Eine Synagoge in einer ehemaligen evangelischen Kirche, das ist ungewöhnlich. Vor gut zwei Jahren zog die Jüdische Gemeinde In Cottbus in ein nicht mehr genutztes Kirchengebäude aus dem 18. Jahrhundert um. Ein Vorzeigeprojekt für jüdische Kultur in Brandenburg. Eigentlich könnte die Gemeindeleitung durchaus stolz darauf sein, was dort passiert ist. Doch die Kontaktaufnahme ist schwierig: Der Vorstand versucht, Gespräche mit einfachen Gemeindemitgliedern zu verhindern, ein engagierter älterer Jude will sich nur an einem neutralen Ort treffen. Auch der Landesrabbiner hätte gerne gesehen, dass die Cottbusser Gemeindemitglieder mehr Engagement bei seinen Unterweisungen in jüdischer Glaubenslehre zeigten.  Und der Kantor sagt: Ich gebe der Gemeinde nicht mehr lange.

Gegenüber der alten Kirche ist eine Unterführung; ein Straßenmusiker aus Osteuropa hat sich dort aufgestellt. Zwischen den Wänden hallt sein Gesang. Die Fussgängerzone in der Cottbusser Altstadt ist belebt, vor allem an Einkaufs-Samstagen oder auch, wenn die schöne Sonne Ausflügler in die Stadt lockt. Dort, mitten in der Spremberger Straße, steht eine kleine, schmucke Kirche, eher eine Kapelle, mit Glockenturm und schmalem Schiff. Dort dringen anderer Lieder heraus. Die Text sind auf Hebräisch.

Im frühen 18. Jahrhundert wurde die kleine Kirche von Hugenotten, Glaubensflüchtlingen aus Frankreich, gebaut – ein Kreuz hat sie mittlerweile nicht mehr. Denn das Gebäude ist auch keine Kirche mehr, sondern eine Synagoge. 

Sergey Romanov ist der Kantor der Gemeinde, der Vorsinger. Beinahe an jedem Shabat kommt er in die Synagoge, besonders an den hohen jüdischen Feiertagen, um dort Gebete anzustimmen. „Das ist eine mittelalterliche Hymne. Sie wird normalerweise am Ende des Gottesdienstes, am Shabat am Ende des Feiertages gesungen“, erläutert er. „Es gibt wahnsinnig viele Melodien, ich versuche jetzt die traditionelle Melodie der aschkenasischen Juden zu singen.“

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Sergey Romanov ist der einzige, der Hebräisch kann. Er springt ein, wenn der Landesrabbiner nicht kann, weil er eine der anderen jüdischen Gemeinden in Brandenburg besucht, Romanov liest dann Thora-Verse, als Kantor singt er auch.  Er stammt aus Sankt Petersburg, aus einem ausgewiesen jüdischen Elternhaus kam er nicht. Als Jugendlicher hatte er dann Kontakt zu einer Synagoge, lernte Hebräisch und auch Deutsch. Mit seinen Eltern kam er nach Deutschland. Dass er dann in Cottbus landete, war nicht geplant. „Nun gut,“ sagt er, „ich war ziemlich sauer; ich wollte eher nach Potsdam.“

Auch die anderen Mitglieder der Cottbusser Gemeinde sind so in die Lausitz gekommen: Zugeteilt von einer deutschen Behörde,  zusammengewürfelt aus vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die meisten kommen aus der Ukraine, anderen sind aus St. Petersburg, Moskau, Weissrussland, Baku, Zentralasien, Taschen.

Entwicklung nicht „wie gewünscht“

Kaum einer von ihnen kannte sich vorher, in Cottbus bildeten sie dann plötzlich die neue jüdische Gemeinde. In der Stadt hatte die jüdische Tradition mit der Shoa aufgehört zu existieren. Seitdem die jüdischen Einwanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kamen, gibt es sie wieder; auch wenn viele mit dem jüdischen Glauben vorher wenig zu tun hatten, sagt Landesrabbiner Nachmut Pressmann: „Ein bisschen ist es eine Herausforderung wie eine Mission Impossible; die Arbeit ist die Integration in die deutsche Bevölkerung und die Integration in jüdisches Leben.“   Und nicht nur das. Die neue jüdische Gemeinden nicht nur in Cottbus müssten ihr jüdisches Leben auch selbst organisieren, sagt Rabbiner Pressmann. „Da haben wir bis heute große Probleme.“ Und das gelte auch für die andere sechs Gemeinden in Brandenburg. „Die Entwicklung nach 20 Jahre ist nicht das, wie ich mir es gewünscht habe.“

