„Precious“ ist 16 Jahre alt, lebt von Sozialhilfe und ist zum zweiten Mal schwanger – von ihrem Vater. Doch sie findet ihren Weg – allerdings sehr mühsam.

Ein Film über eine 16jährige schwarze Amerikanerin sorgt in den USA für Kontroversen. Stellt er das Leben in der sozialen Unterschicht authentisch dar oder werden Vorurteile bestätigt? Erst sollte der Film nur in einigen ausgesuchten US-Kinos gezeigt werden, wegen der großen Nachfrage haben jetzt andere Lichtspielhäuser nachgezogen.

„Wertvoll“ ist ein Hohn

Sie heißt „Precious“, sie ist 16 Jahre alt und sie ist dick. Ihre Mutter schikaniert sie, ihr Vater vergewaltigt sie. Zum zweiten Mal bekommt sie ein Kind von ihm. Das erste hat Down-Syndrom. Der Name „Precious“, also „wertvoll“, scheint reiner Hohn zu sein. Anerkennung findet sie nirgends. Vielleicht noch durch Essen. Rechnen kann sie, sagt ihr Lehrer. Doch der gibt ihr auch eine Eins minus in Englisch, obwohl sie kaum schreiben kann. Dann wird sie von der Schule geworfen – wegen ihrer Schwangerschaft.

Ihre einzige Chance: Eine Spezialklasse, wo sie mit einem halben Dutzend andere Schülerinnen – Einwandererkinder, Schwarze, Hispanics – von einer Lehrerin intensiv betreut wird, die mehr Sozialarbeiterin als Wissensvermittlerin ist. Scheu tastet sich Precious in diese neue Umgebung hinein – gegen den heftigen Widerstand ihrer Mutter. Denn die will, dass ihre Tochter die Sozialhilfe-„Karriere“ fortführt. Wenn die Frau von der Behörde kommt, um zu kontrollieren, mimt die Mutter (gespielt von Mo’nique, die eigentlich als Comedian bekannt ist) sogar die Fürsorgliche, kümmert sich vorbildlich um ihren Enkel. Doch das ist reine Show. Wenn die Sozialhilfe-Frau weg ist, schikaniert sie weiterhin ihre Tochter, verprügelt sie, verachtet sie.

Flucht in die Träume

 

Die träumt von einem hellhäutigen Freund, sieht sich schlank, mit weißer Hautfarbe. Fantasien der Verzweiflung. Doch dann findet sie zaghaft ihren Weg, bricht mit ihrer Mutter, erkämpft sich ihren Platz in der neuen Schulklasse, in der sie sich mit anderen „Versagerinnen“ zusammenraufen muss. Sie werden so etwas wie eine Ersatzfamilie, als Precious ihr zweites Kind bekommt. Dann stellt sich heraus: Precious hat AIDS, wurde von ihrem Vater angesteckt. Einen Freund hatte sie noch nie.

Precious übernimmt Verantwortung

Ein letzter Versöhnungsversuch mit der Mutter scheitert. Und auch das staatliche Sozialhilfesystem muss scheitern: Precious erklärt die Sachbearbeiterin (gespielt von Popdiva Mariah Carey) als unfähig, jenseits ihrer Standardregeln sich um sie kümmern zu können. Das macht Precious jetzt selbst: Sie will Verantwortung für ihre zwei Kinder übernehmen, will ihr Leben meistern. Da ist der Film typisch amerikanisch – Charakterschulung auch in den denkbaren ungünstigsten Lebenssituationen.

Klischees bedient?

Er bediene gängige Klischees, kritisieren schwarze Intellektuelle. Der Film spielt in den achtziger Jahre in Harlem, basiert auf dem Buch Push von Sapphire. Er beschreibe die Realität, sagen andere Kritiker, zu denen ebenfalls schwarze Intellektuelle gehören. Sie sind der Auffassung: Es gehe nicht um eine grundlegende und verallgemeinernde und damit rassistische Beurteilung schwarzer Lebenssituationen. Sondern um eine differenzierte. Genauso wie es einen Schwarzen als Präsidenten gebe, gebe es bei Schwarzen auch Sozialhilfemissbrauch, vergewaltigende Väter und Mütter ohne Emotionen. Rassistisch sei eher, wer das Gegenteil behaupte. Und soziale Probleme verleugne und damit deren Bewältigung erschwere.

„Precious“: Ein emotionaler FiIm

Der Film polarisiert. Auf jeden Fall ist er äußerst emotional, schockiert damit, dass er übliches bürgerliches Familienverhalten auf den Kopf stellt. Regisseur Lee Daniels inszeniert mit zum Teil vorhersehbarer Dramatik, doch die sofort erzeugte Nähe zu Precious erdrückt, lässt den Atem stocken. Und man fragt sich, wie Precious jemals aus diesem ganzen Schlamassel herausfinden kann. Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe ist beeindruckend in ihrer ersten Rolle, überzeugend ebenso Mo’nique, die ihre Mutter spielt. Weitere Rollen: Paula Patton als schöne Klassenlehrerin, Mariah Carey als Sozialarbeiterin und Lenny Kravitz als Krankenpfleger.