Fremdsprachenassistentin in Kasachstan

 

Für Germanistikstudenten, und für allem für solche, die Lehrer werden wollen, ist es nichts ungewöhnlich:, ein paar Monate im Ausland an einer anderen Universität als Fremdsprachenassistent zu verbringen. Beliebt sind dabei Großbritannien, die USA; Frankreich oder Spanien. Die Oldenburger Studentin Judith Neef ist dagegen an einem ungewöhnlichen Ort – in Zentralasien, in Kasachstan. Dort, in der ehemaligen Sowjetrepublik, stieß sie auf lebhaftes Interesse an der deutschen Sprache. 

„Der Herbst ist da…..“

Den Kindern in der Deutschen Schule in Astana, der Hauptstadt Kasachstan, ist der Akzent ihrer Heimat deutlich anzumerken – auch wenn sie aus einem Elternhaus kommen, in dem zumindest noch die Großmutter oder der Großvater deutsch spricht.

„Mit 13 Jahren habe ich Deutsch gelernt. Meine Mutter ist Deutsch …verstehen, aber nicht sprechen, meine Oma kann auf Deutsch sprechen, aber sie wohnt in Kaliningrad.“

Russisch war jahrzehntelang die einzige, von der Sowjetunion geduldete Sprache in Kasachstan: Seit der Unabhängigkeit 1991 will der Staat, dass seine Bürger auch Kasachisch lernen. Viele junge Kasachen lernen zudem Englisch, und mit Deutsch ihre dritte Fremdsprache, auch wenn sie mit der einst großen deutschen Minderheit im Lande nichts zu tun haben, also im Elternhaus nicht mit Deutsch in Berührung gekommen sind. So zum Beispiel die 16jährige Alexandra:

„Ich lerne Deutsch, weil ich die deutsche Kultur kennen lernen will, und ich will in Deutschland lernen und eine gute Ausbildung bekommen. Ich denke, dass dort gute Ausbildung geben und ich will gute Arbeit haben.

Weil Deutsch so beliebt ist, ist auch Judith Neeff, eine 23jährige Studentin aus Oldenburg, sehr willkommen. Sie arbeitet für einige Monate als Fremdsprachenassistin, und wurde in Kasachstan ins kalte Wasser gestoßen. Russisch oder gar Kasachisch konnte sie gar nicht. Ihr Professor hatte gesagt, als Fremdsprachenassistentin käme sie erst einmal auch ohne die beiden örtlichen Sprachen aus.

Naja, es ist so, dass die Studenten mit mir ja Deutsch reden müssen. Ich denke, dass ist auch ganz gut, aber manchmal ist es für mich nicht so leicht, weilich mich mit niemanden richtig verständigen kann, wenn ich im Bus fahre oder so. Ich muß also immer jemanden um Hilfe bitten.

Über das Land selbst wußte sie auch nicht besonders viel.

„Ich wußte zum Beispiel nicht, dass es so viele Bevölkkerungsarten gibt. Jetzt entdecke ich, dass es viele Kulturen gibt, die durcheinandergemischt sind, und das ist spannend.

Neben den Kasachen gibt es viele russisch- und deutschstämmige Kasachstaner, Chinesen, Mongolen, Koreaner. Als Europäerin fällt Judith Neef da natürlich auf. Schlimm findet sie das nicht, im Gegenteil.

„Du sitzt im Bus und auf einmal kommt jemand und fragt, wo kommst du denn her, bist du vielleicht aus Amerika. nein aus Deutschland, wie spannend. Also, das finde ich sehr schön, dass die Leute so offen sind.

Und sehr gastfreundlich, hat Judith Neef erfahren. Sie wohnt bei einer Familie, die ihr ein Zimmer vermietet und fürs Essen sorgt.

„Sehr sehr reichlich, es gibt morgens schon immer Bratwurst mit Kartoffelbrei, Borscht – das ist eine Kohlsuppe, die sehr, sehr lecker schmeckt, und die macht auch satt

Ein beliebter Treffpunkt vor allem für junge Leute ist der Platz vor dem kasachischen Parlament in der Innenstadt von Astana. Dort symbolisieren Statuen, Wasserfontänen und die monströse Architektur demonstrativ das neue Selbstbewußtsein des jungen Landes. Aus Lautsprechern tönt Musik des staatlichen Radios.

„Es sind sehr viele neue Gebäude, sehr viel Geld ist in diese Stadt investiert worden in den letzten Jahren. Die Universität ist sehr schick und neu. Es gibt Einkaufszentren genauso wie es sie bei uns gibt in Europa. Es gibt aber auch Viertel, die finde ich traurig. Da sind dann Plattenbauten, die sind zum Teil kaputt, da gibt es kein warmes Wasser.

Als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes hat Judith Neef zwei Jobs, vormittags an der Uni, nachmittags im Goethe-Institut.

„Also, ich komme morgens hin, meistens gönnen ich mir das Auschlafen und komme erst um neun, dann habe ich ein oder zwei Stunden Unterrricht, mache viel mit Literatur, Musikinterpretationen, dann esse ich was und fahre nachmittags ins Goetheinstitut. Dann bin bei Sprachkursen dabei, höre zu, manchmal erzähle ich was, gerade bei Landeskunde, wie ist das Studieren in Deutschland.

Das interessiert die jungen Kasachstaner besonders.

„Es gibt viele Leute, die sich für Stipendien bewerben, ganz viele waren schon in Deutschland, wollen wiederhin, sind da geblieben, es ist schon ein Traum in Deutschland zu leben.

Beispielsweise auch der von Anna. Sie ist eine von Judiths Studentinnen.

„Ich spreche zuhause Plattdeutsch mit Eltern, meine Verwandten wohnen in Deutschland. Sie sprechen nur Deutsch.

Fünf Mal war sie bereits in Deutschland, hat in der Nähe von Fulda ihre vielen Kusinen besucht. Und sie weiß, dass dort nicht alles Gold ist, was glänzt.

„Viele sagen so, sie denken, dass wenn ich nach Deutschland fahre, da gibt es so viel Geld, Menschen brauchen nicht zu arbeiten. Wenn sie nach Deutschland kommen, sehen sie, da muß man arbeiten um Geld kriegen und das gefällt ihnen nicht z.B. , und dass die Menschen immer sagen, das sind Russen.

Anna möchte erst einmal ihr Studium in Kasachstan abschließen, will dann in Deutschland weiter zu Uni gehen.

„Vielleicht studieren und dann arbeiten…

Ob sie dann dort bleibt, weiß sie nicht. Vielleicht kommt sie auch zurück, wie viele andere Akademiker, die an deutschen Hochschulen Betriebswirtschaft oder Verwaltungswissenschaften studiert haben und jetzt in ihrer Heimat bereits mit Mitte oder Ende Zwanzig Spitzenpositionen in Regierungsbehörden bekleiden. Für Fremdsprachenassistentin Judith Neef ist die Zeit in Kasachstan nach vier Monaten abgelaufen. Zumindest eine lustige Sitte wird sie in Erinnerung behalten: das Ritual bei der abendlichen Wodkabestellung in der Kneipe:

„Man muß sich so an den Hals schnippen mit zwei Fingern und dann lachen immer alle und alle wissen Bescheid.“