Etwa 400 Mitglieder hat die jüdische Gemeinde in Cottbus im engeren Sinne, das sind ungefähr so viele wie sie 1938 hatte, als sie ausgelöscht wurde.  Mit Familienangehörigen sind es jetzt etwa 1000. Einer von ihnen ist Max Solomonik, der 2002   aus Russland in die Lausitz kam. Er ist einer der wenigen, der passable Deutsch kann, und er ist der offizielle Sprecher des Gemeindevorstandes. Mit dem jüdischen Glauben ist er allerdings nicht so vertraut, sagt er selbst. Er hat vielZeit in das Integrationszentrum gesteckt, das die Neuankömmlinge unter anderem auch versuchte, in feste Arbeitsstellen zu vermitteln – mit mäßigem Erfolg, hat auch Solomonik erfahren. „Ich bin Lehrer von Beruf, und dachte, wenn ich eine Zusatzqualifizierung mache, dann kann ich als Lehrer für Ausländer arbeiten.“  Erst 2014 wurde er angestellt, zwölf Jahre nachdem er nach Deutschland kam.

Eine feste Arbeit haben die meisten der anderen aus der älteren Generation nicht, wobei die fehlenden Sprachkenntnisse das Hauptproblem sind. Das gibt Max Solomonik offen zu, mit einem Schulterzucken.

Deutsch-Konversation für Senioren

Einer, der auch in hohm Alter etwas dagegen tut, ist Semion Grossman. Er ist ehemaliger Lehrer, kam mit 77 aus Odessa nach Cottbus. 

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Der pensionierte Lehrer Semion Grossman kam als 77-Jähriger 2004 zusammen mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau und seiner Tochter aus Odessa. In seinem 90. Lebensjahr organisiert er immer noch Sprachnachmittage und Kulturveranstaltungen in der Synagoge Cottbus. Er hat u.a.einen Heinrich-Heine-Theaterabend vorbereitet. Das Bild ist in einer Bäckerei in der Siedlung im Ortsteil Zuscha aufgenommen, wo Grossman wohnt.

Der mittlerweile 90jährige verabredet sich zu dem Gespräch nicht in der Synagoge, sondern in einem Bäckerei-Café in seinem Wohngebiet in einem Vorort von Cottbus, auf neutralem Gebiet, wie er sagt.

Semion Grossman leitet Konversationsnachmittage, auch mehr als zehn Jahre nach der Ankunft in Cottbus. Gerade die älteren Gemeindemitglieder tun sich immer noch schwer mit dem Deutschen. „Der Jüngste ist 70“, sagt Grossmann. „Es geht bis 83, insgesamt 15 Studentinnen und Studenten.“ Sie verstünden Deutsch mittlerweile besser, sie  sprächen es auch besser, ist er von überzeugt. Doch neben Spracherwerb geht es auch um Gemeinschaft, wie so vieles in der Gemeinde. Grossmann bereitet auch eine Lesung mit Heinrich-Heine-Texten vor, zusammen mit anderen Mitgliedern der Gemeinde. Auch das ist eine Möglichkeit, Deutsch zu üben. „Heine war sehr beliebt in Russland“, sagt Grossman. „Das russische Publikum liest Heinrich Heine sehr gerne, bis heute.“

Kulturelle Engagement ist für Grossman ein wichtiges Anliegen. Die Synagoge ist für ihn ein Treffpunkt und ein Veranstaltungsort. Das trifft für die Jüngeren in der Gemeinde allerdings nicht zu. Die gibt es nämlich kaum. Kantor Sergej Romanov ist mit Anfang Vierziger schön ein „Youngster“: „In der Gemeinde gehöre ich definitiv zu den Jüngeren. Von denen, die aktiv, sagen wir, aktiv in der Gemeinde sind, bin ich wahrscheinlich der Jüngste. Okay, vielleicht gibt es noch ein paar. Das Durchschnittalter liegt definitiv bei über 60.“

Romanov arbeitet als Informatiker an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus, in einem internationalen Umfeld. Jüdische Austauschstudenten oder Gastwissenschaftler gibt es dort durchaus. Den Weg in die Synagoge finden sie jedoch selten. „Wir hatten sogar manche Studierende aus Israel, die kamen ab und zu auch zu der Gemeinde, einfach aus Neugier, um zu sehen, was es ist“, erzählt Romanov. „Aber schnell waren sie wieder weg; es gab keine Kommunikationsmöglichkeit: In der Gemeinde spricht keiner Hebräisch, so gut wie keiner Deutsch, und Englisch sprechen auch nur wenige.“

Doch es liegt nicht nur am Alter und an der mangelnden Verständigung, es geht auch um eine religiöse Heimat, die die jüdische Gemeinde für viele nicht bietet. Das liegt nicht am Gebäude, das beinahe allen Anforderungen genügt, auch wenn es eigentlich eine Kirche war. Rabbiner aus Belgien, der Schweiz und aus Deutschland hatten, als die Entscheidung anstand, beraten, ob das christliche Gebäude ein jüdisches werden kann oder ob aus theologischen Gründen etwas dagegen spricht. Einer von ihnen war auch Nachmut Pressmann, der brandenburgische Landesrabbiner. Für ihn war damals eine Voraussetzung, dass das Kirchengebäude nicht mehr als Kirche genutzt wurde.

