Etwa 700 Freiwillige sind jedes Jahr in Israel, um dort ein Jahr in sozialen Einrichtungen zu arbeiten. Wie fühlen sie sich, wenn dort plötzlich Krieg ausbricht, wie zuletzt am Gaza-Steifen?  Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste erzählen.

Die kleine alte Dame hat sich fein gemacht: Dunkler Hosenanzug, das Make Up neu aufgetragen, die Frisur gepflegt. Sie hat sich bei ihrer jungen deutschen Helferin untergehakt. Gemeinsam gehen sie langsam und behutsam durch das helle und freundliche Seniorenheim, quer durch den Aufenthaltsraum, setzen sich in einem abgetrenntem Zimmer an den gedeckten Kaffeetisch – Gretel Baum, die alte Dame und Nora, ihre junge Betreuerin. Gretel ist 99 Jahre alt, Nora wird gerade mal 19.

Gretel Baum kam in den dreißiger Jahre ins Land, als junge Frau und überzeugte Zionistin. Damals war alles anders: Zuhause in Deutschland waren die Nazis an die Macht gekommen, und Gretel Baum träumte den Traum Theodor Herzls: Einen Staat nur für die Juden. In Frankfurt war sie in einem gut situierten bürgerlichen Haushalt groß geworden, die Eltern Teil der liberalen Mittelschicht der Main-Metropole, eher weltliche denn strenggläubige Juden. Zionisten galten als links, mit kommunistischen Idealen von gemeinsamem Kibbuz-Eigentum. Was ihre Tochter machte, verstanden sie nicht. Vielleicht war es Abenteuerlust, eine kleine Rebellion gegen das Eternhaus.

20121112km6665aNora ist seit wenigen Monaten in Israel. Sie weiß, dass sie ein Jahr bleiben wird, im Norden des Landes, in der Hafenstadt Haifa. Sie hat Abitur gemacht und jetzt ist sie in einem Freiwilligen-Programm von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Ehrenamtlich arbeitet sie im Seniorenheim von Gretel Baum, ist Helferin und Ansprechpartnerin von zwei, drei alten Menschen. Manche sind dem Holocaust entronnen, kamen aus Konzentrationslagern oder aus Verstecken in die Freiheit, in ein eigenes Land, das Land derJuden. Andere wie Gretel Baum waren rechtzeitig vorher weg. Alle fühlen sich als Pioniere des Staates Israel – eine Gründergeneration. Und alle freuen sich auf die deutschen Freiwilligen. Sie sind Gesellschafter, Gesprächspartner, Helfer, wecken Erinnerungen die eigene Jugend, eine Jugend in Deutschland. 

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Vor Nora war jemamd da, und davor auch. ASF macht das seit 50 Jahren. Die Idee, die dahinter steckt: Dort helfen zu dürfen, wo Menschen Opfer des Nationalsozialismus waren. Und Wege für ein friedliches Zusammenleben zu finden. Etwa zwei Dutzend Freiwillige der Organisation sind ständig in Israel, in etwa doppelt so vielen Einrichtungen, jeweils zwei oder drei Tage die Woche.  

Nora gießt noch mal Kaffee nach, Gretel erzählt. Von Mühsaal und Fleiß bei der Arbeit im Kibbuz, von feschen Jünglingen und nichtsnutzigen Ehemännern. Sie zeigt Fotos.

Drei Tage später ist Krieg.

Israel greift Raketenstellungen im Gaza-Streifen an. Von dort waren in den Wochen und Monaten vorher immer wieder Raketen auf Orte in Israel abgefeuert worden. Irgendetwas werde passieren, hatte Ministerpräsident Netanjahu den Chefredakteuren der Zeitungen ein paar Tage vorher gesagt, hatte sie eingestimmt auf Krieg. Ausländische Botschafter waren vorab informiert worden, Nora und die anderen Freiwilligen natürlich nicht.

Jetzt kommen die Bilder im Fernsehen. Einschlagende Raketen, abgeschossen von israelischem Flugzeugen. Aus dem Gaza-Streifen fliegen Raketen in die Gegenrichtung, reichen bis nach Tel Aviv. Luftalarm in der Millionenstadt. Seit 20 Jahren hat es das nicht mehr gegeben. Reservisten werden einberufen. Die Züge Richtung Gaza-Streifen sind voll mit Soldaten.

Krieg in einem Land, in dem Nora einen Friedensdienst in sozialen Einrichtungen macht. In Haifa, oben auf einem Höhenzug des Carmel-Gebirges, wohnt sie mit anderen Freiwilligen in einer WG: Jan, er ist 21, und der 18jährigen Lea. Der Kriegsausbruch ist jetzt Gesprächsthema am Küchentisch.

