Das Vorstellungsgespräch begann mit einem Spießrutenlauf: Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes sollte die Bewerberin ihren Mantel aufhangen, obwohl an der Garderobe direkt neben dem Eingang noch einige Haken frei waren. Wie auf dem Präsentierteller ging die Frau langsam, ein Bein nachziehend, an dem Tisch vorbei, hinter dem die Professoren und Institutsmitarbeiter von der Einstellungskommission saßen.

Die Schikane mit dem Mantel schien Absicht zu sein, die Kommission machte den Behindertentest: Auf dem Bewerbungsbogen war die Frage „Sind Sie schwerbehindert, mit einem ,ja “ beantwortet worden, und die Einsteller wollten mehr wissen. „Heute würde ich dazwischengehen, mit einer Bemerkung versuchen, die Situation zu entkrampfen“, sagt Thessi Aselmaier. Damals hatte sie ihr Amt als Vertrauensfrau für die Schwerbehinderten im Bereich Dahlem der Freien Universität (FU) Berlin gerade neu, war zu verblüfft und verargert, um etwas zu sagen.

 Bewerber geben lediglich an, ob sie schwerbehindert sind, weitere Nachfragen sind tabu.

Dabei sind die gesetzlichen Regelungen für die Einstellung und den Arbeitsablauf eigentlich klar: Bewerber geben lediglich an, ob sie schwerbehindert sind, weitere Nachfragen sind tabu.

Ob Unsicherheit, Unwissenheit oder böse Absicht, nach den Erfahrungen vieler Vertrauensleute hält sich nicht jeder an diese Vorschriften. Viele Vorgesetzte befinden sich in einer Zwickmühle, glauben sie doch häufig, triftige Gründe für ihre Fragen und Bedenken zu haben. Je nach Art und Schwere der Behinderung müssen technische Hilfsmittel und eine Hllfskraft bereitgestellt werden, die zwar von der beim Landesversorgungsamt angesiedelten Hauptfürsorgestelle und vom Arbeitsamt bezahlt werden. Der Arbeitsplatz muß jedoch irgendwo in die Struktur der Hochschule eingefügt, internen Abläufen angepaßt, und möglicherweise müssen die Aufgaben umverteilt werden.

Gerade in der Gruppe der Beamten und Wissenschaftlichen Mitarbeiter klaffen Ist- und Soll-Werte dabei stark auseinander.

An der Freien Universität, so die aktuellste Statistik, sind rund 1 040 Schwerbehinderte beschäftigt, etwa SO zuwenig. Vorgeschrieben ist nämlich eine Schwerbehindertenquote von sechs Prozent der Beschäftigten. Die Technische Universität weist eine Schwerbehindertenquote von etwa fünf Prozent auf. Ausgleichsabgaben sind fällig — pro Person und Monat 200 Mark: Die FU mußte allein für das Jahr 1992 etwa 29 000 Mark zahlen. Gerade in der Gruppe der Beamten und Wissenschaffiichen Mitarbeiter klaffen Ist- und Soll-Werte dabei stark auseinander. Die meisten Schwerbehinderten sind in den Poststellen und als Pförtner beschäftigt — an der TU Berlin arbeitet rund ein Fünftel aller Schwerbehinderten in diesen Bereichen.

Nicht nur Rollstuhifahrer, Blinde und Gehbehinderte mit für den Außenstehenden sofort auffallenden Einschränkungen fallen unter das Schwerbehindertengesetz. Die gesetzliche Definition läßt weitaus mehr Raum. Eine Behinderung ist demnach „die Auswirkung einer nicht nur vorübergehenden Funktionsbeelnträchtigung, die auf einem regelwidrigen körperlichen, geistigen oder seelischen Zustand beruht“. Darunter fallen beispielsweise Alkoholiker, auch wenn sie trocken sind, Diabetiker, spätestens wenn Folgekrankheiten sich bemerkbar machen, und psychisch Kranke, die unter Depressionen oder Psychosen leiden und meist ihre Krankheit mit Tabletten im Griff haben. Oder beispielsweise auch Wirbelsäulenkranke. Voraussetzung ist allerdings die Anerkennung der Schwerbehinderung durch die Hauptfürsorgestelle. Mindestens 50 Prozent muß man behindert sein, um als „schwer“-behindert zu gelten und unter entsprechende Regelungen zu fallen.

Wenn beispielsweise Lohnfortzahlungen für den Arbeitgeber unzumutbar werden, können sie entlassen werden

„Manche behinderten Kollegen sträuben sich dagegen“, sagt Thessi Aselmaier. Im Konkurrenzkampf an der Uni möchten sie sich nicht noch eine zusätzliche Blöße geben. Denn Schwerbehinderte sind nicht unkündbar. Wenn beispielsweise Lohnfortzahlungen für den Arbeitgeber unzumutbar werden, können sie entlassen werden. Bei einer Entlassung oder — was eher vorkommt — vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand muß die Hauptfürsorgestelle lediglich angehört werden und kann Bedenken äußern.