Marzahn, das ist der Berliner Stadtteil, bei dem alle an Plattenbauten und Sozialhilfempfänger denken. „Mitte“, das ist der Stadtteil der Kunstgalerien, der Hipster, der Politiker.

Wenn der Chefredakteur der Deutschen Presseagentur, Sven Gösmann, bei einem Treffen mit Verlegern ankündigt, „mehr Marzahn“ und „weniger Mitte“ bei seinem Redaktionspersonal haben zu wollen, dann steht das sehr plakativ für einen Richtungswechsel bei der Rekrutierung des Redaktionspersonals. DPA möchte mehr ethnische Vielfalt und mehr Bildungsvielfalt bei seinen Journalisten haben, um so über Themen zu berichten, die sonst möglicherweise durchs Raster fielen.

Sven Gösmann, Chefredakteur der Deutschen Presseagentur, ärgert sich. Bei vielen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen lägen Journalisten zunehmend daneben mit ihren Einschätzungen.

Wir sind überrascht worden vom Brexit, wir sind überrascht worden vom Aufkommen und vom Erfolg der AfD. Wir sind überrascht worden von Donald Trump. Und da sind mir ein bisschen viele Überraschungen, die auch damit zu tun haben, dass wir zu sehr mit uns selber beschäftigt sind.“

Auch die dpa-Redaktion schmore sozusagen zu sehr im eigenen Saft, finder Gösmann: Journalisten wie er, mit einem ähnlichen Bildungs- und Sozialisationshintergrund, recherchierten über Ihresgleichen und schrieben für ihresgleichen.

Journalismus und auch der journalistische Nachwuchs wie übrigens auch viele Redaktionen, sind sehr homogen. Sie bestehen aus Menschen wie mir mit einem akademischen Abschluss, Kinder der Mittelschicht, aufgewachsen in einem gut behüteten Elternhaus mit der Möglichkeit das Ausland kennenzulernen und dann in dem Traumberuf gelandet ohne große Schwierigkeiten.“

Gösmann sieht darin eine der Ursache für viele falsche Einschätzungen. Wer aus diesem behüteten bürgerlichem Umfeld komme, berichte entsprechend. Das soll nun anders werden.

Was wir aber suchen und wissen wollen, ist natürlich auch, wie sieht das Land abseits dieser etwas ausgetretenen Pfade aus, welche Herausforderungen gibt es, Wie unterscheiden sich heute Provinz und Stadt und wie unterscheidet sich die Stadt in ihrer Gänze eigentlich, welche Stadtteile gibt es, welche Lebensformen gibt es. Und wir sind einfach schlichtweg nicht divers genug.“

Dass Redaktionen wie dpa nicht divers, nicht vielfältig genug sind – das kritisieren Journalisten, die selbst oder deren Eltern zugewandert sind, schon lange. Zum Beispiel die Neuen Deutschen Medienmacher, deren Geschäftsführerin Konstantina Vassilou-Enz bereits den Einstieg in den Journalistenberuf als mühsam bezeichnet. Ohne Stallgeruch sei es schwierig, meint sie. Und dann gebe es noch spezielle Vorurteile bei Bewerbern aus Einwanderfamilien. Konstantina Vassilou-Enz;

Beim Auswahlprozess ist es oft so, dass Menschen, die nicht eine gerade Ausbildung haben oder nicht wie üblich im Journalismus so aus dem Bildungsbürgertum oder aus der Mittelschicht kommen, dass da immer wieder vermutet wird, dass mangelnde Sprachkompetenz vorherrscht, dass das eine mangelnde Werteakzeptanz gibt, dass zum Beispiel Menschen aus Einwandererfamilien Journalismus als aktivistischen Beruf begreifen würden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass man so weit kommt, aber es ist schwieriger so weit zu kommen.“

Nachdem vor 20 oder 30 Jahren nicht nur in vielen Lokalzeitungsredaktionen viele Studienabbrecher in einen Redaktionsjob rutschten, gibt es mittlerweile ohne Hochschulabschluss, Auslandsaufenthalten und Praktika kaum eine Chance auf ein Volontariat, auf eine Ausbildung zum Redakteur. dpa-Chef Gösmann kritisiert diese starke Akademisierung. Er will weniger Journalisten, die sich mit Umfragen beschäftigen und mehr neugierige Reporter, die recherchieren und sich mit Menschen unterhalten, sagt er. Die älteren Kollegen seien da ein wenig dräge geworden, deutet Gösmann an – er setzt auf die aufstiegswilligen „Underdogs“ in der Gesellschaft:

Sie finden Journalismus heute in meiner Generation viele Menschen, die in ihrer Familie die ersten waren, die studieren durften und konnten, die mit einem dementsprechenden Bildungshunger und Wissenshunger in den Beruf gegangen sind. Aber die natürlich auch über die Jahre, ich will nicht sagen saturiert sind, aber sich an das gewöhnt haben, an die Welt gewöhnt haben, in der sie leben.

