Ein Hausarzt in Gelsenkirchen lebt auch im Berufsalltag seine Fussball-Leidenschaft aus: Seine Praxis sieht aus wie ein Fanclub von Schalke 04. Kein Patient kommt zum Doktor, ohne sich Fotos, Autogrammplakaten, Logos und Maskottchen des Fussballvereins angesehen zu haben. Doch der Arzt hat auch eine Lösung für Nicht-Schalke-Fans und Anhänger anderer Vereine gefunden.

20130308km7605czKein Zeit“, sagt Volker Göllner. Er hatte den weißen Arztkittel schon aus-, seine Jacke angezogen, den blau-weissen Schal vom Garderobenhaken genommen. „Ich muss ins Stadion.“ Die Sprechstunde ist zwar vorbei, doch der Patient  lässt sich nicht  abwimmeln. „Da will ich doch auch hin“, sagt er. „Aber diese Rückenschmerzen…!“

 „Datt gehört hier dazu, wenn du in Gelsenkirchen wohnst.“

Göllner hat ein Einsehen und eine Spritze parat, hängt Jacke und Schal noch mal an die Garderobe. Der Patient kommt schmerzfrei ins sieben Auto-Kilometer entfernte Stadion, und auch Doc Göllner schafft‘s noch pünktlich in die Arena. Solidarität unter Schalke-Fans. Das sind die Geschichten, die sich die Patienten erzählen. „Datt gehört hier dazu“, sagen sie, „wenn du in Gelsenkirchen wohnst.“

20130308km7609czGenauer gesagt: Gelsenkirchen-Horst. Langgezogene Reihen von Wohnhäusern, zwei, drei Stockwerke hoch. Bergarbeitervergangenheit. Am Seiteneingang eines der Häuser die Praxis des Fußball verrückten Doktors, nichts Pompöses, so bodenständig wie die Nachbarschaft. Von außen eine paar Treppenstufen nach oben,  ein kleiner Flur und schon ein erster Hinweis auf die Leidenschaft des Arztes: Ein dickes Schalke-Logo klebt an der Tür vom Patienten-WC.

Im Wartezimmer dann der Königsblau-GAU.

Im Wartezimmer dann der Königsblau-GAU. Und erst recht im Sprechzimmer. Andere Ärzte haben kitschig-stimmungsvolle Fotos von Sonnenuntergängen oder schleichwerbende Gesundheitshinweise von Pharmafirmen an den Wänden hängen. Nicht so Göllner. In seiner Praxis regieren die Knappen: Mannschaftsfotos,  Autogramme von Olaf Thon und Ex-Manager Rudi Assauer. Plakate, die an wichtige Spiele erinnern.

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Eindeutig beherrscht eine bestimmte Epoche der Vereinsgeschichte die Plakatauswahl. „Gute Kontakte zum damaligen Busfahrer von Schalke“, mutmaßen Patienten. Die finden den Schalke-Spleen ganz normal. „Meine Wohnung sieht genauso aus“, sagt Karin Helmes. Sie ist zu einer Untersuchung in der Praxis und natürlich auch Fan von S04. Eifersüchtig auf die Devotionalensammlung ihres Hausarztes? „Ach was, ich komme auch an Autogramme und Fotos, wenn ich will.“

Wehwechen  mit Maskottchen

Göllner wirft den Rechner in seinem Sprechzimmer an. Bevor die Praxissoftware startet, wackeln am oberen Monitorrand erst einmal Schalke-Maskottchen durchs Bild. Fussball-Figuren auch auf dem Schreibtisch, zwischen Tastatur und Bildschirm: Ein Klein-Pokal, eine Trillerpfeife mit Vereinslogo, ein Gartenzwerg, ein Schneemann mit Schal – alle mit blau-weißen Erkennungsmerkmalen. Und auch „Erwin“, das offizielle Maskottchen, „beliebt bei allen Altersgruppen“, wie es auf der Homepage des Vereins heißt, die außerdem verrät: „‚Erwin‘ verbreitet Spaß und Witz.“

 

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Na klar bin ich Schalke-Fan“, sagt Markus Grabowski. Der 30jährige kommt zur Untersuchung. „Das letzte Spiel und auch Spielertransfers sind bei uns immer ein Thema auch in der Sprechstunde“, sagt er.  Bevor‘s in den Behandlungsraum geht, wird jeder Patient noch mal an die Leidenschaft des Doktors erinnert: Mit einem riesigen Logo des Vereins. Da lässt sich wirklich nicht übersehen.

Mutprobe im Borussia-Trikot

Einmal hat sich der Sohn einer Patientin eine Mutprobe ausgedacht“, erinnert sich Göllner. Der Junge war so elf oder zwölf Jahre alt und sollte von Göllner untersucht werden. In der Schalke-Praxis erschien der Junge dann aufgeregt und angespannt komplett im schwarz-gelben Trikot des Erzrivalen, dessen Name Göllner wie jedem echten Schalke-Fan nur schwer über die Lippen geht: Borussia Dortmund. Ja nicht erwähnen, das wäre zuviel der Ehre für die Truppe vom Ostrand des Ruhrgebietes; das ist Gesetz in Gelsenkirchen. Stattdessen spricht Göllner von „Lüdenscheid-Nord“. Oder der „Stadt nördlich von Lüdenscheid“. 

 

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Den Jungen hat Göllner trotzdem untersucht. „Natürlich“, sagt er. Schließlich ist Göllner zu allererst Hausarzt – und das seit Jahrzehnten und mit Leib und Seele.

Neutrale Zonen

Nachmittags ist Göllner deswegen unterwegs. Zehn Hausbesuche,  jeden Tag.  Sein Auto ist dabei verdächtig knappenfrei. Und auch ein Zimmer in der Praxis ist neutral: Kein Hinweis auf  Schalke. Oder gar auf einen anderen Verein. „Das ist für Patienten wie den Jungen mit der Mutprobe“, sagt er. Und für einige ältere Patienten, erzählt Göllner: Bodenständige Horster, die in der Nachkriegszeit auf die Fussballplätze gepilgert sind. Da waren die STV Horst  und Schalke 04 erbitterte Ruhrpott-Rivalen. Das prägt fürs Leben. Wer damals für Horst gejubelt hat, kann jetzt nicht für Schalke sein. Erst recht nicht im fortgesetzten Alter. Da kann man auch keine zusätzliche Aufregung ertragen – durch zu viele Schalke-Logos und Mannschaftsfotos zum Beispiel.20130802km7922cz

Vielleicht war es ein deswegen empörter Patient, der dem Arzt eines der Lieblingsstücke stibitzt hat. Eine Miniatur-Ausgabe des Stadions; seine Assistentinnen hatten ihm die geschenkt. „Weg“, regt sich Göllner auf, „einfach vom Tresen mitgenommen.“ Vielleicht war der Dieb aber auch ein ebenso überzeugter Fan wie Göllner – der Doktor weiß es nicht. Was für ihn allerdings ganz sicher ist: Wenn er einen Nachfolger für seine Praxis gefunden hat, wird er sich seinen Traum erfüllen. Einmal in einer Saison alle Pflichtspiele von Schalke besuchen. Egal wo.