Manager mit Fistelstimme, Ärzte mit Angst vor Patientengesprächen und Professoren, die ihre Studenten mit monotonen Vorträgen zum Einschlafen bringen: Sie alle müssen viel reden, haben es aber nie richtig gelernt. Einige von ihnen wagen den Gang zur Stimmtherapeutin. Sprechen möchten sie darüber aber nur ungern.

Norbert Denk* ist ein Hüne von einem Mann, knapp zwei Meter groß. Vor einiger Zeit ist er zum Abteilungsleiter aufgestiegen, seitdem muss er jeden Tag Präsentationen halten. Er merkte schnell, dass dabei etwas nicht stimmte. Hinter seinem Rücken wurde getuschelt, die Kollegen blickten ihn verstört an, wenn er referierte. Das ging etliche Wochen gut, dann wurde er zum Chef bestellt. Es gebe Beschwerden. Seine Stimme sei zu dünn, er selbst dadurch nicht ernst zu nehmen. Darunter leide das Betriebsklima, keiner nehme ihn für voll. Der Zwei-Meter-Mann schluckte. Doch dem Chef war es ernst. Schließlich machte Denk einen Termin bei einer Stimmtrainerin – heimlich, keiner der Kollegen sollte Wind davon bekommen.

So weit ließ es Sophie Franck* erst gar nicht kommen. Nach ihrem Uni-Abschluss als Sozialwissenschaftlerin trat sie eine prestigeträchtige Stelle an. Der Haken an der Sache: Sie muss Vorträge halten, bei Diskussionen auf dem Podium sitzen, ihre Position vertreten. Im Publikum sitzen honorige Menschen aus halb Europa mit zumeist viel längerer Berufserfahrung und weitaus mehr Einfluss als sie selbst. Franck wusste von Anfang an, dass sie das nicht konnte. Sie war unsicher, ließ sich leicht aus dem Konzept bringen. “Ich hatte aber keine Lust, mir die nächsten Jahre immer neue Vermeidungsstrategien auszudenken“, sagt sie. Stattdessen ging sie in die Offensive: Sie übte mit einer Logopädin Sprechen, schulte ihre Stimme, verbessterte ihre Rhetorik. Das wissen allerdings nur ihre engsten Freunde. Offen reden will sie darüber nicht, vor allem nicht mit den Kollegen. Sie fürchtet, dass sie sich angreifbar macht.

„Vielen Managern ist es gar nicht bewusst, dass ihre Stimme genauso zu ihrem Handwerkszeug gehört wie eine betriebswirtschaftliche Formel.“

Solche Heimlichtuereien kommen häufig vor, wenn es um Sprechtherapien geht. „Stimme ist etwas sehr Privates“, sagt die Kölner Sprechtrainerin Antje Weiss. „Von Defiziten in der Stimme wird leicht auf vermeintliche Mängel im Charakter geschlossen.“ Oder auf ein vermeintlich schlechtes Fachwissen. Weiss trainiert Radiomoderatoren und Fernsehsprecher. Für sie gehört eine Stimmschulung zur Ausbildung. Bei anderen Berufen ist das nicht so, selbst wenn Sprechen eine wichtige Rolle im Arbeitsalltag spielt, zum Beispiel bei Wirtschaftswissenschaftlern, Juristen oder auch Politologen.

„Vielen Managern ist es gar nicht bewusst, dass ihre Stimme genauso zu ihrem Handwerkszeug gehört wie eine betriebswirtschaftliche Formel“, sagte Christine Kugler. Sie ist Stimm- und Sprechtrainerin in Berlin und bringt Menschen wie dem Manager mit der Fistelstimme bei, wie dieses Werkzeug trainiert werden kann. Das ist nicht immer einfach, denn für Entscheider muss es zackig gehen. „Manager wollen gerne einen Zehn-Punkte-Plan“, sagt Kugler. Sie wollen rasche Erfolge und dann wieder zurück zur Arbeit. Doch so schnell funktioniert es nur selten. Etliche Sitzungen, viele Übungen, einige Wochen Training – das ist das Mindeste.

