Leben in der Lausitz

Jugendliche in den ländlichen und strukturschwachen Gebieten Ostdeutschlands suchen Ausbildungsplätze. Das ist oft nicht einfach. Viele ziehen deswegen um.

Der Weg führt an verrosteten Chemie-Anlagen vorbei. Rohre kreuzen in drei Meter Höhe die Fahrbahn. Neben der Straße verlaufen die Schienen einer Werkseisenbahn. Dann verzweigt sich die schmale Straße. Der Boden links und rechts schimmert rötlich-braun durch die Büsche. Ein Schild zeigt den Ortseingang von Kostebrau an, einem kleinen Dorf in der Lausitz in der Nähe von Senftenberg. Alte Ziegelsteingebäude, Post, Kneipe, kaum Menschen. Wenn doch, dann nur alte. Sanft führt die Dorfstraße den Hügel hinauf. Alte Eichen säumen den Weg. Oben auf der Kuppe dann der Schreck: freie Sicht, 20, 30 Kilometer geradeaus, nach rechts und nach links. Nach unten geht es einige hundert Meter eine Böschung hinab. Bis zum Horizont erstreckt sich der Tagebau. Riesige Bagger graben sich in die Erde. Sie holen Braunkohle aus dem Boden.

Überbleibsel aus den Neunzigern haben überlebt

So sah es Anfang der neunziger Jahre in Kostebrau aus, und so ähnlich in der gesamten Lausitz. Jahrzehntelang gruben die Bagger in mehreren riesigen Abbaugebieten zwischen Cottbus und Senftenberg nach Kohle. Dann war Schluss. Nach der deutsch-deutschen Vereinigung lohnte sich der Abbau nicht mehr. Es blieben eine Mondlandschaft und verlassene Industrieanlagen zurück. Viele Menschen verloren ihre Arbeit. Mittlerweile hat man eine Menge Geld in den Wiederaufbau der Industrie und in die Rekultivierung der Landschaft gesteckt: 2,3 Milliarden Mark gaben das Land, die Bundesrepublik und die Europäische Union. Knapp 50.000 Arbeitsplätze entstanden. Einige größere Unternehmen gibt es noch. Aus einem alten Chemie-Kombinat in Schwarzheide, einem „volkseigenen Betrieb“, wurde beispielsweise das Tochterunternehmen eines westdeutschen Konzerns.

Freizeit statt Tagebau

Doch die Lausitz soll künftig nicht mehr nur für den Tagebau und die Industrie bekannt sein, sondern auch für zahlreiche Freizeitmöglichkeiten. Aus dem Tagebau um Kostebrau soll bis zum Jahre 2015 die „Niederlausitzer Heidelandschaft“ entstehen. 2.300 Hektar Fläche werden aufgeforstet und es entsteht der „Borgheide-See“ mit 250 Hektar Wasserfläche. Auch andere Tagebaugebiete sollen geflutet werden. Einige Seen gibt es schon. Zum Beispiel den Senftenberger See. Die Uferbefestigungen, die Strandbäder, für die eigens Sand herbeigeschafft wurde, ein Amphitheater, Radwege rund um den See – alles neu gebaut. Die Menschen müssen umdenken: Ihre Arbeit werden sie in Zukunft in der Tourismusbranche machen. Viele haben bereits bei der Rekultivierung der Landschaft mitgeholfen – vom Arbeitsamt bezahlt. Künftig sollen die Gaststätten, die Hotels, aber auch die Surfbrett-Verleiher und die Eisverkäufer selbst für Jobs sorgen – und für Ausbildungsplätze.

Zur Ausbildung in den Westen?

