Internet-Hilfeaufruf für blinden Siegener Studenten

Ein blinder Student steht orientierungslos in der Siegener Uni und bittet um Hilfe. Erfolglos. Er hört nur dumme Kommentare und Gekicher. Ein Freund postet den Vorfall bei Facebook – und es folgt eine Welle der Unterstützung.

Kurt kann es immer noch nicht fassen. Irgendwo im Verbindungsgang zwischen Bibliothek und Mensa hatte er sich verlaufen. „Hilfe“, ruft er. „Kann mir jemand helfen?“ Er hört Stimmen, junge Stimmen. Zwei Kommilitonen offensichtlich. Sie reden darüber, ob und wie sie ihn anfassen sollen – an den Armen, an der Schulter, kichern dabei, lachen. Kurt hat das Gefühl, sie reden über ihn, nicht mit ihm. Er ist unsicher, ist auch nicht sofort als Blinder zu erkennen: Er hat keinen Stock, mit dem er sich vortasten kann. Er muss sich wie in einer Falle vorkommen, will nur noch weg. Mit  seinen Fingern fühlt er sich die Wand entlang, sucht nach Hinweisen, welchen Weg er nehmen soll. Und er weiß, dass er beobachtet wird: Er hört die beiden Studenten reden, herumwitzeln, weiß nicht, ob sie Fotos von ihm machen, vielleicht ein kleines Filmchen mit ihren Smart-Phones drehen, um es ins Internet zu stellen. Und er hört, er solle „da lang“ gehen. Wo das sein soll, sieht er natürlich nicht. „Ich kam mir so vorgeführt vor“, sagt er. Irgendwie schafft er es, wieder an eine Stelle zu kommen, wo er sich auskennt. 

Freunde sind stinksauer

Später im Regionalzug, auf dem Weg nach Hause ins wenige Kilometer entfernte Sauerland, ist Kurts Erlebnis immer noch Gesprächsthema.  Die Kumpels, mit denen er oft den Weg zur Uni nimmt und die ihm bei Ein- und Aussteigen helfen, sind empört. Stefan ist einer von ihnen; er  geht in die Offensive und postet den Vorfall bei Facebook, redet den Studenten ins Gewissen. Sie sollten auch nach den Vorlesungen nicht sofort aus dem Hörsaal stürmen, sollten Rücksicht auf Kurt nehmen, ihm eine „helfende Hand“ anbieten. „Fände ich echt klasse“, schreibt Stefan. Die Reaktionen sind überwältigend: Mehr als 700 „likes“ innerhalb  von noch nicht einmal 24 Stunden, mehr als 60 Kommentare – und viele Zusagen, umsichtiger mit Blinden an der Uni umzugehen: „Habe Kurt vor kurzem in der Bib getroffen und mich gefragt, wer das eigentlich war. Jetzt weiß ich Bescheid“, schreibt zum Beispiel Janna. Und Tina bietet an, für Kurt Texte zu scannen. 

Shitstorm über die „Vollhorste“

Doch erst einmal bricht ein Shitstorm über die zwei Studenten herein, die Kurt nicht geholfen haben. „Oh Man, ich hätte die verprügelt, wenn ich das mitbekommen hätte! Und wenn es Zwei-Meter-Schränke gewesen wären“, schreibt Lisa. „Die sollte man sofort von der Uni schmeißen.“ „Schämen sollt ihr euch“, meint Esin. Und ein Studentenpolitiker, der sein Mitgefühl mit einem Wahlaufruf für sich verbindet, bekommt ebenfalls sein Fett weg: „Geschmacklos…der Nächste ohne Reife.“ Anderen fallen weitere behindertenfeindliche Erlebnisse ein, zum Beispiel mit einem Siegener Busfahrer, der einem langsam und nur mit Unterstützung einsteigenden Gehbehinderten ungeduldig angeraunzt habe, er solle besser ein Taxi nehmen. Stefan, der den Post gestartet hat, zieht irgendwann mal die Notbremse. Konkrete Hilfe sei wichtiger als die Beschimpfung der „Vollhorste“.  

Dozenten und Mit-Studenten reagieren 

Das wirkt. Innerhalb von ein, zwei Tagen bemerkt Kurt die Reaktionen. Kommilitonen und Dozenten, mit denen er vorher noch nie geredet hat, sprechen ihn an, erkundigen sich, fragen nach. Das freut ihn, ebenso wie die vielen „likes“ bei dem Facebook-Eintrag. Etliche Mitstudenten seien ja bislang schon hilfreich, auch die Uni-Verwaltung, die ihm in der Bibliothek einen Blindenarbeitsplatz eingerichtet hat. Und ihm überhaupt das Studium erst ermöglich hat. Kurt studiert Sozialwissenschaften, ist ohne Abitur an die Uni gekommen. Das ist in Einzelfällen möglich. Dabei wird die Berufserfahrung angerechnet; die ersten Semester sind aber Probezeit. Auch deswegen hat Kurt Stress: Er will sich auf seine Prüfungen vorbereiten, will lernen. Und muss mit seiner Erblindung zurecht kommen, die noch nicht so lange her ist. Den unangenehmen Vorfall will er möglichst schnell vergessen. Derweil trommelt Stefan weiter auf Facebook: Wer gemeinsame Seminare mit Kurt besuche, solle seine Hilfe anbieten, die Treppe im Hörsaal hinauf, auf dem Weg in die Mensa, zu anderen Seminaren. Oder auf dem Weg zwischen den verschiedenen Gebäudeteilen der auf einem steilen Hügel gelegenen Uni. Und auch im Regionalzug. Denn immer können er und seine Kumpels nicht auf Kurt aufpassen.