Maleeha Zamarai hat eine schwierige Aufgabe vor sich. Sie wird sich mit einem Mädchen treffen, das wahrscheinlich den Schock ihres Lebens erfahren hat. Ein 13jähriges Mädchen, aus Somalia geflohen, alleine, ohne Familie. Irgendwie ist es nach Deutschland gekommen, mit einer der Schlepperbanden, die aus der Flüchtlingsnot Kapital schlagen. Und wahrscheinlich losgeschickt von den eigenen Eltern, die sich für ihr Kind ein besseres Leben in der Fremde versprochen haben.

 

20130812km7986a

Maleeha Zamarai studiert Jura. Foto: Klaus Martin Höfer

 

 

 

Es ist nicht ihr erster Fall, und sie ist auch nicht allein.

Maleeha Zamarai studiert Jura, und wird sich um das Mädchen kümmern, ihr helfen bei Verwaltungswegen und bei der Anhörung vor dem Beamten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Es ist nicht ihr erster Fall und sie macht dies auch nicht allein: Maleeha Zamarei gehört zur „Refugee Law Clinic“ der Uni Gießen, so wie ein gutes Dutzend anderer Studenten. Sie kümmern sich um Asylbewerber und Flüchtlinge, die in der mittelhessischen Stadt auf ihr Verfahren warten: In Gießen ist die zentrale „Erstaufnahmeeinrichtung“ des Bundeslandes, in der ständig um die tausend Menschen untergebracht sind. Dazu kommen die minderjährigen Flüchtlinge, die von Sozialarbeitern in Wohnungen betreut werden, wie das Mädchen aus Somalia.

Armut, Krieg, Verfolgung. Und die Erfahrung, dass ihre Eltern sie weggeschickt haben.

Maleeha Zamarai wird das Gespräch mit ihr suchen und ihre Hilfe anbieten. Vielleicht geht es erst einmal darum, einfach nur zu zuhören, sich die Geschichte der Flucht erzählen zu lassen, die Erlebnisse aus der Heimat: Armut, Krieg, Verfolgung. Und die Erfahrung, dass ihre Eltern sie weggeschickt haben. Auch Maleeha Zamarai ist selbst als Kind geflohen, aus Afghanistan nach Deutschland. Allerdings war ihr Vater schon dort, hatte nach seiner Asylanerkennung auch die Aufenthaltserlaubnis für seine nachziehende Familie erhalten. Deswegen hatte es Maleeha einfacher. Doch sie weiss, was es bedeutet, als Kind die Heimat zu verlassen.

20130812km7988

„Viele Studierende, die sich in der Law Clinic engagieren, haben selbst einen Migrationshintergrund“, sagt Paul Tiedemann, Richter am Frankfurter Verwaltungsgericht und dort mit strittigen Asylfällen befasst. Er hatte die Idee zur Law Clinic in Gießen, der ersten in Deutschland. Mittlerweile gibt es ähnliche Einrichtungen auch in Köln.

„Jura-Studenten kann man, grob gesagt, in drei Gruppen aufteilen: diejenigen, die Geld machen wollen, solche, die nicht wussten, was sie sonst studieren sollten. Und die Idealisten: Denen liegen Recht und Gerechtigkeit am Herzen.“

Tiedemann war die Juristenausbildung zu theoretisch: „In den Vorlesungen haben die Studenten immer nur mit Fällen zu tun, bei denen es um anonyme Personen A oder B geht, nie mit richtigen Schicksalen“, sagt er. In Osteuropa hatte Richter Tiedemann „Refugee Law Clinics“ an Hochschulen kennengelernt, da war das anders. Auch in den USA gibt es eine schon lange „Rechtskliniken“. Doch in Deutschland waren solche Uni-Initiativen bis vor wenigen Jahren gar nicht erlaubt. Erst nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes und einer anschließenden Gesetzesänderung dürfen auch Studenten als Rechtsberater arbeiten.

Die sind begeistert: Tiedemanns Vorlesung platzt mittlerweile aus allen Nähten, obwohl sie nicht zum Pflichtprogramm fürs Studium gehört. Begonnen hat er mit zehn Hörern, jetzt sind es 60, einige auch von anderen Hochschulen. „Jura-Studenten kann man, grob gesagt, in drei Gruppen aufteilen: diejenigen, die Geld machen wollen, solche, die nicht wussten, was sie sonst studieren sollten. Und die Idealisten: Denen liegen Recht und Gerechtigkeit am Herzen.“ Bei der RLC-Clinic, sagt er, sind die aus der dritten Gruppe.

„Die Flüchtlinge kennen natürlich das ganze Verfahren nicht und können selten Deutsch.“

Engagement ist tatsächlich gefragt: Die Vorlesungen ist keine Pflichtveranstaltung, zudem dauert es Monate, bis RLC-Nachwuchskräfte fit genug für die Beratung sind. Tiedemann ist es wichtig, den ehrenamtlichen Helfern mit Grundkenntnissen auszustatten, die sie im regulären Jura-Studium nicht vermittelt bekommen.

Asylrecht sei kompliziert, sag er, und „in vielen Aspekten absolut unlogisch“. Deswegen werden die Studenten erst fest ins Team eingebunden, wenn sie Tiedemanns Vorlesung besucht und ein Praktikum gemacht haben, zum Beispiel bei einem Fachanwalt oder einer Flüchtlingsberatung. Dann begleiten sie erst einmal andere Law-Clinic-Studenten, bevor sie eigenständig helfen.

