DNA-Abgleiche sind mittlerweile Standard bei Ermittlungen von Straftätern, und dies nicht mehr nur bei schwerwiegenden Straftaten. Dabei geht es um eine personengenaue Bestimmung von Erbgut, das mit verhandenem Material in Datenbanken vergliechen wird. Jetzt fordern die Bundesländer Baden-Württemberg und Bayern, dass erweiterte DNA-Untersuchungen erlaubt werden. Dabei geht es um Informationen, welche Hautfarbe, welches Alter der Täter hat und aus welcher Region, aus welche Teil der Welt er stammen könnte.

Ein Fall in den Niederlanden erregte Ende der 1990er Jahre Aufsehen. Eine Frau war vergewaltigt und ermordet worden, der Täter unbekannt.

In der Nähe des Tatorts waren Asylbewerber untergebracht; der Verdacht fiel auf einen von ihnen – nicht so sehr von der Polizei geäußert, sondern von den Bewohnern des Ortes. Die Stimmung war angespannt; die Ermittlungen führten nicht weiter.

Fachliteratur für den DNA-Forensiker

Da entschloss sich der Staatsanwalt zu einer Maßnahme, die damals nicht vom Gesetz abgedeckt war: Er ordnete eine erweiterten DNA-Untersuchung an. Die Ergebnisse sollten nicht mit den Daten einer bei der Polizei vorhandenen Täterdatei abgeglichen werden – dies war bereits ohne Erfolg mit der einfachen Erbgut-Analyse gemacht worden. Vielmehr sollten der DNA-Test Hinweise auf die Abstammung und Herkunft des Täters ergeben. Und die Forensiker fanden solche Hinweise, berichtet Professorin Amade M’charek von der Universität Amsterdam:

Das DNA-Ergebnis deutete auf eine nordeuropäische Abstammung des Täters und nicht den Mittleren Osten, wo die meisten Asylbewerber herkamen. Die Ruhe kehrte wieder ein. Das Verfahren war zwar illegal gewesen, aber es hatte sich bewiesen und es führte direkt zu der Gesetzgebung von 2003.“

Amade M’charek ist Anthropologin; sie hat an der Universität Amsterdam den Studiengang für Forensik aufgebaut. Mit dem geschilderten Fall gibt sie ein Beispiel, wie bei einer erweiterten DNA-Untersuchung Gruppen von Menschen entlastet werden. Wissenschaftler befürchtet jedoch bei einem zu leichtfertigen Umfang mit der erweiterten DNA-Analyse, dass Gruppen von Menschen eher belastet werden und pauschal mit der Tat in Verbindung gebracht werden.

Diese Sorge ist im Verfahren begründet: Während der Standard-DNA-Test bei Ermittlungen darauf abzielt, genau eine Person damit zu treffen, untersuchen erweiterte DNA-Tests Merkmale des Täters, die auch Millionen andere Menschen aufweisen können: Die geographische Herkunft, die Hautfarbe, Haarfarbe, Augenfarbe und das biologische Alter.

Die Wissenschaftler machen sich dabei die Menschheitsgeschichte zu Nutze, und die Veränderungen im Erbgut, die weltweite Wanderungen und Anpassungen an neue klimatische und sonstige Gegebenheiten ergeben haben, erläutert Professor Peter M. Schneider vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln.

Prof. Dr. Peter M. Schneider, Vorsitzender der Gemeinsamen Spurenkommission der rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Instituteund Leiter der Abteilung Forensische Molekulargenetik, Institut für Rechtsmedizin, Uniklinik Köln. Bei einer Diskussionsveranstaltung des Science Media Centers in der Hörsaalruine der Charité in Berlin-Mitte.

So dass sich über die Zeit Unterschiede ausgebildet haben aufgrund von spontanen Veränderungen im Erbgut, aber auch aufgrund von Selektionseffekten, die damit zu tun haben, das man andere Klimazonen erobert, dass man unterschiedlich dem Sonnenlicht ausgesetzt ist, die dazu geführt haben, dass wir alle die wir mal schwarz waren, immer hellere Haut bekommen. und alles solche Dinge, die damit zu tun haben.

