US-Studie ergab: Stenographen im Gerichtssaal verstehen schwarzen Dialekt nicht richtig. Bei einem Hörversuch wurde knapp die Hälfte der Aussagen ins Gegenteil verkehrt.

Bei vielen volkstümlichen Dialekten ist es mit Logik nicht weit her:  Ein doppeltes „nein“ ist nicht unbedingt ein „ja“, sondern oft eine Verstärkung. Oder auch die übliche Weise, ein „nein“ auszudrücken.  „Dat will ik för keen Geld nich“  – das will ich für kein Geld nicht“, heißt es im Plattdeutschen (wikipedia) zum Beispiel.  „Nie nicht“ werde ich das tun, heißt logisch gesehen, ich werde es tun. Doch tatsächlich bedeutet es, auf keinen Fall werde ich das tun.

Ein anderes Beispiel: Das Verneinungswort ist eine Kurzfassung, „no“ steht nicht für „nein“, sondern für „do not“.

Das gängigste Beispiel eines popkulturellen Missverständnisses ist der Bob Marley-Song „No woman no cry“, von adoleszierenden deutschen Jugendlichen nach dem ersten Liebeskummer gerne verstanden, dass es ohne Frauen doch besser sei. Dabei lautet die Übersetzung in die Standardsprache „Woman, do not cry“; es ist also eine Aufforderung an die Frau in dem Lied, sich nicht zu sorgen. Das zweimalige „no“ bezieht sich nicht auf die Existenz der Frau, sondern auf ihren Gemütszustand.

Eklatant ist es, wenn solche Missverständnisse, die sich aus dem Unterschied von informeller Sprache oder auch Creole-Dialekten mit der Standardsprache ergeben, in formalen Umgebungen eine Rolle spielen. Zum Beispiel in einem Gerichtsverfahren, wenn Aussagen als Zeuge oder Angeklagter richtig aufgeschrieben und bewertet werden sollten.

In einer multiethnischen Gesellschaft, so könnte man meinen, wissen alle Beteiligten um die verschiedenen Sprachvarianten und ihre Anwendung. Eine Studie mit Gerichtsprotokollanten in den USA ergab allerdings das Gegenteil: Die Hälfte aller Beispielsätze wurde von den Stenographen ins genaue Gegenteil ihrer Aussage umgewandelt.

Die Soziologin Taylor Jones hat dazu Verständnistests mit Stenographen aus Gerichten in Philadelphia durchgeführt,  und zusammen mit Jessica Kalbfell, Ryan Hancock und Robin Clark ein „paper“ verfasst, das demnächst in der Zeitschrift Language veröffentlicht wird. Die Ergebnisse sind alarmierend: Eigentlich müssen zugelassene Gerichtsstenographen 95 Prozent des Gehörten richtig transkribieren. Wenn es um African American English geht, sinkt die Qualität frappierend: Lediglich 59,5 Prozent der Sätze sind richtig; einzelne Wörter werden zu 82,9 Prozent richtig erfasste. Auch das ist immer noch deutlich unter der geforderten Quote. Zu 77 Prozent konnten die Stenographen in ihren eigenen Worten nicht richtig zusammenfassen, was sie gerade gehört haben. Und bei knapp einem Drittel der transkribierten Sätze war das „wer“, „was“, „wann“ oder „wo“ der Aussagen falsch – gerade in einem Gerichtsverfahren kann das durchaus fatale Folgen haben.  

Die Missverständnisse beruhten dabei überwiegend auf mangelhafter Kenntnis des „AAE“, des „African American English“, deren Sprecher nicht willkürlich vom Standardenglisch abweichend formulieren, sondern aufgrund fester Regeln, wie Taylor Jones darlegt.  Dabei spielt auch, aber nicht nur, die Verneinung eine Rolle: „Don’t nobody ever said nothing to him“ bedeutet dann „nobody ever says anything to them“ – niemand hat ihm etwas gesagt. Und auch Verstärkungen, die im Standardenglisch mit zusätzlichen Zeitbezügen ausgedrückt werden: „I been did my homework“ wäre dann „I completed my homework a long time ago“.

Taylor Jones hat hier eine Liste aufgestellt mit den Beispielsätzen, die sie den Stenographen hat vorlesen lassen:

Die Laborbedingungen waren in den Interviews der Wissenschaftlerin besser als im Gerichtssaal, da die Sprecher in den Tonaufnahmen deutlicher zu verstehen waren und es auch weniger Ablenkung gab. Bei echten Gerichtsverfahren dürfte die Fehlerquote daher noch höher sein – und damit auch die Gefahr falscher juristischer Einschätzungen und Fehlurteile. 

Taylor Jones mahnt daher, dass die Chancen auf ein verfassungsmäßiges „fair trial“, ein ordentliches Gerichtsverfahren, für Sprecher von Nichtstandard-Englisch eingeschränkt sind. Sie will, ebenso wie auch andere Linguisten, mit ihren Forschungen über AAE, das „African American English“, darlegen, dass dies kein schlechtes Englisch ist, sondern über eigene Regeln verfügt. Für Stenographen und für andere „Nicht-Muttersprachler“ des Dialektes hat sie zudem ein Traininungsmodul entwickelt, das in diese Regeln einführt.

 

 

 

In der Radiosendung Radio Times des Senders WHHY in Philadelphia diskutiert Taylor Jones die Ergebnisse ihrer Studie mit einer Gerichtsreporterin und einer Jura-Professorin. Auch CBC Radio hat über das Thema berichtet.