Für Stefan scheint die neue Regelung ideal: Der Lehramtsstudent hat zwar schon gut zwei Dutzend Semester auf dem Buckel, doch ganz ohne schlechtes Gewissen. Studium ist für ihn nicht Lebens-Mittelpunkt — eine Familie wurde gegründet, die feste Stelle in einer Sprachenschule sichert das regelmäßige Einkommen. Erstmals bot die Freie Universität nicht nur ihm in diesem Wintersemester die Möglichkeit, sich als „Teilzeitstudent“ zurückzumelden, allerdings nur in nicht zulassungsbeschränkten Fächern. Nur hundert Studenten machten davon Gebrauch. Ähnlich auch an der Technischen Universität (TU) Berlin, die seit drei Jahren ein Teilzeitstudlum vorsieht.

Dabei gibt es in Wirklichkeit weitaus mehr „Teilzeitstudenten“. Nach Untersuchungen des in Hannover angesiedelten Hochschulinformations-Systems (HIS) geht rund ein Viertel ailer Studierenden mindestens 15 Stunden Inder Woche einer beruflichen Tätigkeit nach. Rund 14 Prozent studieren höchstens 25 Stunden wöchentlich. Nach Ansicht von HIS-Projektleiter Michael Lesczensky geht denn auch die offizielle Sichtweise „von der Fiktion des Vollzeitstudierenden“ an der Realität des Universitätsalltages vorbei. Offensichtlich sind aber die Vorteile des „offizielien“ Teilzeitstudenten-Status nicht attraktiv genug. Einzige Foige: Die Fachsemesterzahl wird halbiert, was bei einer Bewerbung nützlich sein könnte.

Zum Sommersemester 1995 sollen nach dem Willen des Gesetzgebers die Berliner Hochschulen die Studiengänge so organisieren, „daß ein Teiizeltstudium neben einer beruflichen Tätigkeit möglich wird“. Bei der derzeitigen Haushaltsiage sei dies aber „nicht möglich“, befürchtet Alfred Heilhecker, beim TU-Präsidialamt zuständig für Lehre und Studium. Zusätzliches Personal für Abendseminare könne nicht eingestellt werden. Gerade in Studiengängen mit aufeinander aufbauenden Vorlesungen und Praktika müsse auf die richtige Reihenfolge und ein ausreichendes Angebot geachtet werden — zusätzliche Schwierlgkeiten, denen auch die FU aus dem Weg gehen möchte. Sie wird keine eigene Teilzeitstudienordnungen einführen.

Trotz der Gesetzesvorgaben meint Wolfgang Röcke, Referatsleiter an der Freien Universitat: „Die geringen Zahlen rechtfertigen nicht, ein eigenes Angebot zu machen.“ Gerade bei geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern gebe es jetzt schon so viele Angebote, daß auch ein Teilzeltstudierender genügend finden könne. Die Humboldt-Universität will zumindest ihre Satzung im Laufe des Wintersemesters ändern.

[Stand: November 1994]