wurde dies aber nur an Patienten mit leichten Beschwerden, nicht solchen, die schlimm oder lebensbedrohlich erkrankt waren.

Wichtige neue Erkenntnisse dieser Meta-Studie, also einer Studie, mit der andere Studien zusammengefasst werden: So genannte Neurominidase-Hemmer, also auch das Medikament Tamiflu, verringern geringfügig die Symptome einer Influenza, sie reduzieren die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen an einer schwachen, nur im Labor nachweisbaren Form der Influenza erkranken. Weitere Erkenntnisse: Hinreichende Belege für oder gegen die Prävention schwerwiegender Folgen fehlen, es gibt auch nicht genug Belege für nicht beabsichtigte schwerwiegende Nebenwirkungen. Lediglich Übelkeit gilt als gesicherte Folge der Einnahme von Neurominidase-Hemmern.

Aspirin genau so gut?

Einer der Forscher der Cochrane Collaboration, Peter Doshi, schreibt in einem weiteren Artikel für das BMJ, dass alle Erkenntnisse zu Tamiflu und ähnlichen Medikamenten bruchstückhaft, unvollständig und widersprüchlich seien: „Wir sind uns nicht mehr sicher, ob (diese Medikamente mehr Vorteile bieten) als billige rezeptfreie Medikamente wie Aspirin.“