West Windsor ist eine sehr reiche Gemeinde, 20 Autominuten südlich der Elite-Universität Princeton im US-Bundesstaat New Jersey gelegen. Auf einem Spielplatz passen Tagesmütter auf ihre Schützlinge auf, am Rande des Van Nest Parks, der an einen langgezogenen See grenzt. Am Ufer hat sich eine Studentin unter einen Pavillon gesetzt; sie liest ein Buch, macht sich Notizen. Die Oberfläche des See ist ruhig. Vielleicht dreihundert Meter entfernt wird das Wasser an einer Mauer gestaut, stürzt durch einen schmalen Durchlass in einen Graben, der unter einer Straße zu einer ehemaligen Mühle führt: Grovers Mill.

In Grovers Mill / New Jersey waren am 30 Oktober 1938 laut dem Hörspiel Krieg der Welten / War of the Worlds Marsmenschen gelandet. Auf dem Bild der im Hörspiel erwähnte „Barn“ / Schuppen, wo heute Wohnungen und eine Anwaltskanzlei sind.

Vor 80 Jahren wurde sie schlagartig berühmt, als Radio-Reporter Carl Phillips aufgeregt Dramatisches von diesem Ort berichtete: „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll“, sagt er ins Mikrofon. Ein Objekt habe sich in den Boden gebohrt, ein summendes Geräusch dringe aus dem Inneren. Im Radio sind Polizeisirenen zu hören; eine Explosion beendet die Übertragung aus Grovers Mill. Kurz darauf sagt ein Sprecher aus dem Studio, per Telefon habe man von 40 Toten erfahren. Es ist der Beginn einer Invasion, von dem in dem Hörspiel „Krieg der Welten“ die Rede ist, das Orson Welles und andere Schauspieler vom New Yorker Mercury Theater präsentierten. Doch das alles waren „fake news“.

Die Ruhe störten damals in der Nacht vor Halloween nur einige Bauern aus der Umgebung, beleuchteten Mühle und Park mit den Scheinwerfern ihrer Autos. Einige sollten Mistgabel dabei gehabt haben. Sie fanden allerdings nichts, gegen das sie sich wehren mußten.

Mittlerweile erinnert ein Gedenkstein an das Hörspiel vom Krieg der Welten. Orson Welles, der charismatische Erzähler, ist dort abgebildet, mehr als eine Millionen Zuhörer seien von dem Hörspiel hinters Licht geführt worden, steht dort. „Eine Übertreibung, aber die einzig verfügbare Einschätzung,“ sagt der Historiker A. Brad Schwartz, der 200 jahrzehntelang verschollene Briefe untersucht hat. Mit denen hatten sich Hörer direkt nach der Sendung und der darauffolgenden Berichterstattung an die Produzenten und an den Radiosender gewandt.

A Brad Schwartz ist Doktorand an der Princeton University. Er hat ein Buch geschrieben über das Radiohörspiel War of the Worlds und dabei 200 Briefe von Zuhörer ausgewertet. Hier steht an einem Denkmal in Grovers Mill / New Jersey, wo laut Hörspiel Marsmenschen gelandet waren. Abgebildet ist dort auch der Schauspieler Orson Welles.

Schwartz, der derzeit in Princeton an seiner Doktorarbeit schreibt, geht davon aus, dass viele Hörer für zumindest einige Minuten geglaubt hatten, es sei eine echte Begebenheit. Wie lange, das hing von dem Zeitpunkt ab, in dem die Hörer einschalteten. Hatten sie den Bezug zu Marsmenschen mitbekommen oder hatten sie nur gehört, es gehe um Invasoren mit Kriegsgeräten, bei dem viele eine Invasion aus Nazi-Deutschland vermuteten. Spätestens nach der „station break“ mit dem Hinweis auf das Theaterstück war alles klar. Schwatz habe in den Briefen keine Hinweise darauf gefunden, dass Menschen geflohen und sich Tage oder gar Wochen versteckt hielten – Berichte, die aber später in den Zeitungen standen.

Die Radiomacher hatten sich Mühe gegeben, das Hörspiel glaubwürdig wirken zu lassen, hatten die Reportage vom Absturz des Luftschiffes Hindenburg ebenso imitiert wie Berichte von der Entführung des Lindbergh-Babies und des Münchener Abkommens zwischen Hitler, Chamberlain und anderen Staatsmännern. Doch innere Zeitzusammenhänge hätten den Hörer stutzig machen können: Viel zu schnell war in dem Hörspiel zum Beispiel der Reporter von Princeton nach Grovers Mill gekommen, hatten dort Sendeverbindungen für eine Live-Reportage aufgebaut werden können.

Auf solche falschen inneren Logiken zu achten, sei damals und auch heute bei „Fake News“ immer noch der erste Schritt, sagt Schwartz, auch wenn die Darstellung zunächst glaubwürdig erscheine. Zeitungen griffen damals nach der Sendung falsche Gerüchte begierig auf und druckten sie auch wegen Personalknappheit, vor allem aber aus Verkaufsinteresse, ohne Gegenrecherche ab – das Pendant zum heutigen „clickbaiting“. Viele Leser glaubten dann offenbar, was viele Radiohörer gar nicht ernst genommen hatten. Auch heute lasse sich also aus der alten „Krieg der Welten“-Geschichte Umgangsweisen mit Medien lernen, sagt Schwartz und erkennen, was „fake“ und was seriöse Berichterstattung sei.

Die Universtiy of Michigan in Ann Arbor, wo die Hörerbriefe lagern, stellt deswegen gerade eine Unterrichtsserie mit dem Material zusammen, das A. Brad Schwartz aufbereitet hat, ohne direkten politischen Bezug, aber in Zeiten von „fake news“ und Journalistenbeschimpfungen durchaus aktuell.

Dass Grovers Mill, die alte Mühle, in dem Hörspiel als Schauplatz ausgewählt wurde, war übrigens ein Zufall: Der Drehbuchautor soll eine Landkarte genommen, sie auf den Boden gelegt und einen Beistift fallen lassen haben. Dessen Spitze kam dort auf, wo der Name der Mühle stand: Grovers Mill.

A. Brad Schwartz hat in der New York Times etwas zu diesem Thema geschrieben.

Mit Brad habe ich in dem Park auch ein kleines Video aufgenommen: 

Den Audio-Podcast mit einem langen Gespräch mit A. Brad Schwartz gibt es hier zu hören.

(Grovers Mill wird im Original mal mit Apostroph, mal ohne geschrieben. Ich habe mich an die Version ohne Apostroph gehalten.)