Sie kommen frisch von der Schule, voller Enthusiasmus für ihre Aufgabe: Junge Menschen, die ein freiwilliges soziales Jahr in einer Pflegeeinrichtung, einem Seniorenheim oder in einem Krankenhaus absolvieren. Und dann sehen sie dort Menschen sterben, Menschen, trauern. Erlebnisse, die die jungen Freiwilligen möglicherweise vorher nie gehabt haben. In Seminaren der Diakonie in Berlin hilft ihnen ein Gemeindepädagoge, damit umzugehen – Tod, Sterben und Trauer.

„Bei meiner ersten Leiche sozusagen war das auch so, dass die Kollegen gesagt haben, du musst jetzt nicht, wenn dir nicht gut ist oder so. Die meinten auch, du kannst noch zehn Minuten alleine drin bleiben, wenn du dich von der Bewohnerin verabschieden willst, weil es die erste Leiche war, die ich in meinem Leben gesehen hab.“

Für die 19jährige Nicole war es kein Tag wie jeder andere: Sie arbeitet in einem Berliner Pflegeheim, macht dort ein Freiwilliges Soziales Jahr. Als eine Mitbewohnerin stirbt, kommt es für sie zwar nicht ganz unerwartet. Dennoch kann sie nicht sofort zur Tagesordnung übergehen.

Das beschäftigt ja einen schon. Wenn an dem Tag ein Bewohner gestorben ist, dann geht man ja nicht nach Hause und sagt, ist ja egal. Also, ich zum Beispiel habe mit meinen Eltern darüber geredet, mit Freunden.

Miteinander reden – das ist auch Seminarleiter Tim Schmidt wichtig. Der 44jährige hat einige Semester Medizin studiert, dann Theologie und ist jetzt Gemeindepädagoge in Berlin. Er ist auch Notfallseelsorger. Er hilft Menschen, über den plötzlichen Unfalltod eines Angehörigen hinweg zu kommen. Und er hilft bei seinen Trauer- und Sterbeseminaren, den Teilnehmern eines Freiwilligen Sozialen Jahres über ihre Gefühle und Erlebnisse zu reden. Es sind junge Menschen, so 19 oder 20 Jahre alt, manche auch erst 17. Der Tod ist für sie weit weg – meistens jedenfalls.

Dieses Thema hat ja immer ist ja ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist das ja was Faszinierendes, weil es ja auch eben sehr tabuisiert wird. Wir fangen an mit einem persönlichen Einstieg. Haben junge Menschen das schon mal erlebt, das jemand verstorben ist, dass ein Freund, eine Freundin verstorben ist. Ham die überhaupt schon mal jemanden gesehen, der verstorben ist? Haben die überhaupt schon mal jemanden angefasst?

Und dann erzählen die Freiwilligen, ein Dutzend sind es, ein geschützter Kreis, der bereits an anderen Seminartagen zusammen war. Zum Beispiel Vivian; sie arbeitet in einem Pflegeheim.

Man kennt sich in der Runde schon ein bisschen besser, weil man so ’ne Woche bereits herumgehangen hat. Aber privat würde ich jetzt nur den Leuten erzählen, die ich ein bisschen kenne, bei fremden Leuten nicht so wirklich.

Zwei Themen sind Tim Schmidt besonders wichtig; dazu schreibt er auch Stichpunkte auf weiße Plakate, wirft Bilder mit dem Beamer an die Wand: Wie sollten die Freiwilligen mit Sterbenden umgehen, wie mit Trauer – der eigenen, und der anderer, zum Beispiel von Angehörigen der Heimbewohner.

