Mülltonnen am Rande eines Supermarktparkplatz, ein Hotdog-Stand, an dem sich Polizisten gerade einen Imbiss holen. Ein Betrunkener torkelt in abgerissener Kleidung vorbei, vorbei an einem Schild, das auf den Ursprung der Abolitionistenbewegung in den USA hinweist. An dieser Stelle hatten aus Deutschland eingewanderte Quäker bereits 1688 eine Resolution verfasst, in der sie das die Abschaffung der Sklaverei forderten. Mit ihrer Religion und ihrer Moral konnten sie es nicht vereinbaren, das Menschen als Sklaven gehalten werden.

Germantown ist eine Stadt,die von deutschen Einwanderern gegründet wurde, religiöse Gruppierungen wie die Quäker oder die „Dunkers“, Baptisten, die aus der damals bayerischen Pfalz fliehen mussten, im Wittgensteinischen Zuflucht fanden, bevor sie schließlich in die britischen Kolonien aufbrachen.

Das Haus, in dem die Quaker ihre Resolution schrieben, steht nicht mehr. Jetzt ist dort ein Supermarktparkplatz.

Auf der anderen Straßenseite hat ein Sprayer an eine Wand gesprüht: Who stops the killing? – Wer stoppt das Töten? Dort hat es vor Monaten eine tödliche Schießerei gegeben, worüber prominent in den Medien berichtet wurde, auch überregional. Maleka Fruean wohnt seit elf Jahren in Germantown und hat es schon oft mitbekommen.

When Germantown is the news, it*s to point out the different issues in Germantown. Most of the time it is gun violence. We have some blocks that have a lot of gun violence on them. It’s there, it can’t be erased, it is definitely one of the issues our neighborhood faces. But alongside that there are so many people working in organisation, working as individuals that make this neighborhood very vibrant and rich in a lot of other ways.

Wenn über Germantown berichtet wird, dann wegen der Probleme. Meistens geht es um Waffen. Es gibt einige Straßenzüge mit einer Menge Waffengewalt. Sie ist da, man kann es nicht leugnen, es ist mit Sicherheit eines der Probleme in unserem Stadtteil. Daneben gibt es aber so viele Menschen, die in unterschiedlichen Organisationen oder auch einzeln aktiv sind, die diese Gegend in vielen Bereichen lebhaft und attraktiv machen.


Nicht nur die 41jährige Maleka Fruean, Mutter von drei Kindern, ist die negative Berichterstattung über ihren Stadtteil leid. Ähnlich ergehe es auch vielen anderen Einwohnern von Germantown, sagt Andrea Wenzel. Zusammen mit drei weiteren Kommunikationswissenschaftlern hatte die Professorin zu Gesprächsrunden eingeladen, wollte wissen, wie die Bewohner die Arbeit von Journalisten beurteilen, die über Germantown berichten.

Certainly when we talk to people they express a lot frustration with the local media, with media in generell, the frustration that they only saw reporters when they were coming in to cover crime, coming into to cover something negative. The other complaint was, there wasn’t a lot of context in that news, there wasn’t a lot reccognitation of historical context, the history of racism, the history how powers work in this society. So there was a desire for a different kind of storytelling, different kind of news.

Da ist viel Frustration mit den örtlichen Medien, mit Medien allgemein. Die Frustration, dass Reporter nur vor Ort sind, wenn sie über Verbrechen berichten, über Negatives. Die andere Beschwerde ist, dass die Berichterstattung keine historischen Zusammenhänge aufzeigt, über Rassismus, über die Machtstrukturen in dieser Gesellschaft. Es gab also ein Bedürfnis nach einer anderen Art, die Dinge zu erzählen, nach anderen Nachrichten.

Es geht aber nicht nur darum, wie Medien über das mehrheitlich von Afro-Amerikanern bewohnte Germantown berichten, sondern auch um Informationen und Berichterstattung für die Bewohner selbst. Um zu erfahren, welche Themen den Bewohnern wichtig sind, haben sich Andrea Wenzel, ihre Studenten und einige Anwohner auf den örtlichen Flohmarkt gestellt.

