Empty Tours: Kunsterklärer ohne Kunst

 

Kunst zu erklären kann ganz schön schwierig sein. Vor allem, wenn sie gar nicht da ist. Vor der Documenta-Eröffnung fehlen noch viele Werke. Künftige Kunstführer, die wochenlang geschult wurden, üben ihre Vorträge trotzdem schon – sie nennen das „empty tours“.

Massimo Bartolino applaudiert den Bauarbeitern. Sie haben Kunst gemacht, mit ihrer Schlagbohrmaschine, nach seiner Anleitung. Bartolino steht vor einem grabähnlichen Betonbett, gefüllt mit Wasser. Der Boden hebt und senkt sich, erzeugt Wellen beinahe so schön wie am Strand. Es plätschert rhythmisch, die Stärke lässt sich an der schallgedämpften Pumpe ändern. Wer die Augen für ein paar Sekunden schließt, sieht Bilder, die nicht in die nordhessische Provinz passen, sondern eher in die Südsee oder ans Mittelmeer. 

Bartolinos Werk ist handfest – und vorhanden. Keine Selbstverständlichkeit, denn obwohl die 13. Documenta in Kassel schon am 9. Juni beginnt, sind viele Kunstwerke noch nicht da. Dumm für die Kunstführer, die den Documenta-Besuchern Gemälde und Skulpturen erklären sollen. 

Bei der Documenta ist der Weg zur Kunst ein Umweg: „dTours“ heißen die Führungen, ausgesprochen wie „detour“, auf Deutsch Umweg. Und die Leiter dieser „dTours“ sind nicht einfach Kunstführer, sondern „Worldly Companions“, was die Documenta-Organisatoren mit „weltgewandte Begleiter“ übersetzen. Mit ihrer Weltgewandheit sollen sie den Besuchern eine Art Interpretationshilfe geben. Dabei sind sie alle keine Kunst-Profis.

Einstellungsvoraussetzung für den 100-Tage-Job mit halbjähriger Vorbereitung war ein gewisser Bezug zu Kassel. Und Interesse für die Documenta. Gemeldet haben sich 700 Bewerber. Genommen wurden nach 300 Gruppeninterviews dann 150, darunter ein ehemaliger Mathematikprofessor, ein Landschaftsgärtner und ein Polizist. Und Cäcilia Winter. Sie ist Stadtführerin und freut sich, „Teil eines Weltereignisses“ zu sein.

Stadtführerin, das ist zumindest ein artverwandter Beruf, einer, bei dem man mit Menschen zu tun hat und ihnen Kassel erklärt. Doch auch die gebürtige Südtirolerin, die einst der Liebe wegen nach Hessen kam, hat ein wenig Fracksausen vor ihren ersten Auftritten vor Publikum. Denn was soll sie sagen? Sie hat die meisten Kunstwerke ja noch gar nicht gesehen. 

Cäcilia Winter und ihre Kollegen üben mit „empty tours“, Führungen ohne Kunstwerke, Trockenübungen. Reden über Kunst, die nicht da ist. Vor einer leeren Wand oder an einer Baustelle im Park einen Vortrag halten und sich ausmalen, wie es dort einmal aussehen wird, die anderen „weltgewandten Begleiter“ als Publikum.

Seit Wochen arbeiten sie auf ihre Auftritte hin, lesen Dossiers über die Künstler, jeweils zwei bis 18 Seiten dick, mal mehr und mal weniger ergiebig. Sie recherchieren im Internet, treffen sich alle drei Wochen zum Blockunterricht. Höhepunkte der Vorbereitung waren die Besuche der Künstler, sie haben ihre Werke zumindest mündlich vorgestellt. „Es war schon erstaunlich, was die selbst darüber erzählt haben“, sagt Cäcilia Winter. „Deswegen bin ich auch so neugierig, wie die Kunstwerke im Endeffekt sind.“ 

 

Gut 90 Werke muss sie später einmal erklären – oder zumindest den Besuchern helfen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Beim Durchschnittsbesucher dürfte das kein Problem sein. „Doch was ist, wenn ich zum Beispiel einen Kunstverein durch die Documenta führe?“, fragt sich Winter bange. „Sind die zufrieden mit dem, was ich erzähle? Da bin ich selbst gespannt!“

Die Vorbereitungen laufen alle unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Die Kunstwerke sollen schließlich überraschen. Das Schweigegelübde hat noch einen Vorteil: Sollte es der eine oder andere Künstler nicht schaffen, bis zum Eröffnungstermin fertig zu werden, fällt das kaum auf. Dann bleibt die „empty tour“ eben so, wie sie jetzt ist – kunstfrei.