Ethnologen bei der Bundeswehr

Was ein „Tapsi“ ist, hat die 38-jährige Ethnologin Maren Tomforde bei der Bundeswehr im Bosnien-Herzegowina erfahren. Tapsi – das steht für „total ahnungslose Person sucht Infos“. So nennen die Soldaten in Auslandseinsätzen die Neuankömmlinge.

Die Vorgesetzten mögen den flapsigen Ausdruck nicht, Kultur- und Sozialwissenschaftler wie die Ethnologin Maren Tomforde sind aber der Auffassung, die informelle Einsatzsprache hilft den Soldaten mit der ungewohnten Situation fertig zu werden. Die promovierte Ethnologin arbeitet beim Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr in Strausberg bei Berlin. Dort forscht sie im Auftrag des Verteidigungsministeriums. „Zum Beispiel waren wir in Afghanistan und haben Umfragen zur interkulturellen Kompetenz der Soldaten im Auslandseinsatz gemacht, aber gleichzeitig haben mein Kollege und ich auch Interviews durchgeführt, um zu sehen, wie die Soldaten mit einer fremden Kultur im Einsatzland umgehen, welches Vorwissen sie mitbringen, welche Informationsquellen sie nutzen, und auch, auf welche Probleme sie stoßen, wenn sie im Süden Kabuls oder in Kundus auf Patrouille gehen“, erzählt die Wissenschaftlerin.

Bundeswehr-Karriere war während des Studiums nicht geplant


Dass Maren Tomforde einmal bei der Bundeswehr landen würde, konnte sie sich zu Beginn des Studums nicht vorstellen. Wenn ihr damals jemand ihren jetzigen Arbeitsplatz beschrieben hätte, hätte sie ihn wahrscheinlich ausgelacht. „Ich hatte natürlich schon Vorstellungen, was ich mit dem Studium machen möchte. Mir war immer schon klar, dass ich forschen will“; sagt sie. Für ihre Doktorarbeit recherchierte sie zwei Jahre lang in Thailand, in Berlin wertete sie die Daten aus, arbeitete an ihrer Promotion und schaute sich nebenbei nach einer Stelle um. Dann sah sie die Anzeige der Bundeswehr. Besonders die Aussicht auf Tätigkeiten im Ausland reizte sie, Maren Tomforde bewarb sich und wurde eingestellt. „Wir haben Soziologen, Politologen, Pädagogen, Psychologen. Ich bin die einzige Ethnologin hier, aber ich werde mit meinem Fachwissen auch ernst genommen, und das ist schön“, sagt sie. Nicht nur dort, bei der Forschungsstelle in Strausberg bei Berlin. Auch bei Aufenthalten in den Auslandsstützpunkten der Bundeswehr, so hat sie den Eindruck, wird sie von den Soldaten akzeptiert: „Weil ich Zeit mitbringe, mich mit ihnen unterhalte und einfach Interesse an ihrem Arbeitsalltag habe.“ Die üblichen Besucher kommen für drei, vier Stunden in ein Feldlager, Maren Tomforde ist etliche Wochen da, fährt mit auf Patrouille.

Im Ausland wird die Uniform angezogen


Wenn Maren Tomforde bei der Bundeswehr in Afghanistan oder in Bosnien ist, wird die ansonsten zivile Mitarbeiterin des Wissenschaftlichen Institutes zur Soldatin – sie hat den Dienstrang eines Majors, ist bewaffnet und trägt Uniform, wenn sie zum Beispiel mit auf Patrouille fährt. „In Bosnien-Herzegowina wurden wir von einer einheimischen Familie zum Kaffee eingeladen und wir waren recht viele Leute, wir waren, glaube ich, mehr als zehn, und die Soldaten wollten eigentlich diese Einladung nicht annehmen, weil sie sich geschämt haben, bei einer relativ armen Familie mit so vielen Leuten dann einzufallen und die Gastfreundschaft dann auch in Anspruch zu nehmen.“ Doch das Abschlagen der Einladung hätte die Familie in der einer Kultur, in der Gastfreundschaft einen hohen Wert hat, möglicherweise arg verstimmt – also was tun? Nach kurzer Beratung mit Maren Tomforde entschied der Patrouillenführer, dass ein Teil der Gruppe die Einladung annimmt, der Rest wartet. „Das war in dieser Sitation ganz gut so, dass ich da vermitteln konnte“, erinnert sie sich.

