telephone FM – Exil-Radio aus Berlin für den Irak

„KW“ steht auf den Fahnen, die an dem frisch renovierten Gebäude im Berliner Bezirk Mitte wehen. „KW“ für Kunstwerke. Die gibt es dort schon im Innenhof: Dutzende drei, vier Meter hohe Kübelpflanzen, angeordnet auf engem Raum, ein Holzweg, der sich beinahe wie ein Bootssteg durch das für eine Urwald zu ordentliche Grün schlängelt, bis dorthin, wo es Kaffee und Kuchen gibt. Und ab und zu Musik.

Wenn Gäste geladen sind. Die kommen zum Sehen und zum Hören, gehen aus dem Hinterhof den Seitenaufgang hinein, treffen auf jeder Etage die Ton-Video-Installation eines anderen Künstlers. Ganz oben, im vierten Stockwerk, direkt unter dem Dach, ein aus Brettern, schmalen Vierkanthölzern und Styropor zurechtgezimmerter Kasten – das Studio von Telephone FM. Seit die auf Sendung sind, muß der Videokünstler nebenan seine Aufführungen drosseln. Zumindest für 90 Minuten am Tag. Solange dauert das Programm. Und schallgedämmt ist das improvisierte Dachgeschoß-Studio nicht. ARD-Toningenieure wären entsetzt – öffentlich-rechtliche Techniknormen werden grob mißachtet. Es funktioniert dennoch.

In Bagdad leben viele junge Leute, die sich mit ihren Interessen und Vorlieben kaum von ihren Altersgenossen in anderen Großstädten unterscheiden.

Telephone FM ist ein Experiment. Medienkunst, Journalismus, Enwicklungshilfe – irgendwo verschwimmen bei dem Projekt die Grenzen. Das liegt an den beiden Initiatoren: Klaas Glenewinkel und Anja Wollenberg. Seit Jahren verdienen die beiden ihr Geld mit Internet-, Kultur- und Medienprojekten.

Seit vorigem Jahr interessiert sich Glenewinkel auch für Bagad. Damals besuchte er dort einen befreundeten Journalisten. Mit ihm zog er durch die Stadt und merkte schnell: In Bagdad leben viele junge Leute, die sich mit ihren Interessen und Vorlieben kaum von ihren Altersgenossen in anderen Großstädten unterscheiden. Seitdem ist Glenewinkel mehrfach in der irakischen Hauptstadt gewesen. „Die Stimmung ist ähnlich wie im Berlin nach dem Mauerfall“, sagt er. Denn neben den in deutschen Medien überwiegend vermittelten Nachrichten von Attentaten, Razzien, Folter und politischen Ungewissheiten gibt es in Bagdad das ganz normale Leben.Glenewinkel fand Menschen in Aufbruchstimmung, junge Menschen, die noch viel vorhaben, die beruflich und sozial auftsteigen wollen. Und die westlich Musik absolut cool finden.

Für sie wollen Glenewinkel und seine mittlerweile zwölf Mitstreiter Radio machen – „Community Radio“, eine Art anspruchsvoller Offener Kanal, bei dem möglichst viele Hörer am Program beteiligt werden sollen. „Radio machen in Bagdad derzeit überwiegend nur politische und religösen Gruppierungen mit ihren jeweiligen Werbebotschaften und die Alliierten“, sagt Glenewinkel. Mit denen sollte sein Projekt nicht in Zusammenhang gebracht werden. Er hörte sich bei den kommerziellen, aber religiös oder politisch ungebundenen Radios in der Stadt um – nach einem möglichen Sendeplatz und nach geeigneten Moderatoren. Mit dem Konzept ging Glenewinkel bei möglichen Geldgebern tingeln. Amerikaner, Vereinte Nationen, Murdoch und Co. – alle winkten ab. Oder reagierten gar nicht auf die Anfrage des Deutschen. Dann kam ihm die entscheidende Idee. Beim Auswärtigen Amt ließ es sich mit dem Referat für die islamischen Länder verbinden, und rannte dort offene Türen ein.

Die Diplomaten hatten nur eine Bedingung: Bagdad ist zu gefährlich. Von dort dürfe nicht gesendet werden. Internet-Fachmann Glenewinkel präsentierte eine Alternative: Mit dem Partnersender „Hot FM“, einem in Bagdad beliebten Musiksender, wurde ein Abkommen getroffen: Per Live-Stream wird die 90-Minuten -Sendung übers Internet von Berlin nach Bagdad geschickt und von dort über Antenne gesendet.

Ihre Vornamen verraten sie, mehr aber nicht. Interviews geben sie auch keine. Zuviel Angst haben sie vor Hardlinern in ihrer Heimat, die den pluralistischen Ansatz des Programms möglicherweise auch mit Gewalt verhindern könnten.

Hiba (23), Ahmed (26) und Nawar (27) heißen die Moderatoren, die nun in Berlin sind. Aus 20 Bewerbern wurden sie ausgewählt. Ihre Vornamen verraten sie, mehr aber nicht. Interviews geben sie auch keine. Zuviel Angst haben sie vor Hardlinern in ihrer Heimat, die den pluralistischen Ansatz des Programms möglicherweise auch mit Gewalt verhindern könnten. Und vor der Berichterstattung in deutschen Medien, wo Zitate plötzlich eine eigene Wahrheit bekommen; eine Wahrheit, die in der Heimat möglicherweise anders gedeutet wird und auch zur Gefahr für die Familie daheim werden kann.

„Von politischem Journalismus haben die drei Irakis wenig Ahnung, aber sie sind sie absolut professionell als Moderatoren, Produzenten und Techniker“, sagt Klaas Glenewinkel. Dawod (29), der vierte Iraki im Team, ist der Kontakmann in Bagdad, sorgt für Live-Interviewpartner, die sich mit dem Handy live in die Berliner Sendezentrale einwählen. „Das kostet keine 50 Cent die Minute“, sagt Glenewinkel. Oder sie telefonieren übers Internet. Interviewpartner zu bekommen, ist kein Problem. Vor einem Jahr machte Glenewinkel irakische Radiojournalisten mit dem Projekt bekannt, als er dort zum Moderatoren-Casting aufrief. „Seitdem ist Telephone-FM über Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt geworden“, sagt Glenewinkel. Dawod, der Mitarbeiter in Bagdad, habe mittlerweile keine Probleme, junge Irakis für ein Live-Gespräch ans Telefon zu bekommen.

Die Themen, über die geredet wird? Musik, Filme, Hoffnungen, Träume. Ganz privat ist alles, keine Diskussionen über die Alliierten zum Beispiel. Religion, Sex, Politik sind grundsätzlich tabu. „Wir sind kein Ami-Hass-Sender und kein Kriegsopfer-Sender“, sagt Glenewinkel. „Wir wollen pluralistische, aufgeschlossene und moderne Lebensentwürfe vermitteln.“ Ein Spagat. Denn wo hört der private Lebensentwurf auf, wo fängt die Gesellschaft an?

Sechs Wochen hat Telephone FM jetzt erst einmal Zeit, das zu testen, in den Räumen der Berliner Kunstwerke. Dann sind die 83 000 Euro vom Auswärtigen Amt aufgebraucht. Was danach passiert, ist ungewiss. Vielleicht bedeutet das „KW“ der Kunstwerke für Telephone FM dann wie im Behördendeutsch „kann wegfallen“. Vielleicht steht das Programm auch in Bagdad wieder auf. Wenn die Sicherheitslage es zulässt.