Ich habe das bei der Arbeit gar nicht mitbekommen“, sagt Lea. Erst abends siehe sie die Berichte im Fernsehen. Lea arbeitet in einem jüdisch-arabischen Kindergarten. „Ich hatte mich schon gewundert, dass der Bus so leer war, als ich von dem Projekt nach Hause kam“, sagt sie, „und weniger Menschen auf den Straßen unterwegs waren.“

„Es gibt eine unheimliche Diskrepanz zwischen dem, was in Deutschland berichtet wird und dem, was man selber so erlebt“

Sie lesen sich gegenseitig Artikel vor, schauen deutsches Fernsehen im Internet, versuchen die Informationen und Eindrücke einzuordnen. „Es gibt eine unheimliche Diskrepanz zwischen dem, was in Deutschland berichtet wird und dem, was man selber so erlebt“, sagt Lea. In den aktuellen Nachrichten beherrschen Kriegsbilder die Themen – in den deutschen wie in den israelischen Medien. Doch für die Freiwilligen geht erst einmal der Alltag weiter: Alte Menschen in Seniorenheimen betreuen, in einem Kindergarten helfen, sich um Behinderte kümmern. „Wir sind jetzt hier in den Projekten. Wir können unser Leben nicht danach ausrichten, was da im Gaza-Streifen passiert ist“, sagt Jan beinahe trotzig, und die anderen nicken zustimmend.

Weiter Süden, in der Negev-Wüste, werden Schulen und öffentliche Einrichtungen wegen der Kriegsgefahr geschlossen. Dort arbeitet ein anderer Freiwilliger. Er hat erst einmal den Ort verlassen, ist nach Jerusalem gegangen. „Es ist nicht wahrscheinlich, dass hier im Norden Raketen einschlagen“, beruhigen sich die Freiwilligen in Haifa gegenseitig. Der Ort liege doch weit weg vom Gaza-Streifen. Wenn man in Israel von „weit weg“ sprechen kann. Das Land ist klein. Zwischen dem Westjordanland, der West Bank, und dem Mittelmeer besteht Israel an einigen Stellen aus einem 20 Kilometer dünnen Streifen. Und aus der Auseinandersetzung im Süden kann auch leicht ein Konflikt im Norden werden. In Sichtweite Haifas liegt der Libanon. Vor ein paar Jahren schlugen von dort abgeschossene Raketen im Stadtgebiet ein. Es gab Tote. Im Osten sind die Golan-Höhen, die Grenze zu Syrien. Konfliktgebiet.

„Natürlich ist es eine heikle Situation, weil beide Seiten so unberechenbar sind“

Der Krieg jetzt im Gazastreifen kam nicht unvermittelt. „Vorher hat man auch schon gehört, dass Bomben fliegen“, sagt Lea.  Es gibt Tote, die Lage könnte weiter eskalieren.  „Natürlich ist es eine heikle Situation, weil beide Seiten so unberechenbar sind“, sagt sie.  Und ganz unabhängig von den aktuellen Ereignissen am Gazastreifen, ist Israel eine Region, in der immer mit Gewalt gerechnet werden muss. „Wir leben hier von Anfang an nicht so wie in Deutschland“, sagt Nora. Sicherheit in Israel ist relativ. In den Schulen gibt es Erinnerungsecken: Dort hängen Bilder von ehemaligen Schülern, die als Soldaten getötet wurden. Mit 18 oder 19. Fotos von Schülern, die bei Anschlägen ums Leben kamen. Zum Beispiel ein paar hundert Meter von der WG der Freiwilligen entfernt. Eine Gedenktafel am Straßenrand erinnert daran.

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Nora, Lea und Jan unterhalten sich viel mit den Einheimischen, die sie an ihren Arbeitsstellen oder in der Freizeit treffen. „Einige der Alten in den Seniorenheimen befürchten weitere Eskalationen und haben Angst um den Staat Israel, den sie mit aufgebaut haben“, ist der Eindruck von Jan. Andere versuchen den deutschen Freiwilligen zu vermitteln, dass Israel schon Schlimmeres erlebt habe. „Meine Freunde sagen, jetzt sei der Herd ein wenig höher gestellt“, erzählt Nora. „Und: ‚Kein Grund zur Besorgnis‘.“ Doch das ist leicht gesagt.

Dass die israelischen Soldaten jetzt in den Krieg ziehen, macht Nora ziemlich zu schaffen. „Dieser Aspekt ist für mich ganz fremd“, sagt sie.