Es geht ja nicht nur darum, Freiwllige auf ihren Dienst vorzubereiten. es ist ja auch ein Lebensthema. weil wir ja immer wieder trauern. Wir trauern ja auch, wenn wir umziehen, wenn eine neue Lebensphase beginnt. Bei den Freiwilligen ist die Schule zuende jetzt. Das Freiwillige Soziale Jahr und… wenn man umzieht, wenn man die Arbeitsstelle wechselt, das sind alles so Dinge, wo man sich verabschieden muss. Und das Wissen darum, das es normal ist zu trauern, es ist gut zu trauern, die Tränen fliessen zu lassen und es nicht einfach wegzudrängen. Das trägt einfach zu einer körperlichen und seelischen Gesundheit bei.

Schmidt redet über die verschiedenen Phasen am Ende des Lebens, redet darüber, das Menschen den Tod verdrängen, wütend sind, sich vielleicht noch ein paar Tag oder Wochen aufraffen, um noch ein Fest, ein bestimmtes Ereignis zu erleben, wie sie letzte Dinge regeln, Abschied nehmen von Freunden und Verwandten. Und er redet auch darüber, wie die Freiwilligen helfen können.

Es geht einfach nur darum, dass zu wissen, zum Beispiel zu wissen, das Sterbende auch irgendwann in eine gewaltige Wut hineinkommen und mit dieser Wut auch zu rechnen ist, das nicht persönlich zu nehmen, wenn man diese Wut abbekommt.

Ich denke, dass man Menschen in dieser letzten Lebensphase auch einfach Gutes tun kann, ist da zu sein und zuzuhören, auszuhalten und ein Stück weit mitzutragen, was die auch zu tragen haben. Und dazu gehört natürlich auch, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Das ist ja auch ein wichtiger Punkt. Ich kann dem nur begegnen, wenn ich weiß, ich bin selbst ein sterblicher Mensch.

Ab und an wird der Seminarplan schon mal über den Haufen geworfen, zum Beispiel, wenn jemand besonders mitgenommen ist und Gedanken und Gefühle loswerden will.

Manchmal nimmt auch die Diskussion über Sterbehilfe eine ganze andere Form an. Dann wird lange diskutiert. 

Nicole: Wenn jemand dokumentiert, mit klarem Kopf: „Ich will nicht mehr leben, aber ich kann’s nicht selber machen, bitte machen Sie’s“, also ich würd’s machen, muss ich ehrlich sagen.

Seminarleiter: Wie ist das mit dem Gefühl zu leben, ich habe einem Menschen das Leben genommen?

Nicole: Das ist natürlich nicht so gut.

In der Pause geht’s weiter mit den Diskussionen, beim Teetrinken in der Küche oder auf dem Balkon, in der Raucherecke. Da wird zum Beispiel darüber geredet, wie die Gesellschaft mit alten Menschen umgeht.

Der Punkt ist für mich eher die Frage, in wie weit wird der Wille beeinflußt durch ökonomische Diskussionen, also über Kosten, über Pflegequalität. Also müssen wir nicht eher Pflegequalität diskutieren als über aktive Sterbehilfe?

Bei unserem Staat, ein Mensch, der nicht mehr arbeitet, der liegt dann wirklich dem Staat auf der Tasche,

Jeder Mensch ist gleich viel wert, jeder Mensch hat ne Würde.

Auch nach dem Trauer-Seminar ist Tim Schmidt Ansprechpartner für die Freiwilligen. Er begleitet sie das ganze Jahr über, trifft sie immer mal wieder zu Seminaren. Und manche FSJler melden sich sogar viel später noch mal bei ihm.

Da geh’s dann meistens um persönliche Trauererfahrung und persönliche Verlusterfahrung. Das sind dann auch wirklich, ja so ungesunde Verdrängungsprozesse, die dann wieder aufbrechen. Das ist ja mit der Trauer das Fatale, dass die meisten Leute denken, wenn wir’s in die Ecke schieben, dann wird’s irgendwann mal gut. Aber die Trauer ist dann wie ’ne streunende Katze. Die kommt dann immer wieder, und dann muss man die mal auf den Schoß nehmen und streicheln.