Schlechte Wirtschaftslage und Verlust des Arbeitsplatzes haben in den Großbritannien zu einer höheren Selbstmordrate geführt, sagen Forscher.

In Großbritannien gab es in den Zeiten wirtschaftlicher Rezession zwischen 2008 und 2010 1001 zusätzliche Suizide, 846 von Männern, 155 von Frauen. Besonders bei Männern spielte als Grund für den Suizid der Arbeitsplatzverlust offenbar eine starke Rolle, sagen Forscher der Universitäten von Liverpool und Cambridge und der London School of Hygiene and Tropical Medicine in ihrer Untersuchung, die am 14. August in der Online-Ausgabe des BMJ veröffentlicht wurde.
Die Wissenschaftler fanden heraus, dass nach 20 Jahren des Rückgangs der Suizidrate zu Beginn der Wirtschaftskrise die Zahl der Suizide wieder anstieg, bei Frauen geringfügig mehr als bei Männern. 2008 lag die Steigerung Im Vergleich zu 2007 bei 8 % bei Männern und bei 9 % bei Frauen. Zum Ende der Wirtschaftskrise ging die Selbstmordrate wieder zurück, war aber immer noch höher als 2007, dem Jahr vor Beginn der Rezession. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der Suizide seit 2000 stetig zurückgegangen, bei Männern um 57, bei Frauen um 26 Fälle jährlich.
Die Grundlage der Auswertung war die Selbstmordstatistik in 93 Regionen Großbritanniens. Dabei wurden auch Todesfälle als Suizid betrachtet und in die Auswertung eingeschlossen, die von den behördlichen Gerichtsmedizinern als Folge nicht nachvollziehbarer Verletzungsursachen bezeichnet wurden. Dies entspreche der Methodik der britischen Regierungsstatistiken. Damit seien nämlich üblicherweise auch Suizide gemeint, auch wenn Gerichtsmediziner die abweichende Bezeichnung wählten, schreiben die Erstautoren.
Gegenübergestellt wurde die Selbstmordrate mit der Anzahl von Personen, die Arbeitslosenhilfe bezogen. Damit seien zwar nicht alle Arbeitslosen erfasst oder solche Personen, die nur über einen bestimmten Zeitraum von Einsparmaßnahmen betroffen waren, doch sei dies die genaueste Methode, Arbeitslosigkeit zu bestimmen, schreiben die Erstautoren.
Zwei Fünftel der Suizide im Rezessionszeitraum von 2008 bis 2010 lassen nach diesen Auswertungen auf einen direkten Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit zurückführen. Regionen mit stärkerer Steigerung der Arbeitslosenquote wiesen auch eine höhere Steigerung der Suizidrate auf. Alleine für sich betrachtet könne die Studie nicht mit Sicherheit belegen, dass Arbeitslosigkeit zu mehr Selbstmorden führe, aber alles spreche dafür. Andere Ursachen seien nicht erkenntlich, zudem stimme die Studie mit vorherigen Untersuchungen überein, schreiben die Erstautoren. Sie regen an, Sparmaßnahmen im öffentlichen Sektor zu überdenken, zum einen beim Stellenabbau der staatlichen Verwaltungen, zum anderen bei Unterstützungsmaßnahmen zum Erhalt von Arbeitsplätzen und bei der Betreuung von Arbeitslosen.

Vermutung: In Deutschland verhindert Sozialsystem viele Suizide

Direkt vergleichbare Studien gibt es in Deutschland nicht, weil nicht erfasst wird, ob Menschen, die Selbstmord begehen, arbeitslos waren. Doch Psychologen vermuten dennoch einen Zusammenhang, der aber nicht so stark ausgeprägt sei wie in Großbritannien, sagt Prof. Dr. Armin Schmidtke, Vorsitzender des Nationalen Suizidpräventionsprogramms und Facharzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Würzburg. Dies liege zum einen daran, dass die Rezession in Deutschland nicht zu einem so rapiden Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt habe wie in anderen Ländern, zum anderen an den sozialen Absicherungssystemen. „Sie können eher verhindern, dass Menschen verzweifeln und zu Selbstmord neigen, wenn sie arbeitslos werden“, sagt Prof. Schmidtke. Im gleichen Zeitraum , auf den sich die im BMJ veröffentlichte Studie bezieht, ist zwar auch in Deutschland die Selbstmordrate gestiegen. Doch Prof. Schmidtke geht nicht davon aus, dass dies mit der Wirtschaftsrezession begründet werden kann. Sie habe Deutschland milder getroffen als andere Länder. „Wir vermuten eher, dass die gestiegene Zahl der Selbstmorde mit dem Suizid des Fußballtorwarts Henke zu tun hatte“, sagt Schminkte. In einer Art Nachahmungseffekt hätten viele der Menschen ebenso wie Henke den Tod an einer Eisenbahnstrecke gesucht. Dennoch sei nicht vollkommen auszuschließen, dass die höhere Arbeitslosigkeit zu mehr Suiziden geführt habe. „Besonders in den ersten Wochen und Monaten nach der Kündigung können Menschen gefährdet sein“, sagt Dr. Sylvia Schaller. Sie ist psychologische Psychotherapeutin und hat die psychologische Ambulanz im Klinikum Mannheim geleitet, außerdem koordiniert die im Nationalen Suizidpräventionsprogramm die Arbeitsgruppe „Arbeitsplatz“. Gerade In dieser Übergangsphase nach dem Arbeitsplatzverlust könnten depressive Reaktionen, ausgeprägtes Suchtverhalten und familiäre Konflikte verstärkt auftreten und die Suizidgefährdung erhöhen, sagt Dr. Schaller. Vermehrte Arztbesuche, unspezifische Beschwerden wie Rückenschmerzen sowie Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit ausdrückende Äußerungen könnten Anzeichen dafür sein. Dr. Schaller weisst darauf hin, dass nicht nur der plötzliche Arbeitsplatzverlust zum Suizid führen kann, sondern auch starker Arbeitsdruck, Arbeitsverdichtung und eine hohe Arbeitsbelastung. Unternehmen sollten daher Strukturen und Umgebungen schaffen, die solche Stress-Faktoren verringerten.