Wer von deutscher Ingenieurskunst spricht, meint damit meist Spitzenleistungen, ausgeklügelte Ideen und Lösung komplexer Herausforderungen, „high tech“ eben. Doch es geht auch einfach, robust und preisgünstig, ohne schlechter zu sein. Gut genug und erschwinglich, ist dabei die Devise. Die Idee kommt aus China und Indien. Und auf internationalen Märkten könnte der Druck dazu führen, dass deutsche Firmen umdenken. 
Fraunhofer-Gemeinschaft und die Technische Hochschule Hamburg-Hamburg versuchen herauszubekommen, wie Firmen auf solche Herausforderungen reagieren. Und wie dies heimische Konsumenten beurteilen. Die Wissenschaftler haben für das Konzept auch bereits eine Bezeichnung gefunden: Sie nennen es „frugale Innovation“.  „Frugalis“ bedeutet im Lateinischen einfach, sparsam oder nutzbar. Und der Wortstamm „frugis“ so etwas wie „tauglich“.

Die Lieferanten haben gerade die neue Waschmaschine in die Wohnung gewuchtet, angeschlossen, die Verpackung mitgenommen. „Wäsche waschen“, das sollte doch einfach gehen. Doch die Vielfalt der Einstellmöglichkeiten verwirrt, ohne genaues Lesen der Bedienungsanleitung geht es nicht, auch wenn später die meiste Zeit nur 40 Grad-Wäsche in die Trommel soll. Den Ingenieur und Unternehmer Wolfgang Hoeltgen regt so etwas auf: „Haben sie eine Waschmaschine, haben Sie eine Geschirrspülmaschine? Wie viele Programm nutzen Sie wirklich davon?“ Oder ein anderes Beispiel aus dem Alltag: Komplizierte Wecker. „Nehmen wir mal meinen Radiowecker. Da können Sie alles Mögliche einstellen, um sieben Tage dreimal am Tag in irgendeiner Form geweckt zu werden“, echauffiert sich Hoeltgen. „Aber um das Ding einzustellen, mit denen vier Knöpfen, die der Wecker hat, brauche ich Abitur und die Bedienungsanleitung, und die ist gerade dann weg, wenn ich das Ding mal schnell einstellen möchte.“

Einfach und handhabbar

Hoeltgen will das Einfache, das Handhabbare: „Das ist der Wecker, wo ich einmal an dem Rad drehe und das Ding einstelle und den ich morgen dann noch mal für eine andere Zeit einstelle — das ist frugal.“ Wolfgang Hoeltgen hat in Indien eine Firma gegründet, in der junge Studenten und Ingenieure nach diesen Gesichtspunkten Produkte entwickeln.  Derartige „frugale Innovationen“ sind tatsächlich zunächst aus dem Kontakt von Unternehmen mit Kunden in Ländern wie Indien, China und Brasilien entstanden. Dabei ging es einmal um wirtschaftliche Aspekte. Kunden hatten schlicht nicht das Geld, teure High-Tech-Produkte zu kaufen. Und wenn auch noch die Anfälligkeit der Produkte in subtropischen oder tropischen Klimazonen stieg und die Wartungmöglichkeiten abnahmen, weil es zu teuer oder zu aufwändig wäre, Servicemitarbeiter dafür zu beschäftigen, sank die Bereitschaft der Käufer, diese Produkte zu erwerben. Diese rein wirtschaftlichen Argumente betrifft zunächst einmal Unternehmen, die für andere Unternehmen Produkte herstellen, und die weltweit unterwegs sind, erläutert Henning Kroll vom Fraunhofer-Institut in Karlsruhe: „Es gibt Produzenten   von Werkzeugmaschinen in ganz unterschiedlichen Bereichen, ob das im klassischen Maschinenbau ist, ob das im Textilmaschinenbau ist, die auf   den „emerging markets“ unterwegs sind, die da chinesischen Konkurrenten haben, die da einen indischen Konkurrenten haben, und sich gegen diesen positionieren und die sich gründlich fragen, einfach weil sie auch in einem Preiswettbewerb dort stehen, was sind die Funktionalitäten, die der Kunde dort braucht, die er auch abfragt.“ Dabei geht es erst einmal nicht um Verbrauchsgüter für die Konsumenten, sondern um Industriemachinen. Henning Kroll: „Selbst im Maschinenbau gibt es diese ´Brot und Butter-Maschine´, also die einfachere Lösung, die dem Kunden dann mehr dient als die überspezifierte, komplexe, die auch leichter kaputt geht, und die man auch nicht immer braucht.“

