Bei dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz im Dezember waren auch Notfallseelsorger im Einsatz, Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams, das aus evangelischen und katholischen Theologen und Laien besteht,  einem muslimischen Seelsorger und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen.  Bei dem Anschlag haben sie anderen Menschen – Opfern, deren Angehörigen  und Zeugen des Geschehens –  beigestanden. Das waren Eindrücke und Gespräche, die nicht spurlos an ihnen vorrübergingen. In den Tagen und Wochen darauf brauchten sie selbst Unterstützung, um die Erlebnisse zu verarbeiten. 

Den Einsatzbefehl erhielt Matthias Motter mit einer Textnachricht auf seinem Mobiltelefon, so wie immer, wenn er als Notfallseelsorger gebraucht wird. Selten ist er alleine im Einsatz.

 „Ich hab mich dann zurückgemeldet und also auch per SMS und dann den Anruf bekommen, dass ich dorthin fahren soll und hab mir dann ein Auto genommen und bin dorthin gefahren und habe eine Absperrung dann direkt Daniela getroffen, die ebenfalls da gerade ankam.“ 

„Genau, ich habe auch die SMS bekommen und bin dann auch losgefahren und wir haben uns dann direkt an der Absperrung getroffen und sind dann gemeinsam auf die Unfallstelle.“ 

Daniela Birk ist ebenfalls Notfallseelsorgerin, allerdings keine Theologin wie Pfarrer  Motter. Sie gehört seit acht Jahren zum Berliner Kriseninterventionsteam, zusammen mit rund 140 anderen ehrenamtlichen Helfern. Bei dem Einsatz nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz begann es so, wie bei anderen Anforderungen auch: Erst mal erfahren die Notfallseelsorger ziemlich wenig, worum es geht. Sie können allerdings davon ausgehen, dass es keine Bagatellen sind. Daniela Birk:

„Die Sorge ist auch immer dabei, ob ich ich wirklich dem Einsatz gerecht werden und dass ich hefen kann. Das denke ich jedes mal davor: Kann ich den Menschen helfen, und hoffentlich gelingt es mir.“ 

Bei dem Anschlag am Breitscheidplatz hat sie der Einsatzleiter der Feuerwehr erst  in einen Großraumbus gebeten. Dort saßen zunächst Menschen, die nur leicht verletzt waren oder die als Zeugen noch unter dem Eindruck des Erlebtenstanden. Während draußen die Schwerverletzten versorgt wurden, waren die Notfallseelsorger erste Absprechpartner, erläutert Justus Münster, der Leiter der Berliner Notfallseelsorger. 

„Wir hatten an dem Abend es ja auch mit sehr vielen Menschen zu tun, die einfach nicht wussten, wo sind meine Angehörigen, wo ist meine Schwester, wo mein Bruder, wo ist meine Tochter, wo mein Sohn,  wo meine Mutter, mein Vater. Und in der Situation der Ungewissheit, wo man Informationen haben möchte, standen wir ihnen zur Seite bis die Informationen da waren oder eben nicht da waren.“ 

Einfach „da sein“, auch wenn man keine Antworten hat – weder auf konkrete nach den Verwandten, noch auf vielleicht schwerwiegendere nach dem „warum“ und „was ist da geschehen“ – auch für die Notfallseelsorger war der Einsatz bei dem Anschlag am Breitscheidplatz eine Ausnahmesituation. 

„Bei mir war es auch so, dass auch erst nach einer bestimmten Zeit ich das realisiert habe, also auch mit meiner Fantasie abgeglichen habe, dann diesen Lkw die ganze Zeit gesehen habe und erst nach anderthalb, zwei Stunden wurde mir auch die Tragweite dessen bewusst, was da tatsächlich passiert ist.“  

Nach Stunden erst in dem großen Bus, dann in einem extra bereitgestellten Hotelsaal kamen alle erst spät nach Hause, erinnert sich Justus Münster, der als Leiter der Notfallseelsorge mit einer halben Stelle bei der evangelischen Landeskirche beschäftigt ist. 

„Ich konnte erst einmal gar nicht schlafen,  gar nicht daran zu denken. Ich muss erst mal ein Stück runterfahren von diesem Einsatz, immer auch noch in Sicherheit rekapitulieren. Was macht das jetzt eigentlich mit mir. Kurz nochmal vielleicht auch entwerfen, was macht das mit uns auch als Familie. Was bedeutet das für uns als Berlinerinnen und Berliner und darüber. Das sind ja doch andere Dimensionen.“ 

Und am nächsten Tag sind sie wieder zurückgekehrt zum Breitscheidplatz, waren wieder in dem Hotel, das ihnen und den Angehörigen einen Raum als Rückzugsmöglichkeit gegeben hatte. Wieder wollten sie Ansprechpartner sein, sagt Justus Münster. 