„Ich möchte mich vielleicht um einen Ausbildungsplatz zur Restaurantfachfrau bewerben“, erzählt die 16-jährige Carolin aus Senftenberg. „Oder ich mache doch bis zum Abitur weiter“, erzählt die Gymnasiastin über ihre Zukunftspläne. „Die Fächer werden allerdings immer schwerer.“ Doch egal, welche der beiden Möglichkeiten sie wählt: In drei Jahren will sie sich für ihren Traumberuf bewerben. Carolin möchte auf die Schauspielschule in Berlin. „Da sind bereits einige aus unserer Clique“, erzählt sie. Auch ihr Freund Tom wohnt seit einem Jahr dort. Tom, ebenfalls aus Senftenberg, ist 17 Jahre alt und macht jetzt im Berliner Stadtteil Grunewald eine Lehre zum Koch. „Die Ausbildung ist toll“, schwärmt er. „Ich lerne so viele unterschiedliche Gerichte kennen.“ Ein Klassenkamerad von ihm lernt auch Koch, aber in einem Restaurant seiner Heimatstadt. „Die kochen immer nur zwei oder drei Sachen.“ Tom hat beinahe Mitleid mit ihm. Doch mit der großen Stadt, den vielen Leuten und dem Autolärm kommt er noch immer nicht zurecht. Sein Zwillingsbruder Toni ist in Senftenberg geblieben und macht dort eine Ausbildung zum LKW-Mechaniker. „Na ja“, sagt er, „in einer großen Berliner Kfz-Werkstatt würde ich sicher mehr lernen, weil die eben mehr unterschiedliche Typen reparieren müssen.“ Seine Ausbildung ist trotzdem ganz in Ordnung: „Eine Familienwerkstatt, das ist nicht so anonym wie in der Großstadt.“

Freizeit im Jugendclub

Im Winter oder bei schlechtem Wetter trifft man sich in einem der Jugendclubs, im „VP3“ beispielsweise. Oder im ehemaligen Haus der jungen Pioniere, einer staatlichen Jugendorganisation zu DDR-Zeiten. Heute kommen die 14-jährigen Mädchen dorthin zur Tanzgruppe, die gleichaltrigen Jungs zum Tischfußballspielen, die Älteren zur Disko. Toni legt manchmal die CDs auf. Doch er trifft immer weniger seiner alten Klassenkollegen oder Freunde aus der Clique hier. Viele haben die Lausitz verlassen, nicht nur in Richtung Berlin. „Einige sind nach Bayern gegangen oder nach Österreich“, erzählt Toni. Auch die 19-jährige Christine aus dem Nachbarort Ortrand will weg, wenn sie ihre Lehre beendet hat. Ihre erste Ausbildung als Friseurin musste sie wegen einer Allergie abbrechen. Nun lässt sie sich zur Bürokauffrau ausbilden. Eigentlich ist sie bei einer Firma beschäftigt, die für die Rekultivierung der riesigen Tagebaugebiete zuständig ist. Für einen Teil der Ausbildung wurde sie zum Lausitzring ausgeliehen. Ein weiteres Millionenprojekt, mit dem Fremdenverkehr in die Region gelockt und Arbeitsplätze geschaffen werden sollen. 120.000 Zuschauer können Auto- und Motorradrennen beobachten oder bei Rockkonzerten dabei sein.

Landflucht, Fernweh oder keine Perspektive?

Auch Christines Eltern haben Arbeit. Ihr Vater ist Stahlbauschlosser. Er arbeitet im selben Betrieb, in dem er auch zu DDR-Zeiten beschäftigt war. Christines Mutter hat früher „in der Kohle“ gearbeitet. Jetzt ist sie in einen Bürojob „hineingerutscht“ Andere haben nicht so viel Glück: Die Arbeitslosenquote in der Lausitz liegt bei knapp 20 Prozent – doppelt so hoch wie in Westdeutschland. Christine macht die Arbeit Spaß: „Hier kann ich kreativ sein, werde gefordert und bekomme schon mal Aufgaben gestellt“, erzählt sie. „Mach dir mal nen Kopf“, heißt es. Übernommen wird sie nicht, das weiß sie schon. „Ich bin froh, dass ich wenigstens einen Ausbildungsplatz bekommen habe“, sagt sie. Dass sie weg muss, stört sie nicht. Christine will etwas Neues erleben. „Ich würde gerne in einer großen Werbeagentur arbeiten“, erzählt sie. Im Westen, vielleicht auch im Ausland. Vielleicht wird dieser Traum ja noch wahr.