Ich glaube, dass Neugier auch immer mit dem Willen um den und die Chance des Aufstiegs konkurriert, dass es immer darum geht zu sagen, was sind eigentlich die neuen Themen. Wie finde ich einen Gesprächsfaden zu Menschen, denen ich nicht täglich in der Redaktion begegne, sei es, dass Sie einen ausländischen Hintergrund haben, sei es dass sie eine andere Religion haben, sei es dass sie keine Arbeit haben, sei es dass Sie eine andere Sicht auf die Welt haben.“

Nicht nur bei der Auswahl der Bewerber will die Deutsche Presseagentur Neuland betreten. Auch die Ausbildung zum Redakteur, das Volontariat, soll nicht mehr so universell sein wie bisher, sondern sich stärker an der später vorgesehenen Täitgkeit ausrichten. Sven Gösmann:

Wir werden eine Art journalistisches Grundstudium machen, wo man das Handwerkszeug lernt, wie bisher und dann sehr viel schneller in eine Spezialisierung gehen, eine technische, eine als Experte, eine als Kuratierer, Aggregator, sie können auch sagen der Desker, und eine vierte als Produktmanager.

Es geht um die Frage, wer kann sich verantwortlich in einer Zeit, wo es darum geht für die journalistische Weiterentwicklung Dynamik zu erzeugen, um um einzelne Produkte kümmern. Ein Beispiel, was wir gerade auf den Weg bringen, sogenannten Social Radar für die sozialen Netzwerke, den wir unseren Kunden anbieten, wer betreut das, wer ist in der Lage so ein Projekt zu führen.“

Nerd-Wissen ist da möglicherweise eher gefragt als absolute Sicherheit in deutscher Zeichensetzung. Zumindest aber wird das Berufsbild des dpa-Journalisten breiter gefächert sein als bisher. Die Nachrichtenagentur steht allerdings vor der Herausforderung, dass Karrieren in anderern Bereichen der Gesellschaft attraktiver erscheinen.

Alle haben ähnliches Problem Es gibt einen gewissen Nachwuchsmangel zumindestens an qualifiziertem Nachwuchs. Weil wir im schmaleren Geburtsjahrgänge konkurrieren mit attraktiveren Start ups mit anderen interessanten Arbeitgebern im E-Commerce oder dergleichen. Wir bewerben uns um einen kleiner werdenden Kuchen. Deshalb müssen wir uns auch bewegen, um guten Nachwuchs zu bekommen.“

Auch damit hat die neue Öffnung hin zu Bewerbern eventuell auch ohne Abitur, aus Zuwandererfamilien und zu sozial Benachteiligten etwas tun. Für Konstantina Vassilou-Enz von den Neuen Deuschen Medienmachern macht das keinen Unterschied:

Ich finde es eigentlich ziemlich egal, warum mehr Menschen die Chance bekommen im Journalismus Fuß zu fassen. Ich finde es wichtig, dass es passiert und wenn es daran liegt, dass es weniger Bewerber gibt und die Medienunternehmen sich einfach mehr mehr umschauen müssen, mehr strecken müssen, mehr bieten müssen, sich mit ihren Auswahlkriterien dem anpassen müssen und schauen müssen, wo finden wir die Talente und finden wir auch Talente, die vielleicht nicht irgendwie einen total geraden Bildungsweg hinter sich haben, finde ich das gut.“

Nicht nur dpa, sondern auch andere Medienunternehmen sollten dann auchr sehr direkt Zuwanderer anzusprechen, findet Konstantina Vassilou-Enz:  Unserer Erfahrung nach hilft es immer, sehr gezielt zu suchen. So ein einfacher Satz in der Ausschreibung, wie „wir begrüßen Bewerbungen von Menschen aus Einwandererfamilien“, macht schon ganz ganz viel aus.“