20130812km7984a

Laura Hilb

Und zum Beispiel Asylbewerber auf die Anhörung beim „BAMF“, beim Bundesamt für Migration und Flüchtling, vorbereiten, bei der über ihren Asylantrag entschieden wird. So wie Laura Hilb. „Die Flüchtlinge kennen natürlich das ganze Verfahren nicht und können selten Deutsch“, sagt sie. „Sie sind schon x-mal befragt worden, von allen möglichen Leuten: An der Grenze, in der Aufnahmeeinrichtung. Wir müssen ihnen verdeutlichen, dass die Anhörung beim Bundesamt die absolut wichtigste Schilderung ist.“

Bekommen die Flüchtlinge Asyl in Deutschland oder werden sie abgeschoben – das hängt von der mehrstündigen Befragung ab, und dem Bild, das sich der „BAMF“-Mitarbeiter von den Antragstellern und ihrer Geschichte macht. Das Protokoll des Gesprächs nicht leichtfertig unterschreiben, sofort auf Ungereimtheiten hinweisen zwischen der eigenen Schilderung und dem, was der Sachbearbeiter versteht und was möglicherweise mehrfach hin und her übersetzt wird – das sind Ratschläge, die die RLC-Mitarbeiter den Asylbewerbern geben. Denn immer wieder stellen Laura Hilb und ihre Kommilitonen fest, dass die Übersetzer nicht gewissenhaft genug arbeiten.

Bei meiner Anhörung kam es sehr oft vor, dass ich den Übersetzer verbessern musste“

So wie bei Maruf Rahmani, der seinen richtigen Namen nicht nennen will. Er kommt aus Afghanistan, hat dort Germanistik studiert und kann recht gut Deutsch. „Bei meiner Anhörung kam es sehr oft vor, dass ich den Übersetzer verbessern musste“, sagt er. Zum Beispiel, als es dort über Einzelheiten seiner Flucht ging. Genaueres will er öffentlich nicht sagen, bei der Anhörung musste er es.

20130812km7991

Auf welchem Weg er nach Deutschland gekommen ist, wie lange es gedauert hat, welche Umwege, welche Transportmittel. Damit soll geprüft werden, ob Asylbewerber tatsächlich ihre wahre Geschichte erzählen oder sich nur etwas ausgedacht haben. Plausibel und nachvollziehbar soll es sein. Auch wenn er seinen Übersetzer mehrfach korrigieren musste, ist Maruf Rahmani überzeugt, dass er seine Flucht überzeugend schildern konnte. Und das er seine Anerkennung als Asylberechtiger erhält. Wenn nicht, werden die Gießener Studenten ihn beraten, wie er Widersprich einlegt, wie er sich auf ein mögliches Verfahren beim Verwaltungsgericht vorbereitet. Und dass er spätestens dann einen Anwalt engagieren sollte. Denn irgendwo stößt die studentische Rechsberatung an ihre Grenzen. Um diesen Punkt besser einschätzen zu können, treffen sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter alle paar Wochen mit Professor Tiedemann, um ihre Fälle zu besprechen.

Hotline zu Jura-Professoren und Psychologen

Für akute Hilfe gibt es eine „Hotline“ von Jura-Professoren und Anwälten, um dringende juristische Fragen zu klären. Und eine andere Telefonnummer von Psychologen und Psychiatern der Uni Gießen, die ebenfalls ihre Unterstützung anbieten – falls die Helfer nicht klarkommen mit dem, was sie über die Erlebnisse der Flüchtlinge erfahren. „Beide Telefonnummern“, sagt Tiedemann, „sind noch nie in Anspruch genommen worden.“

„Law Clinics“ an anderen Hochschulen
Law Clinics“ auch woanders: Medien, Verbraucherschutz und Existenzgründung

Mittlerweile gibt es auch an der Universität Köln eine „Refugee Law Clinic“. An einigen weiteren Hochschulen beraten studentische Initiativen zu anderen Themenfeldern, zum Beispiel zu Sozialrecht, Ausländerrecht oder Medien.

Zum Asylrecht beraten Gruppen an der Uni Gießen und an der Uni Köln.

Eine „Media Law Clinic“ gibt es an der Uni Hamburg.

Die Law Clinic der SRH Hochschule Heidelberg berät Existenzgründer.

Gleich drei Law Clinics gibt es an der Humboldt-Universität Berlin. Sie befassen sich mit Grund- und Menschenrechten, mit Verbraucherschutz und mit Internetrecht.

Die Law Clinic der Hamburger Bucerius Law School befasst sich mit Fällen, die von der Diakonie vermittelt werden. Schwerpunkte bilden Sozialrecht und Ausländerrecht.

An der Leibniz-Universität in Hannover beraten Studierende in der „Legal Clinic“ andere Studierende, an der Friedrich-Schiller-Universität Jena machen Studierende dies bei „PARA legal“.

Daneben gibt es Initiativen an Hochschulen, bei denen Studenten allgemeine Rechtsberatung anbieten, zum Beispiel an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und an der Uni Bielefeld.

Die Universität Bremen kooperiert bereits seit 1977 mit dem Verein für Rechtshilfe im Justizvollzug des Landes Bremen e.V., der unter anwaltlicher Betreuung Strafgefangene berät.

 

Spende

Mit einer Spende können Sie hier die Arbeit von crashZINE unterstützen!

Geben Sie einen Betrag Ihrer Wahl ein.

Anzeige