Wer in Haifa mit der U-Bahn, der Karmelit, fahren will, muss seine Taschen und Rucksäcke zur Kontrolle öffnen. Auch an den Eingängen von Bahnhöfen schauen Sicherheitsleute  in die Taschen, wird Gepäck durch Röntgengeräte geschoben. Und immer wieder gehören zum Straßenbild Soldaten, Wehrpflichtige in Uniform und mit ihren Schnellfeuergewehren in der Hand, die zu Fuß unterwegs sind oder mit dem Bus fahren, auf dem Weg zur Kaserne oder nach Hause. Kaum oder gar nicht älter als die Freiwilligen von Aktion Sühnezeichen. Dass die israelischen Soldaten jetzt in den Krieg ziehen, macht Nora ziemlich zu schaffen. „Dieser Aspekt ist für mich ganz fremd“, sagt sie. „Junge Menschen in meinem Alter. Das sind diejenigen, die es dann machen, und plötzlich kennt man die, auch in ihrer jugendlichen Unbeschwertheit.“

Wie lange können sie bleiben, wann sollten das Land verlassen, wenn die Lage schlimmer wird? Es gibt keine einfache Antwort. „Auf der einen Seite fühle ich mich meiner Familie in Deutschland verpflichtet, die sich Sorgen macht“, sagt Lea. „Auf der anderen Seite sind wir ja hier in den Projekten, um zu helfen. Da geht man dann auch nicht leichtfertig.“ Gerade in Krisensituationen, findet sie. In den Projekten helfen, heißt dabei nicht nur, mit alten Leuten Kaffee trinken, reden oder mit Kindern spielen. Jan zum Beispiel arbeitet in einer Einrichtung für behinderte Kinder. Bei einem Raketenalarm müssen alle in den Schutzraum im Keller des Gebäudes flüchten. 20 Sekunden Zeit für Raketen aus dem LIbanon, 20 MInuten für die aus dem Irak.. „Wenn Jan als Betreuer fehlt, sind da dann eben zehn Kinder weniger, die es rechtzeitig dorthin schaffen“, drückt Lea es krass aus. Ein ungeheurer moralischer Druck, den sich vor allem die Freiwilligen selbst aufbauen. Aus ihren Projekten hören sie, dass keiner dort böse ist, wenn sie das Land verliessen. Dennoch: „Wir sind schon so kleine Weltverbesserer“, sagt Nora. „Ich bin in Israel und bin aktiv und kümmere mich.“ Doch es gibt Grenzen. Das wissen sie alle.

Und es gibt ein Krisenszenario: Israel wird massiv von außen angegriffen, aus dem Irak zum Beispiel. Fernsehen, Telefon und Internet funktionieren nicht mehr, der Flughafen ist geschlossen, das Zivilleben zusammengebrochen. Dann sendet die „Deutsche Welle“ Informationen übers Radio und gibt Treffpunkte für eine Evakuierung bekannt, lautet die Vereinbarung. In jeder Freiwilligenwohnung von ASF ist steht deswegen ein Kurzwellenempfänger, und eine Kiste mit Schutzmasken gegen Gasangriffe. Für alle Fälle. Busse werden dann organisiert, und Schiffe, die die Deutschen aus dem Land bringen.

„Wir sind so privilegiert mit unserem deutschen Pass“,  sagt Lea. „Man ist was anderes, aber man will gar nichts anderes sein, ich will ja ganz normal hier leben können.“  Und normal leben, heißt für sie auch, Krisensituationen zu ertragen. Die anderen können schließlich auch nicht raus. „Warum wir dann?“, eine Frage, die Lea sich stellt. Und die Antwort ist erstmal: Arbeiten, den Alltag gestalten. „Und der Alltag ist nicht geprägt von dem, was passieren kann, sonst wird man verrückt.“ Verdrängen. Weiterleben. „Man trainiert sich so eine gewisse Lockerheit an.“ Und dennoch mit einem wachen Auge schauen, wie sich die Lage entwickelt.  „Man muss schon achtsam sein, das ist schon wichtig. Man darf sich aber nicht in seiner Angst verstricken, das tut auch nicht gut“, sagt Lea.

Und muss für sich bestimmen, wann der Zeitpunkt zum Gehen ist.

 

Die ausführlichen Audios

Greta, Lukas und Eric sind ebenfalls „volunteers“ in Haifa. Ich habe sie für cogniRADIO, dem Bildungs- und Wissensmagazin, zu einem zweiteiligen Interview getroffen.

 

 

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