Gut 20 Prozent aller Studenten verlässt die Hochschule ohne Abschluss, und dies trotz der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge. Diese neuen, abgestuften Studiengänge hatten eigentlich die hohe Abrecherquote verringern sollen.

Besonders in den „MINT“-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft,Technik, geben viele Studenten auf. Oder sie werden von der Uni vor die Tür gesetzt, selbst nach Jahren noch, in denen sie sich einiges an Wissen und Können in ihren Fächern angeeignet haben. Viele Abbrecher sind also durchaus qualifiziert, obwohl sie kein Diplom in der Tasche haben. Das erkennen zunehmend Unternehmen, die händeringend Fachkräfte suchen. Besonders in der IT-Branche finden Abbrecher und Arbeitgeber jetzt zusammen. Die Mittelständler sind dabei Vorreiter.

Norbert Friedrich ist Vorstand eines IT-Unternehmens in Niederkassel. Die Firma unterstützt andere Unternehmen bei dringenden Prorgammieraufträgen. Oder sie wird angefragt, wenn es Software-Probleme gibt. Wenn Friedrich den Lebenslauf eines Bewerbers für einen dieser Jobs liest, schaut er nur nebenbei auf die Hochschul-Ausbildung. „Wenn jemand schreibt, er war soundsoviel Jahre an der Hochschule XY eingeschrieben, hat aber keinen Titel wie Diplom, Bachelor oder Master in der Namenszeile, dann ist es klar: Der hat sein Studium nicht abgeschlossen.“ Doch das ist für Friedrich nicht so wichtig. „Es zählt, was der Bewerber neben dem Studium gemacht hat, selbst wenn er einen Titel hat.“ Gut kommt bei ihm an, wenn ein Bewerber bereits eine kleine Software-Schmiede oder einen Computerservice betrieben, bei solchen Firmen gejobbt und sich dabei zum Beispiel Kenntnisse in der Programmierung von Datenbanken erworben hat – das sind Qualifikationen, die bei Friedrichs zählen, nicht das Diplom. Dabei kann er selbst eine astreine akademische Ausbildung vorweisen: Sein Informatikstudium an der Uni Bonn hat er erfolgreich abgeschlossen. Trotzdem haben Abbrecher bei ihm gute Karten – allerdings erhalten sie auch weniger Geld, zumindest am Anfang. „Nach zwei Jahren und entsprechendem Engagement gibt es keine Unterschiede mehr“, sagt Friedrich. Zum Beispiel bei Harald Justen. Vor mehr als zwanzig Jahren war er von der Uni geflogen, jetzt führt er selbst Einstellungsgespräche. Und ist jetzt als Bereichsleiter in dem 100 Mitarbeiter starken Unternehmen einer der Führungskräfte.

Bei der Firma in Niederkassel hätte Sven Lang wahrscheinlich auch gute Karten gehabt. Sein Wirtschaftsinformatik-Studium an der Fachhochschule Südwestfalen in Hagen hatte er beinahe geschafft. Sieben Semester hatte der jetzt 27jährige hinter sich, nur noch ein paar Klausuren musste er bestehen, um schließlich seine Bachelor-Arbeit schreiben zu können. Doch dannkam das Aus: Er rasselte zum dritten mal durch die Physik-Prüfung – das bedeutete Zwangsexmatrikulation, den Rauswurf aus der Hochschule. Sven Lang versucht noch, gerichtlich gegen die Entscheidung der Hochschule vorzugehen, dachte zunächst auch, er könne sein Studium an der Fern-Uni fortsetzen. Doch daraus wurde nichts: Drei Mal durchgefallen bedeutet das KO an allen deutschen Hochschulen – in diesem Fach darf er nicht weiter studieren. Und ein anderes Fach wollte er nicht. Denn Informatik macht ihm Spass. Bereits während des Studiums hatte er als IT-Fachmann gejobbt, bei einer Klinik und bei einem kleinen Unternehmen in Düsseldorf. Das hat im gefallen.

Auf einem in einem Nahverkehrszug angebrachten Plakat wird ein Eisenbahner mit Herz gesucht.

 

Deswegen kam ihm ein Angebot aus Aachen jetzt wie gerufen: Eine verkürzte Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Nur 18 Monate anstatt der üblichen 36 Monate – eine von Industrie- und Handelkammer und der Wirtschaftsförderung der Stadt eigens für Studienabbrecher zurecht gezimmerte Ausbildung. „Wir wollen mit dem Programm Studenten, die an der RWTH Aachen und an der FH Aachen nicht zu Ende studiert haben, aber dennoch gute IT-Fachkräfte sind, in der Region halten“, sagt IHK-Geschäftsführer Heinz Gehlen, zuständig für die berufliche Bildung. Dass nun auch Abbrecher aus anderen Städten kommen, zeigt für Gehlen, wie attraktiv das Projekt ist – und auch für die Unternehmen. Das bestätigt Guido Kuckelkorn, Personalchef eines mittelständischen IT-Dienstleisters in Aachen. „Wir konkurrieren bei den Bewerbern mit den großen Firmen, nur das uns kaum jemand kennt“, sagt er. Er rühre zwar schon die Werbetrommel, doch sei es schwierig, genügend guten Nachwuchs zu bekommen. Neben Sven Lang hat er jetzt noch zwei weitere Abbrecher-Azubis eingestellt. „Sie sind hochmotiviert, wollen etwas erreichen“, widerspricht er dem gängigen Klischee vom Versager-Studenten, der nichts gebacken bekommt. „Studienabbruch ist für uns kein Malus“, sagt daher Kuckelkorn.

Doch das vergeigte Studium kann durchaus am Selbstwertgefühlt nagen. Das weiß auch Arndt Kessler. Der gebürtige Bielefelder hat in Bocholt studiert, ist an der dortigen Fachhochschule an der Mathe-Prüfung gescheitert. „Freunde und Verwandte mußten mich erst einmal wieder aufbauen“, sagt er. Er hätte sich mehr Hilfe und Unterstützung von der Hochschule gewünscht, bei der Vorbereitung auf die Prüfung und auch bei der Beratung nach den Alternativen. „Es fehlt eine Anlaufstelle, die gut und richtig auf Studienabbrecher eingeht“, findet auch Sven Lang. Eine solche Beratungsstelle wollte IHK-Geschäftsführer Gehlen für das „Switch“ bezeichnet Projekt eigentlich auf dem Campus der RWTH einrichten. Doch die Uni wollte nicht: Zu sehr hätte der Elite-Hochschule dann wohl ein Makel der Zweitklassigkeit angehaftet, mutmaßt Gehlen.

Praktiker wie Personalchef Kuckelkorn können das nicht nachvollziehen. Er wünscht sich sogar, dass solche Programme noch ausgeweitet werden, zum Beispiel auf die kaufmännischen Berufe. „Wir würden uns freuen, wenn auch abgebrochene BWLer oder VWLer eine verkürzte und intensive Ausbildung bekommen könnten“, sagt er. Besonders wichtig ist für ihn die eigene Berufsschulklasse für die Abbrecher, eine Besonderheit des Aachener Modellprojekt: „Die Leute sind hochmotiviert und wollen lernen und nicht mit zehn Jahre jüngeren Jugendlichen im Klassenzimmer sitzen, die keinen Bock auf Schule haben.“