Sie nennen sich Novemberkinder, weil sie in diesem Monat geboren wurden. Und zwar alle am selben Tag – am 9. November
1989, dem Tag, als in Berlin die Mauer fiel. 83 Jungen und Mädchen kamen an diesem Tag in Berlin zur Welt. Alle treffen sich seitdem jedes Jahr im November. Vorausgesetzt, sie haben Zeit dazu. Denn etliche wohnen gar nicht mehr in Berlin. Sie leben mittlerweile
quer übers Land verteilt, in Bayern, Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern.
Ein Autokonzern hat die Patenschaft für die Novemberkinder
übernommen und veranstaltet jedes Jahr eine große Geburtstagsparty. Mal treffen sie sich in einem Erlebnisschwimmbad, mal zum Klettern in einem künstlichen Gebirge in einer Halle. Oder sie werden vom Regierenden
Bürgermeister eingeladen. Caroline, Nicolas, Miriam und Shila
wohnen immer noch in Berlin. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Stadtteilen. Drei leben in Buckow, Heiligensee oder Rosenthal. Das sind ländliche Gebiete im Norden und Süden
Berlins mit Ein- und Zweifamilienhäusern und Bäumen und Wiesen in der Umgebung. Shila lebt in Neukölln, einem Stadtteil mit fünfstöckigen, mehr als 100 Jahre alten Gebäuden, vielen Menschen und vielen Autos. In die Innenstadt, dort wo die meisten
Touristen hinreisen, und auch in die anderen Berliner Stadtteile kommen die Jugendlichen selten. Ihre Freundinnen und Freunde wohnen in der Nähe. Mit ihnen feiern sie jedes Jahr ganz normal ihren Geburtstag, wie alle anderen aus ihrer Klasse auch. Nur bei den gemeinsamen Feiern der „Novemberkinder“ einige Tage später
merken sie, dass ihr Geburtstag doch an einem besonderen Tag liegt.


Kein Ossi oder Wessi
„Ich mache mir manchmal Gedanken,
was ich jetzt bin: Ossi oder Wessi.
Denn ich bin ja eigentlich keins von
beiden. Die Mauer fiel ja, als ich geboren
wurde“, sagt Caroline. Sie lebt im
Ostteil der Stadt, doch mit den Begriffen
„Ossi“ oder „Wessi“ kann sie wenig
anfangen. Für sie ist das nicht
wichtig. Ihre Eltern sprechen immer
noch über Unterschiede zwischen
Westen und Osten, gegenseitige Vorurteile,
unterschiedlich hohe Gehälter
und das Leben vor dem 9. November
1989 in einer Stadt, die 28 Jahre durch
eine Mauer getrennt war.
Meistens sind es ältere Leute, die die
Novemberkinder auf ihr Geburtsdatum
ansprechen. „Den meisten jüngeren
fällt dazu gar nichts ein“, sagt Carolin.
„Einige überlegen: Da war doch
was! Fasching? Nein, Mauerfall!“, ergänzt
Miriam. Sie musste in der Schule
zu dem Thema 9. November 1989
mal einen Vortrag halten und konnte
dazu gleich ganz stolz ein Autogramm
des Bürgermeisterrs zeigen, der die
Novemberkinder zu ihrem zehnten
Geburtstag eingeladen hatte. „Wenn
ich im Fernsehen Bilder vom Mauerfall
sehe, finde ich das faszinierend,
dass diese Trennung von Ost und
West endete“, sagt Shira. „Für viele
Leute war das sicherlich ein toller Augenblick.
Vor allem für die, die Verwandte
in den anderen Stadtteilen
hatten.“
„Wenn ich Berichte sehe, dann überlege
ich immer und sage: Genau an
dem Tag bin ich geboren! Und
dann gucke ich nochmal genauer hin
und überlege halt so, wie das wäre,
wenn die Mauer nicht gefallen wäre“,
ergänzt Miriam. „So richtig vorstellen
kann man sich das gar nicht, dass
Berlin geteilt war“, sagt Nicolas
„Heutzutage gibt es so viele Leute,
die ständig von Ost nach West
fahren …“
Ein paar mehr Gedanken als ihre
Klassenkameraden machen sich die
Novemberkinder vielleicht schon zum
Thema „Mauerfall“. Ansonsten tun sie
das, was alle gerne machen, egal ob
im Osten, Westen, Norden oder Süden
von Berlin: In Einkaufspassagen
bummeln und „shoppen“ gehen.
Oder sich dort einfach nur mit
Freundinnen und Freunden treffen,
um mit ihnen zu quatschen. Ein Leben
in der deutschen Gegenwart.