Die Bilder der „IS“-Krieger, die antike Statuen zerstören, hat jeder vor Augen. Im Irak und in Syrien sind im Bürgerkrieg zahlreiche alte Kulturgüter vernichtet worden. Wie sollen Archäologen und Museumsfachleute mit dem Verlust von Kulturerbe umgehen? Wie schaffen sie es, die Schäden zu dokumentieren? Und was passiert, wenn der Krieg vorbei ist? Was kann und was soll wieder aufgebaut werden? Um diese Fragen zu besprechen, trafen sich Wissenschaftler an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft. „Dealing with damage“, der Umgang mit Schäden als Folge des Bürgerkrieges, war das Thema. 

 

Aleppo, die Stadt im Norden Syriens. Der berühmte Berg mit der Zitadelle, die Altstadt, ein Weltkulturerbe, wurden im Bürgerkrieg zerstört. Kay Kohlmeyer, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, machen die Bilder, die er davon gesehen hat, sehr zu schaffen. Der Archäologe mit dem Schwerpunkt Vorderasien hat etlichen Jahre seines Lebens in Aleppo verbracht und geforscht. Jetzt ist die Stadt für ihn kaum wieder zu erkennen. Kohlmeyer fühlt sich hilflos.

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Kay Kohlmeyer, Professor für vorderasiatische Archäologie

Das ist eine Beschreibung meines Seelenzustandes, momentan. Ich kann ja über das Thema nicht emotionslos reden.

Für Kohlmeyer ist im syrischen Bürgerkrieg das Leid der Bevölkerung untrennbar mit dem Verlust an materieller Kultur wie historischen Tempeln, Siedlungen und alten Burgen verbunden.

Massakriere ich Menschen, vergewaltige ich Frauen, zerstöre ich Kulturgut, das sind alles Facetten einer Medaille, nämlich die Vernichtung einer Bevölkerung Teile einer Bevölkerung und deren Identität.

Forscher wie Kohlmeyer wollen dabei helfen, diese Identitäten zu retten, so gut es geht. Dabei geht es erst einmal darum, das Ausmaß der Zerstörung zu dokumentieren, mit Fotos, Videos und Skizzen, um das Original zumindest digital rekonstruieren zu können. In einem Bürgerkriegsland mit wechselnden Fronten und instabilen Machtverhältnissen ist dies nicht einfach. Der staatliche Antikendienst ist dabei der erste Ansprechpartner, doch es gibt noch mehr als 100 kleinere Nicht-Regierungsorganisationen, in denen meistens freiwillige Helfer recherchieren und dokumentieren. Doch das kann gefährlich sein. Professor Kohlmeyer:

Wir brauchen natürlich lokale Informanden. Ich habe diese Beispiel gezeigt, wo Informationen von den lokalen Bevölkerung gesammelt wird, verboten in die Türkei gebracht wurden und dort aufbereitet wurden. Das sind Informationen, auf die sind wir angewiesen.

Ich bin kritisch dem gegenüber, Leute loszuschicken und in in kriegerische Situationen in Lebensgefahr zu bringe, wenn das Produkt ihrer Recherche, Handyfotos, die Gefahr nicht rechtfertigen. wenn ich absehen kann, dass dabei keine ordentliche Dokumentation bei herauskommt, dann halt ich das für Showcharakter ohne ernst zu nehmenden Hintergrund.

Das „Syrian Heritage Archive Program“ ist eine der vielen kleinen Projekte, die Kulturgüter dokumentieren, in diesem Fall von Deutschland aus, mit Unterstütztung des Deutschen Archäologischen Institutes und des Museums für Islamische Kunst in Berlin. Im Internet verfügbare Bilder werden gesammelt, dazu wird über Mittelsmänner in Syrien recherchiert, was bereits dokumentiert ist, dann wird alles digitalisiert und in einer Datenbank ausführlich beschriftet abgelegt. Wozu die Daten später einmal verwendet werden, ist erst einmal offen.

Issam Ballour hat in Damaskus Architektur studiert und ist einer der Teamleiter dieses Archivierungsprojektes. Für ihn ist die gemeinsame Anstrengung wichtig, Bilder und Informationen zu sammeln, und die Diskussionen darüber vor allem innerhalb Syriens.

Es sind alte Wunden, die nie verheilt waren, die jetzt aufbrechen, an denen jetzt ein Dialog entstehen muss. Aus diesem Dialog, der dann kommen muss, sehe ich eine Chance, dass sich etwas wieder neu aufbaut, dass Identität sich neu aufbaut, dass das Verständnis für die Kultur wieder neu aufgebaut wird. Und dann sind materielle Güter eigentlich zweitrangig, sie werden immer wieder neu produziert.

Für die Zerstörungen gibt es viele Ursachen: Zunächst einmal unmittelbare Kampfhandlungen, bei denen die verfeindeten Parteien im Kriegsgeschehen keine Rücksicht nehmen auf historische Gebäude. Oder auch Raubgrabungen und Plünderungen. Außerdem gibt es mutwillige und öffentlich in Szene gesetzte Zerstörungen, mit denen der Terrorgruppen wie der IS Macht und Verachtung demonstrieren wollen. Alte Statuen, Burgen und Tempel sind in vielen Fällen komplett beschädigt.

Mit bereits vorhandenen Daten sowie auf der Grundlage dreidimensionaler Neuvermessungen ließen sich allerdings mit viel Aufwand die alten Gebäude wieder herstellen. Doch welche sollen dafür ausgewählt werden? Was sagen zum Beispiel auch die Anwohner? Im Irak haben sich die Bewohner zum Beispiel dafür entschieden, ihr zerstörte Stadt auf freiem Feld neu zu errichten. Für Aleppo schlägt Kay Kohlmeyer vor, auf jeden Fall die Altstadt wegen ihres hohen Symbolwertes detailgenau zu rekonstruieren. Auch andere, wichtige Gebäude sollten wieder dem Original entsprechend nachgebaut werden.

An der berühmten Aura des Originalobjektes kommen wir nicht herum, das ist die Materialität, bis hin zum Riechen des Objektes in seiner Umgebung.

Denkmale für die Erinnerung an den Bürgerkrieg, detailgenaue Rekonstruktion zerstörter historische Gebäude und der Wiederaufbau von Städten mit den alten Wohnstrukturen sind mögliche Vorhaben.

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Prof. Friederike Fless. Präsidentin des Deutschen Archäologischen Institutes

 

Wenn der Krieg vorbei ist, könnten aber auch ganz andere Pläne umgesetzt werden, bei denen historische Gebäude und Architektur kaum eine Rolle spielen: Investoren möchten ab liebsten alles planieren und ganz neu aufbauen. Die Präsidentin des Deutschen Archäologischen Institutes, Friederike Fless:

Dramatisch ist die Frage „Aleppo mit Stadtstruktur und Zitadelle“ oder „mit Hochhäusern“. Die Baufirmen aus den umliegenden Ländern stehen teilweise in den Startlöchern, das wissen wir alles. Aber wenn man wirklich ein klares Konzept hat und das in der Welt ist und man die politischen Möglichkeiten hat, dass das auch verhandelt wird, hat man einen gewissen Einfluss, zumindest sollten wir den nicht verspielen. Das schlimmste wäre, wenn man gar kein Konzept hat.