We had a sign that said, let me just get it out, we had a sign „what do you wonder about Germantown that you like a reporter should look into“.

Wir hatten ein Schild, lassen Sie mich das herausholen, ein Schild mit der Aufschrift: „Welchen Fragen zu Germantown sollte ein Reporter nachgehen?“

Viele Fragen wurden dann tatsächlich gestellt, zum Beispiel: Wie können wir die Ladenbesitzer dazu bewegen, den Bereich vor ihren Geschäften sauber zu halten? Was passiert mit dem alten Rathaus und mit anderen, leerstehenden Gebäuden? Wann kommen bessere Supermärkte nach Germantown? [ Wie können wir in den öffentlichen Schulen helfen? Wo werden Kunstkurse angeboten? Und wieso fliegen hier ständig Hubschrauber? ]

Fragen, um die sich Lokalreporter kümmern würden, wenn es denn eine Zeitung gäbe – doch die beide Lokalblätter haben vor einiger Zeit dichtgemacht.

Allerdings geht es den Bewohnern um mehr als die bloße Vermittlung von Nachrichten. Maleka Fruean wohnt in Germantown, arbeitet auch als Journalistin:

We want to hear reporting of the truth and the issues that are going on and we also want to hear all of the solutions that might go along with it. It might not mean that they are solving the problem completely but they might get there. It is a more holistic view. We need to take back journalism, we need to give it back to the community that are being covered and let them tell their own stories and let them decide to, okay, these are the things to cover.

Wir wollen, dass wahrheitsgemäß und über Probleme berichtet wird und wir wollen von möglichen Lösungen erfahren. Das bedeutet nicht, dass damit die Probleme verschwinden, aber es wäre ein erster Schritt. Es ist ein eher ganzheitlicher Ansatz. Wir müssen den Journalismus nehmen und ihn den Menschen zurückgeben, über die berichtet wird, damit sie ihre eigenen Geschichten erzählen und selbst entscheiden, über was berichtet wird.


Eine Art Bürgerjournalismus, bei dem der Berichterstatter gleichzeitig auch ein „community organizer“ ist, jemand, der sich um die Belange des Stadtteils kümmert und um Problemlösungen bemüht ist. Das soll jetzt erst einmal im Internet umgesetzt werden, mit dem“ Germantown Info Hub“, einem Webauftritt, in dem Bewohner portraitiert und in dem Ansprechpartner vorgestellt werden, die bei Problemen und Fragen helfen.

Clarice Thomas, die als Jugendliche in Germantown gelebt hat und vor 14 Jahren wieder zurückkam:

It is also a place when someone coming from the outside that want to learn about Germantown.That would also be a good source for information so you are not coming in like a tourist try to report.

Dort können sich auch Menschen über Germantown informieren, die von außerhalb kommen – Reporter zum Beispiel.

Dass der „Germantown Info-Hub“ eine Zeitung nicht ersetzen kann, ist aber auch klar. Maleka Fruean:

There are still lots of people in Germantwon, older and even a little bit younger, that are’nt following twitter, following social media all the time.

There definitely are, but there are definitely old folks that don’t follow news like that. They want to see something in print. They want to see something in print on the cornerstore that they can just pick up and read while they pick up something.

We need that. We need actual person to person outreach, in our community events in our park, we need social media, we need it all.

Es gibt noch viele Menschen in Germantown, ältere und auch jüngere, die nicht bei Twitter sind und die sozialen Medien verfolgen. Es gibt Ältere, die das machen, aber auch die, die das nicht tun. Die wollen etwas Gedrucktes, dass sie sich im Laden an der Ecke holen und lesen, während sie dort einkaufen. Wir brauchen das. Wir brauchen aber auch den direkten Kontakt von Mensch zu Mensch, bei den Veranstaltungen im Park. Wir brauchen soziale Medien. Wir brauchen das alles.