Vorreiter sind die Autozulieferer

Vorreiter der „frugalen Innovation“, und ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit, sind Unternehmen aus dem Bereich der Autoindustrie. Zulieferer für große Hersteller, die dafür oft keine Exklusivitätsklausel unterzeichnen müssen, wie bei anderen Autoteilen, die sie entwickeln. „Bei frugalen Innovation haben große Automobilhersteller gesagt, ich will gar keine Exklusivität, ich will die perfomance haben und ich bin maximal bereit, den und den Preis zu zahlen“, sagt Rajnish Tiwari von der TU Hamburg-Harburg. „Aber die Technologie, die du entwickelst, die kannst du gerne an andere verkaufen – da haben wir nichts dagegen. Und diese Technologien mit guter Qualität werden dann auch in Deutschland eingesetzt.“ Zum Beispiel eine Dieseleinspritzpumpe, die ein deutscher Hersteller zunächst für ein indisches Auto entwickelt hatte, die nun aber auch in namhaften deutschen Autos verwendet wird. Oder eine Hupe, mit der eine halbe Million Mal gewarnt werden kann, bevor sie kaputt geht; entwickelt für Märkte wie Indien oder Ägypten, wo Autofahrer es gewohnt sind, weit öfter zu hupen als die in Deutschland. Die ursprüngliche, deutsche Hupe hatte dort bereits nach einem halben Jahr den Geist aufgegen, erzählt Rajnish Tiwari, der für seine Habilitation „frugale Innovationen“ erforscht. Auch wenn die Autozulieferer nun diese Produkte ihren hiesigen Kunden anbieten – gerne reden möchten sie darüber nicht unbedingt. Deutsche Kunden könnten möglicherweise sonst den Preis drücken wollen, mutmaßt Tiwari. Denn nicht immer wird der Preisvorteil bei der Einführung eines frugalen Produktes an den Kunden weiter gegeben, sagt Rajnish Tiwari: „Es gibt Fälle für beides. Es gibt Unternehmen, die diese Gewinne einkassieren, es gibt Unternehmen, die diese Gewinner weitergeben müssen, weil der Wettbewerb sie dazu zwingt.“

Konkurrenz macht Produkte billiger

Mehr Konkurrenz und daher ein höherer Kostendruck werde aber dazu führen, dass die   Produkte letztlich für den Verbraucher billiger werden, ist Tiwari überzeugt.   So wie im Dienstleistungsbereich, im direkten Geschäft mit dem Endverbraucher. Auch dort hat er frugale Innovationen erkannt, auch wenn die Firmen das nicht unbedingt so nennen: „Wir können da die Discounter anschauen,  und Fluggesellschaften, die sagen ´no fills´: Wir bieten keinen Zusatzservice an, dafür können wir den Preis stark senken.“ Nur die Kernbedürfnisse werden für den Basispreis angeboten, zum Beispiel der billige Flug ohne Getränke und nur mit Bordgepäck. Wichtig sei aber, das der Kunde zusätzliche Angebote buchen könne, sagt Tiwari: „Ein Kernprinzip   frugaler Innovatioen ist die Möglichkeit des Upgraden. Der Kunde kann au freiwilliger Basis mehr zahlen und dafür auch mehr Leistung bekommen. Das muss nicht mit Verzicht einher gehen.“ In den Studiengängen der Hochschulen in Deutschland spielt „frugale Innovation“ bislang allerdings kaum eine Rolle. Einer der wenigen Möglichkeiten, sich mit dem Thema ausgiebig vertraut zu machen, sei ein Auslandssemester in Indien, sagt Professor Cornelius Herstatt von der TU Hamburg, die dafür mit einer Hochschule in Kalifornien zusammenarbeitet.   Professor Herstatt: „Die Idee, Ingenieure mal ins ganz kalte Wasser zu schmeissen und in die Entwicklungsländer zu schicken, ist eigentlich eine ganz gute Sache, weil sie dann eben in ganz massiver Form konfrontiert werden mit den Problemen dort.“ Davon profitierten die Nachwuchsingenieure nach ihrer Rückkehr, sagt Herstatt. Sie hätten gelernt, „dass es vielleicht ganz sinnvoll wäre, mal über einfachere Handhabung, Selbsterklärung und solche Dinge nachzudenken. Dass solche Produkte signifikant kostengünstiger sind, einfacher sind, robuster, also all diese Kriterien, die man an frugale Innovationen anlegt.“ Ob sie ihr Wissen dann aber bei ihrem späteren Arbeitgeber einbringen können, ist allerdings nicht sicher. Denn die Unternehmen wollten immer noch meist „High Tech“ statt „frugale Innovation“, sagt Rajnish Tiwari: „Die größere   Masse ist bisher nicht mitgezogen, aber es gibt trotzdem ausreichend viele Beispiele, dass man sagen kann, hiesige Unternehmen können das machen.“ Unternehmer Hoeltgen kann dem beipflichten. „Ingenieure sind nicht doof“, sagt er. „Der Punkt ist, dass sich viele noch nicht damit auseinandergesetzt haben.“ Dem pflichtet Rajnish Tiwari bei: „Es ist einfach der soziale Diskurs. Im Alltag ist das hier viel zu wenig präsent, dass man auch die kaufmännischen Aspekte bei der Technolgie-Entwicklung mit beachten muss.“

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