Zurück ins Leben: Stationäre Therapie für Trauma-Opfer

Ein Autounfall, eine Naturkatastrophe, ein Kriegserlebnis, aber auch sexueller Missbrauch in der Kindheit können die Ursachen für langjährige Beeinträchtigungen der Psyche sein. Für besonders schwere Fälle hat nun die Berliner Charité ein dreimonatiges stationäres Programm entwickelt.

 

„Ich mach hier jetzt Traumatherapie, weil ich im Alter von sieben Jahren sexuell missbraucht wurde.“

Die junge Frau spricht mittlerweile vergleichsweise gelassen über das schlimme Ereignis aus ihrer Kindheit. Doch jahrelang hatte sie unter den Folgen zu leiden.

„Das sind Ängste in Bereichen mit vielen Menschen, das sind Ängste, bestimmten männlichen Personen gegenüber. Die Symptome haben sich immer weiter ausgeweitet, dass man auch die Wohnung nicht mehr verlassen hat, und nicht mehr einkaufen gegangen ist, das musste alles von anderen Leuten übernommen werden, von Bekannten.“

Die junge Frau ist ein typisches Beispiel für die Patienten, die sich an die Psychologen der Berliner Charité wenden: Immer wieder wurde sie an den sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit erinnert; das Ereignis beeinträchtigte alles. Das Erlebte war zu mächtig, um es einfach „Abzuhaken“, es Abzuspeichern als Teil der eigenen Biografie. So solle es eigentlich sein. Oberarzt Stefan Räpke:

„Das ist ja ne Störung, ne Erkrankung, dass Gedächtnisinhalte in einer Form verarbeitet werden, wie wir normalerweise Gedächtnisinhalte verarbeiten sprich in unseren Lebenslauf integrieren, sondern, das sind Gedächtnisinhalte, die sich immer weiter aufdrängen. Im Prinzip arbeiten wir an den Symptomen des immer wieder neu aufdrängenden Auftreten des Gedächtnisinhaltes.“

Das Ziel ist, wieder Herr der eigenen Erinnerung zu werden. Doch dafür müssen die Patienten erst einmal fit gemacht werden. Sonst würden sie die vielen Gespräche mit Psychologen und Betreuern zu sehr belasten. Vor der eigentlichen Trauma-Therapie geht es deswegen erst einmal darum, den Patienten eine Art Handwerkszeug zu vermitteln, um extreme Anspannungen zu bewältigen.

„Wir vermitteln dann Fertigkeiten, das kann sein ein Eisbad, das kann sein kaltes Duschen, Treppensteigen. Wir gucken, dass die Patienten mit sehr starken Suizidgedanken umgehen können und wir gucken auch, wie sie schwere dissoziative Zustände verhindern können, dass sie zum Beispiel Ammoniak riechen, das sie eine Runde um den Block gehen, um diese schweren dissoziativen Zustände zu verhindern.“

Dissoziative Zustände“ entstehen bei starker Anspannung, in denen die Traumapatienten ihren Bezug zur Wirklichkeit vollständig verlieren. Das kann über Stunden gehen, an die sie sich später nicht mehr erinnern können, in denen sie nicht ansprachefähig waren, und in ihrer eigenen Welt lebten. Haben die Patienten gelernt, damit umzugehen, kommt die eigentliche Behandlung, bei der sie aufgefordert werden, das Trauma-Erlebnisse ausführlich zu schildern.

„Dann hat man zweimal die Woche halt Einzelgespräche, die dann mindestens eine Stunde gehen, wo man sein traumatisches Ereignis dann auch wirklich im Detail auch wiedergibt, also wirklich mit geschlossenen Augen das auch wieder erlebt, das wird dann halt auf nem Band aufgenommen. Man lernt damit einen neuen Umgang, in dem man das immer wieder auch hört, regelmäßig und ein neues Ende reinsetzt.“

Das neue Ende – das bedeutet nicht ein Happy-End, sondern die Macht über die eigenen Biografie und die eigenen Gefühle wieder zu gewinnen. Das ist nicht einfach, denn dafür muss das traumatische Erlebnisse mehrfach „wieder erlebt“ werden.

„Ja, am Anfang wird’s schlimmer, das ist dann aber normal, und das legt sich dann, je öfter man das hört, so leichter wird’s und man lernt, ganz neu dazu zu stehen. das man nicht mehr von seinen Gefühlen abhängig ist und sein Leben von seinen Gefühlen abhängig gemacht wird, sondern das man die Gefühle in der Hand hat.“

Solche Gespräche werden nur zwischen Therapeut und Patient geführt – Diskussionen über die traumatischen Erlebnisse sind ansonsten Tabu – vor allem bei Gesprächen mit anderen Patienten. Mit denen darf aber über die eigenen Ängste gesprochen werden, zum Beispiel beim Einkaufen. Denn die Traumaopfer werden nicht nur von heftigen emotionalen Ausnahmezuständen geplagt, sie können auch alltägliche Aufgaben nicht mehr bewältigen – die Angst verhindert soziale Kontakte. Sie müssen zum Teil wieder mühsam gelernt werden – in sogenannten Konfrontationsübungen wie mit dem Lebensmittelgeschäft..

Beim ersten Betreten eins Geschäfts nach Jahren hat die junge Frau dann doch erst einmal wieder Panik bekommen – gekauft hat sie nichts.

„Nein, ich bin nur rein und gleich wieder raus … ja.“

Doch mit jedem Versuch wurde es besser. Irgendwann hat sich dann der Erfolg eingestellt.

„Ja, es hat sich auf jeden Fall gebessert. Ich gehe noch nicht gerne einkaufen, aber ich kann wieder einkaufen, also ich habe schon ein paar Dinge schon gekauft. Vorher bin ja gar nicht reingegangen und habe die Wohnung nicht verlassen und jetzt gehe ich halt schon rein und kaufe das, was notwendig ist.“

Auch dabei ist die junge Frau typisch: Die stationäre Behandlung hat Erfolg, eine ambulante Betreuung ist allerdings in den meisten Fellen weiter notwendig. Oberarzt Stefan Räpke:

„Innerhalb der drei Monate sehen wir einen deutliche Verbesserung, nicht bei allen, aber bei einem Großteil der Fälle. Teilweise sehen wir auch Fälle, die beschwerdefrei sein, und dann sind die Daten, die wir uns angucken müssen, was wird aus den Patienten in einem halben Jahr oder in einem Jahr. Das müssen wir uns dann angucken.“