Man kann nun, wenn man diese Merkmale geschickt kombiniert auswählt, mit einer einigermaßen guten Sicherheit vorhersagen, wo eine unbekannte Person seine genetischen Wurzeln hat, wo er bio-geographisch einzuordnen sind.“

Es gibt verschiedene wissenschaftliche Methoden und verschiedene Merkmale. Zum Beispiel sind bei den y-Chromosomen Zusammenhänge mit Sprachgebieten zu erkennen – Zusammenhänge, die sich im Laufe der Siedlungsgeschichte einer Region entwickelt haben: Wer eine bestimmte Variante dieses Chromosoms aufweist, lebt wahrscheinlich in einer Region, in der eine Sprache vorherrscht, Träger einer anderen Variante kommen aus einer anderen Sprachregion.

Andere Methoden beziehen sich zum Beispiel darauf, wie eine Gruppe von Genen des Immunssystems auf Antikörper reagiert. Dabei gibt es eine hohe Bandbreite an Möglichkeiten, die sehr oft mit bestimmten Bevölkerungsgruppen „korrellieren“, wie Wissenschaftler sagen, also wo es Zusammenhänge beim Auftreten von Eigenschaften gibt, ohne dass es unbedingt einen inhaltlichen Zusammenhang geben muss.

Nur mit solchen „Korrelationen“ können die Forensiker dann Wahrscheinlichkeiten über mögliche Täter aufstellen. Dazu braucht es aber sehr viele Daten, mit denen eine Probe in Bezug gesetzt werden kannt. Daten, die seit Jahrzehnten weltweit gesammelt werden, sagt Professor Lutz Roewer von der Rechtsmedizin der Berliner Charité:

Prof. Lutz Rohwer: „Letztlich bleibt es eine Wahrscheinlichkeit, weil wir nicht ausschliessen können, dass es einer doch hat, wo wir es gar nicht vermutet haben, dieses Merkmal.“

Wir haben den Vorteil, dass sich sehr viele Wissenschaftler damit beschäftigen. Die lokalen Wissenschaften sammeln auf der Grundlage wissenschaftlichen Interesses ihre Populationen, sie kennen die Populationen und sie wissen, welche Ethnien sie dort haben und sie wissen, wie sie danach fragen müssen.“

Auch wenn sehr viele Datenbanken mit Erbgut-Informationen zu vielen Regionen, teilweise auch Städten zur Verfügung stehen, sind die Ergebnisse solcher Tests sind immer Annäherungen, nie absolute Gewissheiten. Lutz Roewer:  „Letztlich bleibt es eine Wahrscheinlichkeit, weil wir nicht ausschliessen können, dass es einer doch hat, wo wir es gar nicht vermutet haben, dieses Merkmal.“

Und sie beziehen sich nicht auf Nationen und die genetischen Eigenschaften deren Bewohner, erläutert Professor Barbara Prainsack vom King’s College aus London.

Es gibt keinen Gentest für Rasse. Auch wenn das manchmal im Internet, in Blogs, in Medien so vermittelt wird. Rasse als solche hat kein genetisches Substrat. Es gibt kein Charakteristikum, dass alle Norwegerinnen habenm und alle Holländerinen nicht. Insofern gibt es regionale Cluster mit genetischer Proximität, also Menschen, die bestimmte Eigenschaften, die Menschen häufiger haben, weil sie näher mtieinander verwandt sind. Das kann man auch genetisch testen.“

Um falsche Interpretationen bei Ermittlern, in der Öffentlichkeit und auch später vor Gericht zu vermeiden, müssen die Gutachten sehr weit ausholen, dürfen Regionen nicht so stark eingrenzen. Lutz Roewer von der Charite spricht von 20 bis 30 seitigen Texten und ausgiebiger Literarurrecherche, bei herkömmlichen DNA-Tests sind es eine oder zwei Seiten. Nicht nur wegen der aufwendigen Arbeit plädieren die Forensiker dafür, erweiterte DNA-Tests nur spärlich einzusetzen. Es geht auch darum, für andere Fahndungsansätze offen zu sein, Probenmaterial nicht leichtfertig für solche Tests aufzubrauchen.

Eingang zur „Forensischen Genetik“ im Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité.

In den Niederlanden hat die Polizei seit der Einführung des Gesetzes 2003 lediglich zehn solcher erweiterter DNA-Tests durchgeführt. Dabei ging es immer um schwerwiegende Straftaten: Mord, Totschlag, Sexualdelikte. Oder um die Identifizierung von Findelkindern oder Babyleichen.

Der Mörder der Frau, nach deren gewaltsamen Tod das Gesetz geändert worden war, wurde 13 Jahre später überführt: Die Ermittler hatten den Fall wieder aufgenommen und einen herkömmlichen DNA-Abgleich bei der männlichen Bevölkerung in der Region vorgenommen. Der Täter war ein Bauer aus der Nähe.