„Nicht verletzt keinen Menschen, dass wir haben sein Gebetshaus genommen – das war für mich ganz wichtig. Das Gebäude selbst hatte keine richtig christlichen Sachen außer Kreuz. Abzuhängen war ganz einfach. Nicht so richtig christliche Symbole, welche können Problem sein für orthodoxes Judentum. Das war nicht der Fall.“

Hätte man die Synagoge neu gebaut, hätte es wohl eine eigene Empore für Frauen gegeben.

Das ist die erste Bedingung für eine orthodoxe Synagoge, ein sehr wichtiges Moment, wo die Männer sich können konzentrieren im Gebet und nicht in die Frauen.“

Die Empore des Kirchengebäudes wird aber von der Orgel ausgefüllt. Also bleibt nur das Erdgeschoss. Dort sitzen Frauen und Männer nun nebeneinander. Während der Gottesdienste wird eine Sichtblende zwischen die Reihen geschoben. Eine eigene Thora-Rolle zu haben, das wäre zudem wichtig. Dafür wird Geld gesammelt, vor allem von Touristen und auch bei Veranstaltungen von Gästen, die sonst nicht zur Gemeinde gehören.

Es kommen viele Besucher in die Synagoge, aber natürlich es ist langsam. Wir sprechen von 30 000 Dollar.“

Doch auch ohne eigene Thora-Rolle liegen die Hürden eher woanders: Zum einen liegt es grundsätzlich am Engagement der älteren Gemeindemitglieder, die selten in ihrer Heimat wirklich religiös waren – eine Einschätzung, die nicht nur für Cottbus gilt, sagt Landesrabbiner Nachmut Pressmann.

Die besondere Situation in Brandenburg, nicht nur in Brandenburg, die Mehrheit von der jüdischen Gemeinde in Deutschland ist Migranten, Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie alle verstehen, die Menschen hatten sehr wenig Möglichkeit, ihr jüdisches Leben zu praktizieren. Die kommen nach Deutschland mit sehr wenig Wissen und Verstand von Judentum.

Die Arbeit von den Rabbiners in Deutschland besondere in den kleinem Städten ist anfangen von Anfang, zu erklären zu den Menschen, was bedeutet zu sein ein Jude und lernen die ersten Buchstaben, den zweiten und weiter bis Menschen sind mehr aktiv in den Gemeinden und nicht nur in die Gemeinde sondern auch zuhause mehr aktiv in jüdisches Leben und praktizieren den jüdischen Glauben.“

Den jüdischen Glauben zuhause praktizieren, das machen selbst engagierte Gemeindemitglieder wie Kantor Romanov nicht. Er würde sich auch nicht als wirklich religiösen Juden bezeichnen – für die sei es in Cottbus ohnehin schwierig.

Ich glaube nicht, was unsere jüdische Gemeinde ihnen anbieten kann, würde passend sein. Zum Beispiel es gibt keine Möglichkeit, echten frommen jüdischen Lebenstil in Cottbus zu führen. Es gibt kein koscheres Essen, kein rituelles Taufbad, die normalerweise zu einer jüdischen Gemeinde gehören.

Solche Tradition wie koscheres Essen spielen für mich keine Rolle. Deswege kann ich mich hier als Juden auch leben, komischerweise. Ich würde sagen, für einen frommen Juden gibt es keine Möglichkeit.“

Die zweite Generation der Einwanderer, die Jüngeren, die hier aufgewachsen sind, ziehen oft bereits für Ausbildung und Studium und später für den Beruf woanders hin. Doch selbst als Kinder und Jugendliche haben sie kaum am rituellen religiösen Leben teilgenommen, schätzt Kantor Romanov: „Also, in der ganzen Zeit, das ich da bin, also 16 Jahre, wir haben ganz viele Begrabungen gehabt, aber keine einzige Beschneidung und keine einzige jüdische Hochzeit.“

Trotz schöner Synagoge, der einzigen in den brandenburgischen Kleinstädten, sieht es, so die Einschätzung Kantors, eher düster aus. „Ich sehe keine Zukunft für jüdische Gemeinde in Cottbus, wirklich.“ Was das Gebäude betrifft, die ehemalige Hugenotten-Kirche – da schaut allerdings selbst Landesrabbiner Pressmann ein wenig neidisch nach Cottbus: „Schade, dass wir können nicht copy paste machen nach Potsdam“, sagt er. „Wir könnte es nicht besser machen.“

Warum Sergey Romanov dennoch weiter als Kantor tätig ist, wo er sich doch selbst nicht als religiös bezeichnet? „Die Funktion der Zugehörigkeit, dass ich nicht alleine bin, dass ich Teil einer Gemeinschaft bin. Ehrlich gesagt, ich fühle auch gewisse Verpflichtungen gegenüber diesen Leuten, die sich verlassen auf meine Fertigkeiten.“