Nach dem Beruf an die Uni.

 

„Verwirrend war immer die Frage, ob die anderen Studenten Du oder Sie zu mir sagen sollten“, erinnert sich heute die 59jährige Mary Kaul an ihre verspätete Studienzeit. Gut und gern hätte die gelernte Lehrerin, was das Alter anbelangt, die Mutter ihrer meisten Kommilitonen sein können. Im Gegensatz zu ihnen stand für Mary Kaul das Studium am Ende ihrer beruflichen Laufbahn.

Erfahrungen fließen ein

Als sie das erste Mal einen Hörsaal betrat, hatte sie bereits als Lehrerin gearbeitet und etliche Jahre als Hausfrau und Mutter hinter sich. Jetzt, mit einem Uni-Zertifikat in der Tasche, hält Mary Kaul Vorträge und informiert über richtige Ernährung und gesunde Lebensweisen – ehrenamtlich, versteht sich. Denn das viersemestrige Studium für Leute ab 45 wollen die Mitarbeiter des „Berliner Modells: Ausbildung für nachberufliche Arbeitsbereiche“ (BANA) an der Technischen Universität (TU) Berlin nicht als zusätzliche berufsqualifizierende Maßnahme verstanden wissen. „Wir bieten keine Umschulung an“, sagt Leiterin Ulrike Strate-Schneider. Gerade nach den vielen „Freisetzungen“ im Osten Berlins hatte es zahlreiche Interessenten gegeben, die bei BANA einen neuen Beruf erlernen wollten. Doch die seien an der falschen Adresse. Sicherlich könne man sich Kenntnisse für die Berufsausübung aneignen, doch eigentlich sollen die BANA-Absolventen keine Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt werden.

„Wir sind keine Seniorenuniversität“, sagen die Studierenden selbstbewußt. Schließlich besuchen sie die üblichen Lehrveranstaltungen der TU Berlin, sitzen Seite an Seite mit Abiturienten, und oftmals ist sogar der Professor noch jünger. Diplom-Pädagogin Strate-Schneider: „Die Erfahrungen der älteren Menschen sollen mit in die Ausbildung eingebracht werden.“ Anderswo sind Altersstudenten in speziellen Seniorenuniversitäten unter sich und bevorzugen literaturwissenschaftliche und philosophische Fächer. An der TU Berlin können drei Schwerpunkte gewählt werden: Ökologie im lokalen Umfeld, Ernährung und Gesunderhaltung sowie Stadt und Kommunikation. Studienvoraussetzung sind ein Mindestalter von 45 Jahren sowie ein Berufsabschluß und eine zehnjährige Berufstätigkeit, wobei Familien- und Erziehungsarbeit angerechnet werden. Für jedes Semester müssen 90 Mark Gebühren bezahlt werden.

Etwa 360 Altersstudierende haben bislang Kurse besucht: Hauswirtschafterinnen, Medizinisch-Technische Assistentinnen, Lehrerinnen, Ingenieure oder Chemikerinnen. 136 hielten bis zum Ende durch. Und rund ein Drittel der Absolventen ist später ehrenamtlich oder auch freiberuflich tätig: Sie arbeiten bei Bürgerinitiativen und Naturschutzverbänden mit, halten Vorträge bei Volkshochschulen und Krankenkassen, helfen beim Umwelt- oder Katasteramt. Neun Zehntel der Teilnehmer sind Frauen, doch der Anteil der Männer steigt. „Wegen der wirtschaftlichen Entwicklung gibt es mehr männliche Vor- und Frühruheständler“, so begründet Ulrike Strate-Schneider.

Keine Konkurrenz

Allerdings können nicht alle Interessenten aufgenommen werden. Derzeit werden in vier Semestern 70 BANA-Studenten betreut, wobei auch besondere Praxisprojekte organisiert werden. Was den Organisatoren wichtig ist: „Wir nehmen keinem Erststudenten einen Platz weg.“