Rund 75 000 Samen leben im Norden Europas. Für sie strahlt das Sami-Radio ein Minderheitenprogramm aus. In Finnland hat der Sender sogar eine eigene Frequenz.

Für Juhni Nousuniemi, den Leiter des finnischen Sami-Radio, steht fest: „Wir haben den Kanal und Norwegen hat das Geld.“ Seit 50 Jahren verbreitet Sami-Radio ein Programm füpr die nationale Minderheit der Samen, seit 1991 sogar auf einer eigenen Frequenz. Auf 2.035 Sendestunden kommt das finnische Sami-Radio im Jahr, der Samen-Sender in Norwegen auf 1.790 Stunden und der in Schweden auf 190 Stunden. „Das kleine Finnland sendet am meisten“, sagt Nousuniemi nicht ohne Stolz. Die Schweden und Norweger tun weniger für „ihre“ Samen, was den Hörfunkbetrieb betrifft. Sie senden in samischer Sprache lediglich Fensterprogramme auf einem landesweiten Kanal.

Dass Nousuniemi nicht nur Same, sondern auch FInne ist, mag er nicht verbergen. Auch nicht, dass er wenig neidisch ist auf den wohlhabenden Nachbarn Norwegen, dessen Ölvorkommen dem Land zu Reichtum und einer gewissen Unabhängigkeit verhelfen – eine Unabhängigkeit, die wiederum aus dem vielleicht gefühlsmäßigen „Nein“ zur Europäischen Union keine spürbaren wirtschaftlichen Nachteile erwachsen lässt. Die reichen Nachbarn – und dazu gehört auch Schweden – konnten es sich leisten, die Schwesterstationen von Sami-Radio bereits vor Jahren mit neuer, digitaler Hörfunkstationen auszustatten – die Finnen mussten warten.

Grenzüberschreitende Sendungen

Sami-Radio – so heißt der Sender in allen drei Ländern – ist eine ungewöhnliche Einrichtung. Sein Empfangsgebiet umfaßt die Nordgrenze des europäischen Kontinents, überschreitet nicht nur die Grenzen der beteiligten Länder, sondern die zwischen Europäischer Union und Nicht-EU-Ländern.

Und vielleicht auch die Grenze zwischen den skandinavischen Ländern und dem Norden der einstigen Sowjetunion. Gespräche mit den russischen Nachbarn haben die finnischen Radiomacher bereits aufgenommen. Allerdings: Der Plan, einfach einen noch auf finnischem Grenzland gelegenen, leistungsstarken Sender auf russsisches Gebiet ausstrahlen zu lassen, wie es sich die Sami-Radioleute zunächst einmal ausgedacht hatten, scheiterte an internationalen Wellenabkommen. Die auf finnischer Seite vom Sami-Radio belegte Frequent ist in Rußland bereits anderweitig vergeben.

Sonderregelungen

Rund 7.500 Samen leben im Norden Europas, mit 40.000 die meisten in Norwegen, zwischen 15.000 und 25.000 in Schweden, 6.500 in Finnland und etwa 2.000 in Rußland. Stolz sind sie auf eine eigene Geschichte, Sprache, Kultur, Wirtschaft und Lebensweise. Und sie fühlen sich verbunden mit anderen nordischen „Urvölkern“, wie den Innuit in Grönland und Alaska.

Dies macht sich auch im Programm von Sami-Radio bemerkbar. „Musik indigener Völker hat bei uns einen festen Platz“, bemerkt Juhni Nousuniemi. Dass gerade Hörfunk ein ideales Medium für die ethnische MInderheit ist, hat mit der Gesetzeslage zu tun, die noch vor einigen Jahren die Existenz der Samen nicht wahrhaben wollen: Samisch wurde an den Schulen nicht gelernt. Die Sprache existierte nur in der traditionellen mündlichen Überlieferung. Wer Samisch beherrschte, hatte gleichwohl Schwierigkeiten beim Schreiben und Lesen, nicht jedoch beim Hören.

Selbstbewußtere Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft

In den 50er und 60er Jahren haben die Lappen sehr schlechte Erfahrungen mit der finnischen Gesellschaft gemacht“, beschreibt Nousuniemi eher diplomatisch die Entwicklung. Wie in anderen Ländern entwickelte sich damals eine zunehmen selbstbewußte ethnische Identität, der auch die Gesetzgebung Tribut zollen musste, mit Gesetzen zum Schutze des wirtschaftlichen Überlebens der einst ihren Rentieren hinter her ziehenden Lappen. Die Lappen erhielten zudem ein politischen Gremium, das eine bedingte Unabhängigkeit vom Parlament in Helsinki garantiert.

Wir haben jetzt die erste Generation, die Samisch schreiben und sprechen lann“, erläutert Nousuniemi. Gesetzliche Sonderregelungen sollten Jahrzehnte lang erlittene Nachteile wieder aufwiegen, vielleicht auch nur das schlechte Gewissen der Süd-Finnländer gegenüber ihren Landsleuten aus dem hohen Norden beruhigen. In Lappland wurden teure Berufsbildungszentren errichtet, in denen Jugendliche traditionelle lappische Handwerke erlernen, aber auch Einblicke in Medienberufe erlangen können. Nutznießer sind nicht nur die samischen Jugendlichen, sondern auch junge Finnen aus dem städtischen Süden. Politische Themen, über die Sami-Radio berichet, sind zumeist von der Frage begleitet, was „die da unten in Helsinki“ sich dabei gedacht haben. „Oft werden dort Entscheidungen gefällt, ohne dass wir gefragt werden“, klagt Nousuniemi.

Regionale Nachrichten aus allen beteiligten Ländern

Zumeist strahlt Sami-Radio regionale Nachrichten aus. Bedingt durch die Programmstruktur erfährt der Hörer dabei auch Neuigkeiten aus anderen Regionen, in denen Samen leben: Nach dem morgendlichen Start um lkuzr nach sieben wechseln sich die Redaktionen aus den drei beteiligten Ländern ab, teilweise sogar halbstündlich. Das Programm kommt dann reihum aus Finnland, aus Norwegen und aus Schweden.

Wichtiges Nachrichtenthema: Das Wetter. „Schließlich wollen die LEute morgens wissen, ob es sich lohnt, überhaupt aufzustehen“, sagt Nousuniemi. Keine leichte Aufgabe für die Programmmacher, verharrt der Norden doch die Hälfte des Jahres in Dunkelheit. „Sami“ – das von den Samen seit Jahrhunderten besiedelte Gebiet, reicht von Mittel-Norwegen und Mittel-Schweden über Nord-Finnland bis zur Kola-Halbinsel. Die drei samischen Dialekte unterscheiden sich so sehr voneinander, dass man sich untereinander nicht verstehen kann.

Jugendliche suchen andere Identitäten

Den Grossteil seines Programms sendet Sami-Radio im nördlichen Dialekt, darunter auch ein Programm für Jugendliche. Obwohl gerade junge Leute von der gesetzlichen Aufwertung des Samischen als anerkannte Schulsprache profitieren konnten, hören überwiegend Ältere Sami-Radio: „Kinder und Jugendliche sind mit unserem Radio schwer zu erreichen“, gesteht Nousuniemi. „Die hören alle Privatradio.“ Oder den Jugendsender Radio Mafia, ein Angebot des staatlichen Rundfunks. Viele jungen Samen suchen keine Anerkennung in der Tradition ihrer MInderheit, sondern im „reichen“ Süden der Mehrheit der Finnen.