Alkoholabhängige, die von der Droge los kommen wollen, müssen abstinent leben – ihr Leben lang. So lautet der gängige Ratschlag von Suchtmedizinern.

Seit einigen Jahren gibt es in Deutschland aber auch eine andere Lehrmeinung: „Kontrolliertes Trinken“, nennt sich ein Konzept, dass an der Universität Heidelberg entwickelt wurde und seine Vorbilder in den USA und Großbritannien hat. Mittlerweile haben sich die zunächst verhärteten Fronten zwischen den traditionellen „Abstinenz-“Forderern und den „kontrollierten Trinkern“ aufgeweicht. Einige Beratungsstellen bieten bereits beide Behandlungsmethoden an.

Zum Beispiel Frank


Frank ist Anfang 50 und Bauingenieur. Sein Arbeitsalltag endet nicht nach acht Stunden. Zwischen Schreibtisch und Baustelle geht er oft noch schnell mit Kunden zum Mittagessen, abends folgt vielleicht ein weiteres Geschäftstreffen, und dann trifft er auch noch Freunde und Bekannte. Frank ist ein geselliger Typ – und sowohl im Beruf als auch im Privatleben war Alkokohol immer mit dabei. Wie viel, das erfuhrt er später. „Das war sehr erschreckend für mich selbst“, erinnert er sich. „Es gibt eine Berechnungsgrundlage, umgerechnet wären das etwa 50 Glas Wein in der Woche gewesen oder 50 große Biere.“ Er kann es immer noch nicht glauben. „Das ist eine ganze Menge, das war mir so überhaupt nicht bewußt; ahnungsweise ja, aber als Zahl ist es doch sehr erschreckend.“

Hohe Leberwerte

Die Leberwerte waren ensprechend hoch, das hatte ihm ein Arzt bereits gesagt. Und auch nach den Einschätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen war die Sache klar. Auf jeden Fall trinkt er mehr als die täglichen drei kleinen Gläser Alkohol, die die Dachorganisation der Suchthilfeeinrichtungen als Grenzwert zur Abhängigkeit angibt. Doch von heute auf morgen keinen Alkohol mehr zu trinken, das kam für Bauingenieur Frank allerdings nicht in Frage: „Da liegt die Hürde doch zu hoch, zu sagen ich darf jetzt gar nichts, nichts hat Zweck, außer völlig zu reduzieren. Das ist ein starker Schritt mit einer hohen Schwelle, das habe ich so nicht geschafft, um das mal negativ zu sagen.“

Die Suche nach der Alternative

Für den Bauingenieur heißt die Alternative „kontrolliertes Trinken“- er verzichtet nicht vollständig auf Alkohol, unterwirft sich aber auch nicht dem plötzlichen körperlichen Verlangen nach Bier, Wein oder Schnapps. Vielmehr stellt er von Woche zu Woche einen Plan auf. Der Psychologie-Professor Joachim Körkel hat einen Lehrgang entwickelt, in dem Alkoholiker und Alkoholgefährdete das lernen können: „Ich entscheide nicht aus dem Moment heraus, aus der Situation heraus, wieviel Alkohol ich trinken werden, sondern ich lege es im voraus für eine Woche fest, wie mein Konsum in den nächsten sieben Tagen aussehen soll und genauer besehen heißt dies dreierlei, an wie vielen Tagen will ich gar keinen Alkohol. Wenn ich an einem Tag Alkohol trinke, wie viel maximal und drittes, welche Menge soll mein Alkoholkonsum in der ganzen Woche nicht überschreiten. Das ist eine Menge, die ich im Vorhinein wöchentlich jeweils festlege.“

Hört sich einfach an, ist aber schwer

Das hört sich einfach an – doch es erfordert auch viel Kraft. Und genau dort setzt die Kritik der traditionellen Suchtmediziner an. Dr. Dieter Geyer leitet in Bad Fredeburg im Sauerland eine der größten Suchtkliniken Deutschlands. „Nahezu jeder Betroffene versucht, seinen Alkoholkonsum in den Griff zu kriegen, versucht ihn sozusagen zu kontrollieren bevor er sich um Hilfe kümmert, muß er sich selber eingestehen, dass er das nicht kann, dass der Alkohol stärker ist. Also muß er die Energie, die er hat, nicht darauf verwenden, gegen den Alkohol zu kämpfen, sondern eher dafür verwenden die Abstinenzfähigkeit aufzubauen.“ Dass es schwer ist, da stimmt Bauingenieur Frank zu. Dennoch sieht er im „Kontrollierten Trinken“ für sich den richtigen Weg . Denn er versucht es ja nicht allein, auch wenn dies anhand einer per Post erhältlichen Zehn-Schritte-Anleitung zum „Kontrollierten Trinken“ durchaus denkbar wäre. Der Bauingenieur lernt mit Anderen in einem 16wöchigen Kurs das „Kontrollierte Trinken“. Frank: „Es gibt Ausrutscher, alle Kursteilnehmer haben wirklich starke Ausrutscher gehabt. Wochen, in denen das überhaupt nicht funktioniert hat, und das ist genau der Vorteil, man fängt sich, man hat genügend Werkzeug um sich selber wieder auf kurs zu bringen und zu fangen. Ein Ausrutscher ist nicht der Untergang und dann bestimmt man für die nächste Woche das Ziel neu. Das wird Bestandteil des Alltags und damit gewöhnt man sich daran.“