Ein gängiger Fehler bei Vorträgen: Der Redner betont zu viele Worte im Satz – und der Zuhörer weiß nicht mehr, was wichtig ist und was nicht. Oder der Vortragende leiert den Text herunter und wirkt dadurch monoton. Manch einer meint auch, besonders akkurat sprechen zu müssen, und wirkt dadurch eher unnatürlich als überzeugend. Und dann sind da noch Menschen, die wie Theo Lingen oder Frosch Kermit sprechen, meist nicht, weil sie es nicht anders können, sondern weil sie verspannt, unsicher und aufgeregt sind. „Wichtig ist, bereit zu sein, sich seiner Stimme bewusst zu werden und zu wissen, in welcher Situation man was sagen will“, sagt Kugler.

 „In Stresssituationen neigen Menschen dazu, höher zu sprechen.“

Bei einigen Sprechschülern fängt die Expertin bei den Grundlagen an: „Es gibt Klienten, denen ich erst einmal ein Gefühl für Laute vermitteln muss.“ Dass ein „n“ anders geformt wird als ein „ng“. Oder dass es unterschiedliche Stimmlagen gibt. „In Stresssituationen neigen Menschen dazu, höher zu sprechen“, sagt Kugler. „Das klingt vor allem bei Frauen mit sowieso schon hoher Stimme eher unsouverän.“ Wer Chef ist, sollte das vermeiden – nicht nur, weil es die Autorität untergräbt, sondern weil es anstrengend ist. Das hat auch Haldor Jochim gemerkt. Mit seiner Autorität hatte der Aachener Professor kein Problem, eher mit Gesprächssituationen mit vielen Leuten.“Ich habe dann höher geredet, um Aufmerksamkeit zu erzielen“, sagt er. „Doch das war anstrengend.“ Jetzt redet er in einer ihm passenden Tonlage und wird durchs Sprechen nicht so schnell müde.

„Ich habe vor allem gelernt, langsamer, betonter und überlegter zu sprechen“, sagt auch der Jurist Michael Irion. Er arbeitet als Rechtsbeistand bei einem Berufsverband und hatte zunächst ein medizinisches Problem: Schmerzen, Schluckbeschwerden, Entzündungen der Stimmritzen. Die behandelte sein HNO-Arzt mit Antibiotika und empfahl die Behandlung bei einer Logopädin, damit Irion Dauertelefonate und Diskussionen entspannter angeht.

„Wie wirkt meine Stimme, wie ändert sich die Reaktion bei den Zuhörern, wenn ich Worte anders betone?“ — das wollte auch Joachim Schäfer herausfinden. Der Vertriebsfachmann arbeitet in der Automobilbranche. Anfangs kam sich mit den vorbereitenden Lockerungsübungen für Kiefer und Gaumen albern vor, mittlerweile weiß er sie zu schätzen. Sich vor wichtigen Präsentationen und Gesprächen zu sammeln, durchzuatmen, die Gesichtsmuskulatur zu entspannen ist für ihn mittlerweile Routine. Seinen Akzent versteckt der gebürtige Badener dabei nicht. „Dialekte sind nur schlimm, wenn sie das Sprechen unverständlich machen; ansonsten vermitteln sie in vielen Situationen Glaubwürdigkeit und Authentizität.“ Während Christine Kugler das sagt, schwäbelt sie leicht. Sehr leicht.

Doch die Logopädin kann auch Hochdeutsch sprechen – im Gegensatz zu einem Wirtschaftsmann aus Bayern, der einst in ihrer Praxis vorsprach. „Er zeigte überhaupt keine Bereitschaft, sich auf seine eigene Stimme einzulassen“, erinnert sich Kugler. Dass er sich Mühe geben sollte, damit er auch im Rest der Republik verstanden wird, sah er nicht ein – auch, wenn sein Chef das gerne gehabt hätte. Nach zwei Sitzungen suchte der Bayer das Weite.

Norbert Denk, der Hüne mit der Fistelstimme, hat mittlerweile dazugelernt. Aber längst nicht so schnell, wie er dachte. Nach 30 Stunden Einzeltraining merkt er langsam, worauf es ankommt, sagt seine Sprechtrainerin.