Kulturseminare vor dem Auslandseinsatz


Mittllerweile werden die für Auslandseinsätze vorgesehenen Soldaten mit speziellen Seminaren auf solche Situationen vorbereitet oder mit Handzetteln, die über Sitten und Gebräuche in den jeweiligen Ländern aufklären. Solche Informationen vermitteln Regionalwissenschaftler wie Beatrix Thom. Sie hat Südasienwissenschaften und Geographie studiert und noch ein verwaltungswissenschaftliches Aufbaustudium abgeschlossen. „Irgendwann wurden dann Ethnologen gesucht und unter dem Obergriff Ethnologin bin ich dann auch eingestellt worden, obwohl wir nicht nur Ethnologen sind, wir sind auch Politologen, Historiker, Regionalwissenschaftler wie ich“, sagte sie. Beatrix Tham arbeitet bei der Abteilung für „Operation und Information“ in Mayen bei Koblenz. Eine der wichtigen Aufgaben ist es, die Anliegen der Bundeswehr der „Zielgruppe“, also den im jeweiligen Land wohnenden Menschen zu vermitteln: „Ein anderer Aspekt ist noch die landeskundliche Beratung. Wir beraten den vor Ort ansässigen Kommandeur im Umgang mit der Zielgruppe, etwa wann man Schuhe ausziehen muss, bevor man irgendwo reingeht und solche Dinge. Wir sind also dafür eingestellt worden, damit die Soldaten weniger oft ins Fettnäpfchen treten.“

Akademiker von außen eingestellt


Zwar hat die Bundeswehr eigene Hochschulen, doch bei Bedarf werden auch Akademiker von außerhalb eingestellt. Zuständig sind die vier Wehrbereichskommandos in Strausberg, Kiel, Düsseldorf und München. Dort besteht eigentlich ein Einstellungsstopp – doch der kann umgangen werden, wenn es dem Verteidigungsministerium und der Dienststelle notwendig erscheint, einen entsprechenden Spezialisten einzustellen. Auch Initiativbewerbungen könne erfolgreich sein, zumindest werden sie geprüft, sagt Silvi Frösche vom Wehrbereichskommando Ost: „Je nachdem, wie diese Prüfung ausgeht, kann es sogar sein, dass man auf den Bewerber zugeht und ein Angebot hat oder die Nachfrage, ob Interesse bestreht, wenn wir denn Bedarf haben.“ Ansonsten empfiehlt die für Einstellungen zuständige Juristin, sich auch auf den Internet-Seiten der Bundeswehr zu informieren oder auch bei den jeweiligen Wehrbereichskommandos nachzufragen. „Wenn der Bewerber ausdrücklich darauf hinweist, dass er in eine Bewerberkartei aufgenommen werden möchte, heben wir die Bewerbung auch ein Jahr lang auf, und prüfen dann turnusmäßig, ob gerade ein Dienstposten zu besetzen ist, wo dieser Bewerber in Betracht kommt.“

Übliche Einstellungsvorausetzungen für Zivilisten


Zivile Mitarbeiter müssen neben den im öffentlichen Dienst üblichen Zugangsvoraussetzungen keine besondere körperliche Fitness nachweisen. Eines sollten sie allerdings, sagt Maren Tomforde: „Man muss sicherlich die Offenheit mitbringen und sich überhaupt mit dem Thema Bundeswehr auseinandersetzen und die Offenheit haben, überhaupt mit Soldaten zusammen zu arbeiten und deren Sichtweisen auch zu akzeptieren.“