Zweifel am Konzept


Doch ist nicht gerade Sucht dadurch gekennzeichnet, dass die Betroffenen sich nicht mehr selbst in der Gewalt haben und sich nur noch eingeschränkt selbst bestimmen können, also die Kontrolle über sich und ihren Alkoholkonsum verlieren? Professor Körkel: „Das ist so ne ominöse Vorstellung – das magische Wort Kontrollverlust. Man hat ihn, dann ist man alkoholkrank oder man hat ihn nicht, dann ist man gesund – das ist eine Annahme, die ist einfach nicht haltbar. Selbst wenn es so ist, das jemand einen Großteil seiner Kontrolle eingebüßt hat und bei einem Teil der Personen kann man das ja sinnvoller Weise annehmen, heißt es ja noch lange nicht, dass man die Kontrolle nicht zurückgewinnen könnte.“

Als lebenslustige Alternative zum alkoholfreien Leben will Körkel sein Konzept nicht verstanden wissen – wer abstinent lebt, soll dabei bleiben, sagt er. Der Psychologe sieht zwei Zielgruppen für das “Kontrollierte Trinken“: „Unser Programm ist erst einmal für den ganz normalen Menschen in Deutschland, die zuviel trinken, und das sind rund zehn Millionen, gedacht. Unsere Anliegen ist es, genau diesen Kreis anzusprechen, der normalerweise im deutschen Suchthilfesystem überhaupt nicht erreicht wird, und das sind 95 Prozent der Alkoholabhängigen.“ Auch Bauingenieur Frank gehört zu diesen zehn Millionen. Dass er selbst nur einfach zu viel getrunken hat, aber nicht wirklich süchtig war, davon geht er niicht aus. „Das ist mehr als eine Gewohnheit, das ist eindeutig Suchtverhalten, sonst wäre der Kampf nicht so groß“, sagt er. Seinen Körper mußte er zwar nicht entgilften lassen; Schlafstörungen, heftiges Zittern oder Kreislaufprobleme hatte er ebenfalls nicht. Solche Symptome können fehlen, bestätigt Suchtmediziner Dieter Geyer. „Die körperliche Abhängigkeit muß nicht in jedem Fall vorhanden sein, sondern die psychische Abhängigkeit ist das eigentliche Wesen der Abhängigkeit.“

Auch für schwere Alkoholiker?


Neben Menschen wie Bauingenieur Frank, die zwar alkoholsüchtig sind, aber keine Anzeichen für eine körperliche Abhängigkeit aufweisen, hat Körkel eine weitere Zielgruppe für das „Kontrollierte Trinken“ im Auge. „Es gibt Menschen, die eine schwere Alkhoholabhängigkeit entwickelt haben, die unzählige Versuche mit der Abstinenz hinter sich haben und gemerkt haben, sie fallen immer wieder in alte Trinkmuster zurück. Sie sind völlig entmutigt mit dem Ziel der Abstinenz, es ist für sie völlig unrealistisch. Aber in kleinen Schritten den Alkohol zu reduzieren, zum Beispiel zu einer Zeit, in der man einen Tagesjob nachgeht, das sind für diese Menschen realistische Ziele.“ Viele Alkoholiker schaffen es von Anfang nicht, ohne die Droge zu leben. Und viele abstinent lebenden Alkoholiker werden rückfällig. Mehr als die Hälfte aller Therapieversuche scheitern. Als letzte Möglichkeit für Menschen mit einer solchen Suchtkarriere akzeptiert auch Geyer das „Kontrollierte Trinken“. „Insofern kann man natürlich sagen, dass auch ein kontrolliertes Trinken ein Ziel sein könnte, was erreicht werden könnte.“

Frank reduzierte auf ein Drittel

Bauingenieur Frank hat nach vier Monaten seinen Alkoholkonsum auf ein Drittel verringert – von 50 Gläser Wein auf 16 Gläser pro Woche. Auch wenn er sehr zufrieden ist, über den Berg ist er noch nicht. Falls er tatsächlich wieder mehr trinken sollte, steht für ihn bereits jetzt fest: „Wenn diese Programm nicht funktioniert hätte, und auch in Zukunft nicht funktionieren würde, dann würde ich 100prozentige Abstinenz für mich selber einschlagen. Die Entscheidung ist nicht ausgeschlossen, das muß jeder durch eine gute Betreuung durch einen Arzt oder einen Profi jeder für sich selber herausfinden, was der richtige Weg ist.“

Kurse und Selbsttest


Im Internet wird das Programm beschrieben. Außerdem sind dort die von Professor Joachim Körkel lizenzierten Kursleiter für das „Kontrollierte Trinken“ aufgelistet. Die Kurse kosten Geld, einige Berufsgenossenschaften und Krankenkassen geben einen Zuschuss. Neben den Gruppensitzungen können Betroffene auch Einzelkurse belegen. Je nach Einrichtung, die die Kurse anbieten, müssen die Teilnehmer zwischen 300 Euro und 600 Euro bezahlen. Viele Krankenkassen zahlen auf Antrag einen Zuschuss, der zwischen 60 Euro und 80 Prozent der Lehrgangskosten liegt.