„Vielleicht melden sich auch noch mal Betroffene die nach Gespräch wünschen und insofern haben wir dann auch an diesem Platz warum wir die ganze Zeit vertreten. Da waren die Notfallseelsorge eben auch aufgestellt und sagten Okay wir begleiten die Menschen in ihrer ersten Ohnmacht und Betroffenheit auch in diesen Gedenkort.“ 

Und es hatten tatsächlich wieder Menschen Gesprächsbedarf, erinnert sich Daniala Birk.

„Als wir raus kamen nach der Gedenkfeier,  da kamen noch mal Betroffene auf uns zu und haben mit uns das Gespräch gesucht. Die aus dem Krankenhaus an diesem Tag entlassen wurden und die Gesprächsbedarf hatten als ganze Familie.“

Für andere sind sie da, doch auch die Notfallseelsorger selbst müssen es schaffen, mit dem Erlebten und dem Erzählten umzugehen. Intensive Tage sind es auch für sie, anders noch einmal als bei den meisten Einsätzen. Julius Münster:

„Es gibt Einsätze, die trifft mich mit ungeheurer Wucht, andere weniger. Also macht der Breitscheidplatz noch mal mehr mit mir als Betreuer.“

Daniela Birk: „Man vergisst nie die Orte, wo man zu einem Einsatz war. Wenn man daran vorbei fährt, dann kommen kurz Bilder und Gefühle zurück.  Beim Breitscheidplatz was es anderes. Da bin ich bewußt noch mal zurück an diesen Ort und habe mich noch mal in die Kaiser Wihelm-Gedächtniskirche gesetzt, weil ich das Bedürfnis hatte, eine Art Abschluss, also… wird natürlich immer im Gedächtnis bleiben, aber ich habe eine Kerze angezündet, und ich habe für mich eine Art Abschluss gesucht.“ 

Einen Rahmen, einen Abschluss finden – das ist eine Möglichkeit für die Notfallseelsorger, mit dem Erlebten und Gehörten fertig zu werden.  Miteinander reden, Einsätze nachbereiten, mit Kollegen, die dabei waren oder mit anderen, die unvoreingenommener urteilen – das ist ein weiterer Weg. Da kann es um organisatorische Belange gehen, die beim nächsten Mal besser laufen könnten. Es kann aber auch einfach darum gehen, einander zuzuhören, für den Kollegen so da zu sein, wie die Notfallseelsorger es sonst für die Unfallopfer und deren Angehörige  sind.

„Da kommt tatsächlich einiges zusammen. Das die Grundhaltung, mit der wir reingehen, ist ja eine sehr empathische. Allerdings natürlich auch mit einer professionellen Distanz.  Aber das schützt nicht vor einer sekundären Traumatisierung an der Stelle. Und dann müssen wir natürlich auch sehr stark aufpassen, denn auch wir wissen alles,  was wir in einem Einsatz sehen, was wir hören, was wir riechen, was wir schmecken und vielleicht wird es ja auch zu unserem.“

Für Julius Münster geht es dabei auch um die weiteren Folgen des Anschlags, auchj als Bewohner der Stadt, in der er lebt. 

„Wie bewege ich mich jetzt auch öffentlich in dieser Stadt, gehe ich vielleicht etwas Angst belastet über einen Platz. Ich ertappe mich allerdings auch dabei, dass wenn so ein großer Lkw relativ nah an mir vorbeifährt,  das ich dann auch innerlich erschrecke und führe das auch auf diesen Abend hin zurück.  Diese diffuse Angst ist natürlich da,  aber mein Verstand sagt mir dann eben auch, nein, jetzt gerade hier in dem Moment gibt es keinen Grund sich zu fürchten.“ 

Matthias Motter: „Ich glaube die Haupthilfe, damit ich diese Arbeit tun kann ist, dass ich mit meiner Frau darüber reden kann. Und ich kann diese Arbeit auch nur tun, weil ich weiß, wo ich hin kann mit meiner Sorge. Und da spielt mein Glaube einfach eine ganz große Rolle, eine Motivation ist, das zu tun. Dass ich als Christ sagen kann, wo meine Grenzen sind, wo die Grenzen dessen sind, was ich in dieser Welt sehe. Da hat Gott immer noch Möglichkeiten und dem kann ich das auch befehlen. Und das hilft mir sehr in der Verarbeitung. 

Klingt jetzt etwas komisch, aber diese Arbeit hat mich sehr viel dankbarer noch werden lassen. Für all das Schöne, was wir zusammen erleben, weil wir alle in dieser Arbeit immer erleben,  wie schnell sich ein Leben ändern kann und wie schnell etwas passieren kann, wo niemand oder man selber auf jeden Fall nichts dafür kann. Und plötzlich ist alles anders.“