Als Carola Schmittke gerade eingezogen war, buk sie einen Kuchen und klingelte nebenan. Sie wollte sich vorstellen, nett sein. Vergeblich. „Ich rede nicht mit meinen Nachbarn“, schallte ihr entgegen. Ein Kulturschock. Mittlerweile bestimmt das Studium ihren Alltag, für engen Kontakt zu Einheimischen bleibt ihr ohnehin nicht viel Zeit.

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Die Berlinerin Carola Schmittke, 26, studiert im lettischen Riga. In dem Hörsaal sitzen mit ihr lauter andere Deutsche und Briten. Sie sind Bildungsflüchtlinge: Die Engländer, weil zu Hause die Uni noch teurer ist, die Deutschen, weil ihre Noten nicht ausreichen. „Natürlich würde ich lieber in Deutschland studieren“, sagt Sina Laufhütte aus dem Kreis Vechta. Doch das hätte gedauert: Sie hat zwar ein gutes Abi gemacht, eine glatte 2 im Durchschnitt, der aktuelle Numerus Clausus für Medizin liegt aber bei 1 bis 1,2. Da hätte sie jahrelang auf einen Studienplatz warten müssen.

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Carola hat schon eine Ausbildung als Medizinisch-Technische Assistentin abgeschlossen und sich dann entschlossen, Ärztin zu werden. Genau wie Sina wollte sie aber nicht warten. Jetzt studieren sie in Riga mit 330 weiteren Deutschen Medizin oder Zahnmedizin.
Die Hochschule ist nicht die einzige im Osten Europas, die mitverdienen will, wenn deutsche Unis Bewerber ablehnen. Die Semmelweis-Universität in Ungarn mischt seit etlichen Jahren in dem Ärzteausbildungsmarkt mit, andere Hochschulen in Rumänien, Tschechien und Polen sind gefolgt. Die Stradins-Universität in Riga wird langsam erst von den Deutschen entdeckt. Den internationalen, englischsprachigen Medizin-Studiengang gibt es dort zwar seit den neunziger Jahren, bislang aber erst mit 18 deutschen Absolventen. Seit drei Jahren sei die Nachfrage aus Deutschland gestiegen, sagt ein Sprecher der Uni. Trotz der hohen Kosten: Für die ersten beiden Jahre verlangt die Uni je 8000 Euro, für die weiteren vier Jahre je 10.000 Euro. Dazu kommen 1500 Euro Einschreibgebühren. Macht rund 60.000 Euro. Meist zahlen das die Eltern. „Ohne die könnte ich das gar nicht machen“, sagt Sina.

 

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Auch Leonie Köhler aus Menden im Sauerland studiert in Riga, weil ihre Eltern den jährlichen Scheck ausstellen. Dass ihre Ausbildung so teuer ist, findet sie in Ordnung: „In anderen Ländern, zum Beispiel den USA, ist das üblich. Man verdient ja hinterher als Arzt auch mehr und kann dann seine Schulden zurückzahlen.“ Katharina Rudolf aus dem Breisgau hatte sich zunächst die Bundeswehr als Alternative angeschaut. Die rekrutiert jedes Jahr aus 2000 Bewerbern 250 künftige Sanitätsoffiziere, schickt sie erst in eine dreimonatige militärische Grundausbildung und dann an die zivilen Unis.

 

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Dort hat die Bundeswehr Studienplätze für Medizin und Zahnmedizin reserviert. Die künftigen Truppenärzte studieren nicht nur kostenlos, sondern verdienen bereits Geld. Allerdings müssen sie sich dafür lange verpflichten, mindestens 17 Jahre. Bis zur fertigen Facharztausbildung können noch mal zwei bis drei Jahre dazu kommen. Das war Katharina zu lang: „Außerdem hätte ich davon ausgehen müssen, dass ich später in Krisengebiete geschickt werde.“ Riga ist zwar teuer, dafür gibt es hier nicht nur keine komplizierte Uni-Zulassung, sondern auch kein Physikum, das Horrorexamen nach vier Semestern. Für viele ist das der wichtigste Vorteil überhaupt. Stattdessen gibt es laufend kleinere Prüfungen. „Das nimmt den Schrecken“, sagt Ole Schäfers, 19. Er will zum fünften Semester an einer Uni in Deutschland quereinsteigen. Ein Fünftel der deutschen Medizinstudenten in Riga wechselt dann in die Heimat.

 

20120905km5214awebDas ist allerdings mit bürokratischem Aufwand verbunden: Die Rückkehrer müssen sich von den Landesprüfungsämtern die in Lettland erbrachten Studien- und Prüfungsleistungen bescheinigen lassen und sich direkt an der gewünschten Uni bewerben – oder noch besser an verschiedenen Unis, um so ihre Chancen zu erhöhen. Denn auch für das fünfte Semester kann es einen NC geben. Und an manchen Unis konkurrieren die Bewerber aus dem Ausland auch mit deutschen Kommilitonen, die zuvor nur einen „Teilstudienplatz“ für das Vorklinikum bekommen hatten. Gelinge der Sprung an die deutsche Hochschule, spare dies nicht nur Geld, sagt Ole. Er misstraut auch der Qualität des klinischen Teils seines Riga-Studiums, befürchtet in dem kleinen Land zu wenig Vielfalt in der medizinischen Expertise. Solche Kritik weist die Hochschule natürlich zurück. Dennoch befürchtet die Uni offenbar, dass ihr zu viele Studenten abhanden kommen. Durch teure Investitionen versucht die Uni anscheinend, ihre Studenten bis zum Abschlussexamen zu halten – das würde viele Studiengebühren in die Hochschulkasse spülen. So baut die Uni beispielsweise ein von der EU-gefördertes High-Tech-Trainingszentrum, in dem Studenten an Dummys und mit moderner Technik üben können. Außerdem verspricht die Uni Dolmetscher, die Studenten im praktischen Ausbildungsteil begleiten. Ohne Übersetzer würde kaum einer der künftigen Ärzte aus Deutschland seine Patienten verstehen, auch wenn es bereits ab dem ersten Semester Sprachkurse gibt.

 

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Nur selten lernen die deutschen Studenten fließend Lettisch. „Da kommt man schwer rein“, sagt Carola. Mit diesem Angebot hofft die Uni offensichtlich auf einen Wettbewerbsvorteil im Kampf um die gutzahlenden Bildungsflüchtlinge: Andere Hochschulen im Osten Europas gehen in ihren Studienordnungen davon aus, dass die fortgeschrittenen Studenten in diesem Abschnitt der Ausbildung einigermaßen fit in der Landessprache sind. In Riga können die Studenten dagegen die Sprachkurse gelassener angehen. Das Studium sei auch schon anstrengend genug, finden Katharina, Carola und ihre Kommilitonen. Auch wenn es bei Heimatbesuchen schon mal hämische Kommentare gibt: Sie hätten sich die Arztausbildung nur erkauft, ohne eine große eigene Leistung erbringen zu müssen. „Da hören wir gar nicht hin. Das beachten wir gar nicht“, sagen sie beinahe wie aus einem Mund. „Und das stimmt auch nicht.“

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